«Am liebsten hätte ich die gesamte Badi leer getrunken»: Wie ein Diabetiker aus Wittenbach mit seiner Erkrankung umgeht

Am 14. November ist Weltdiabetestag, die Zahl der an Diabetes Typ2 Erkrankten nimmt laufend zu. Ernährungsberater und Diabetiker Mike Dähler über Spritzen, Cremeschnitten und zehn Liter Eistee.

Katharina Brenner
Drucken
Teilen
Dieses Essen empfiehlt Mike Dähler: «Ausgewogen, lange sättigend, mit wenig Kohlenhydraten.» (Bild: Ralph Ribi)

Dieses Essen empfiehlt Mike Dähler: «Ausgewogen, lange sättigend, mit wenig Kohlenhydraten.» (Bild: Ralph Ribi)

Die Diagnose Diabetes Typ1 erhielt Mike Dähler kurz vor seinem zwölften Geburtstag. Es war am Ende eines langen Sommers, in dem er vor lauter Durst jeden Tag acht bis zehn Liter Eistee in sich hineingeschüttet hatte. «Am liebsten hätte ich die gesamte Badi leer getrunken», erinnert sich der 36-Jährige. Als er innerhalb dreier Wochen zehn Kilo abnahm, ging seine Mutter mit ihm zum Arzt. Der schickte ihn sofort ins Kinderspital nach St.Gallen. Heute ist Mike Dähler einer von geschätzten 80'000 Menschen mit Diabetes in der Ostschweiz. Tendenz steigend.

Diabetes Typ1 ist eine unheilbare Autoimmunerkrankung, die meist im Kindes- und Jugendalter auftritt. Das Immunsystem greift die Insulin produzierenden Zellen in der Bauchspeicheldrüse an. Dieses Hormon ist lebensnotwendig. Es sorgt dafür, dass Glukose und Eiweisse in die Körperzellen transportiert werden. Weil Dählers Körper kein Insulin mehr produziert, muss er regelmässig seinen Blutzuckergehalt messen und sich vor jeder Mahlzeit spritzen, drei- bis fünfmal pro Tag. Alternativ könnte er eine kleine Pumpe tragen, die seinen Körper auf Knopfdruck mit Insulin versorgt. «Ohne Pumpe fühle ich mich freier.»

Sensor am Oberarm

Seit der Diagnose vor über 20 Jahren hat sich in der Medizin vieles getan. Statt sich regelmässig in den Finger zu stechen, um den Blutzuckergehalt zu messen, trägt Dähler am Oberarm eine Art Sensor. Hält er ein Gerät daran, nicht grösser als ein altes Handy ohne Internetzugang, zeigt es ihm den Wert an. Ist er unterzuckert, muss er sich spritzen und etwas essen. Eine schlimme Erfahrung hat er gemacht:

«Einmal bin ich morgens nicht mehr aufgewacht.»

Während er reglos im Bett lag, habe er mitbekommen, wie seine Familie über seinen Blutzucker geredet und den Arzt gerufen habe. Gefragt nach Einschränkungen, fällt ihm einzig eine ein: Sportlich könne er nicht immer ganz die Leistung bringen, die er gerne bringen würde. In Wittenbach, wo er aufgewachsen ist und mit seiner Frau lebt, spielt Dähler Fussball.

Der Diabetiker ist gelernter Bäcker-Konditor

Bei seiner Berufswahl war die Krankheit keine Einschränkung: Der Diabetiker hat Bäcker-Konditor gelernt. Fiel er bei der Arbeit in den Unterzucker, gönnte er sich eine Cremeschnitte. «Das war toll.» Die Arbeitszeiten mitten in der Nacht hingegen weniger, weshalb er auf Ernährungsberater umsattelte. In dieser Funktion arbeitet Dähler bei Diabetes Ostschweiz, einer Organisation, die Beratungen, Kochkurse und Fusspflege für Diabetiker anbietet.

Fusspflege deshalb, weil Diabetiker aufgrund einer schlechteren Durchblutung an den Füssen weniger schmerzempfindlich sind. Deshalb bemerken sie Entzündungen teils zu spät.

In Orangensaft ist gleich viel Zucker wie in Cola

Dählers Büro an der Neugasse in St.Gallen sieht aus wie ein Kaufladen für Kinder, nur dass die Produkte Erwachsenengrösse und die Flaschen im Regal statt Flüssigkeit Würfelzucker zum Inhalt haben. In einer Cola sind so viele wie in Orangensaft – zehn Stück. Wie Dähler am Tisch sitzt, sportlich schlank und mit einnehmendem Lachen, klingt es überzeugend, wenn er sagt:

«Ich habe die Krankheit schnell akzeptiert. Alles andere bringt nichts.»

Entscheidend sei das Umfeld. Das hätte ihn von Anfang an sehr gut unterstützt.

Deutlich verbreiteter als Dählers Typ1 ist Typ2. Diabetes Ostschweiz geht in seinem Einzugsgebiet von 6000 Erkrankten aus bei Typ1 und von 75000 bei Typ2. Hatten 2007 noch 4 Prozent der Männer in der Schweiz Typ2, waren es zehn Jahre später 5,4 Prozent. Bei den Frauen ist die Zahl von 2,9 Prozent innert zehn Jahren auf 3,5 Prozent angestiegen. Die Form gilt als «Wohlstandskrankheit», und was häufig «Altersdiabetes» genannt wird, haben zunehmend auch Jüngere. Diana Kühne, Geschäftsleiterin von Diabetes Ostschweiz, sagt dazu: «Es ist unbestritten, dass sich das Risiko erhöht, sollten neben der erblichen Veranlagung Risikofaktoren wie Übergewicht und Bewegungsmangel vorliegen.»

Diabetes Typ2 breitet sich aus

Über 400 Millionen Menschen sind von der Krankheit betroffen. Und die Zahl wird weiter steigen. Typ2, zu dessen Ursachen falsche Ernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht gehören, breitet sich aus. In der Schweiz haben 90 Prozent aller Diabetikerinnen und Diabetiker Typ2. Extremer Durst, Sehstörungen, Konzentrationsschwächen und Gewichtsabnahme sind Symptome. Diabetes Ostschweiz lädt am 30. November, von 13.30 Uhr bis 17.15 Uhr, zum Diabetes Forum an der Fachhochschule St. Gallen ein. Auf dem Programm stehen Vorträge und Blutzuckermessungen. Weitere Informationen unter: www.diabetesostschweiz.ch

Ursache für Typ1 bis heute unklar

Als Diabetiker höre er immer wieder den Spruch, dass er sich sicher zu schlecht ernährt habe und deshalb Diabetiker sei, sagt Dähler. «Das trifft auf Typ1 schlichtweg nicht zu.» Die Gründe für die Erkrankung sind bis heute unklar. Fest steht: Wie viel Zucker ein Kind isst, hat keinen Einfluss. Anders bei Typ2. Bei dieser Form produziert die Bauchspeicheldrüse zwar weiterhin Insulin, aber nicht genug. Oder der Körper kann es nicht mehr richtig einsetzen.

Typ2 wird mit Tabletten und einer Umstellung von Ernährung und Bewegung behandelt. Im schlimmsten Fall führt die Krankheit zu Amputationen, Blindheit und Nierenversagen.

Welchen Ratschlag für ein gesundes Essen gibt der Ernährungsberater mit auf den Weg? «Ein halber Teller Gemüse, ein viertel Eiweiss und ein viertel Kohlenhydrate.» Und das am Mittag und am Abend.

Forschende stellen neuen Therapieansatz bei Diabetes vor

Die Insulintherapie ist das Mittel der Wahl bei Diabetes, birgt aber Risiken und Nebenwirkungen. Forschende der Uni Genf haben durch Versuche mit Mäusen ein Molekül identifiziert, das den Weg zu einer neuen Kombitherapie ebnen soll.

WIL: Diabetes: Eine Krankheit, die bleibt

Immer mehr Menschen leiden unter der Zuckerkrankheit Diabetes: In der Schweiz sind es bereits eine halbe Million Personen. Der Weltdiabetestag am 14. November wird genutzt, um die Bevölkerung auf die Wohlstandskrankheit aufmerksam zu machen.
Jonas Manser