«Am besten rufen Sie die russische Luftwaffe an!»

Die Spekulationen über mysteriöse Nachtflüge über dem Toggenburg schiessen ins Kraut. Einige vermuten, dass eine ukrainische Cargo-Airline für die Flüge verantwortlich war. Ein Anruf bei der Fluggesellschaft endet absurd.

Christof Krapf
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Die Spekulationen über mysteriöse Nachtflüge über dem Toggenburg schiessen ins Kraut. Einige vermuten, dass eine ukrainische Cargo-Airline für die Flüge verantwortlich war. Ein Anruf bei der Fluggesellschaft endet absurd.

Schon nach dem ersten Klingeln nimmt in Kiew ein Mann das Telefon ab. «Cavok Air, hello», tönt es aus dem Telefonhörer – das Englisch ist nicht akzentfrei, sondern russisch gefärbt. Der Angestellte der ukrainischen Cargo-Airline wirkt nicht unfreundlich. Geduldig hört er sich das Anliegen an: Über der Ostschweiz hätten Anwohner mysteriösen Fluglärm wahrgenommen. Es werde darüber spekuliert, ob es Maschinen der Cavok Air gewesen seien. Ob er etwas dazu sagen könne. Am anderen Ende der Leitung wird es still. Dann folgt ein Werbespot: «Unsere Flugzeuge sind von verschiedenen Behörden geprüft und dürfen über europäische Länder fliegen», sagt der Ukrainer. Schön, darum geht es aber nicht. Nach beharrlichem Nachfragen bestätigt Cavok Air, dass eine ihrer Maschinen des Typs Antonov AN-12 am 12. November tatsächlich die Ostschweiz überflogen hat. Diesen Flug mit einer AN-12 – sie stammt noch aus der Sowjetzeit – hat auch die Schweizer Flugsicherung Skyguide bestätigt. Er war regulär angemeldet. So weit, so gut.

Schwieriger wird es bei der Frage, ob bereits in den Nächten vom 18. und 20. Oktober Cavok-Air-Maschinen das Toggenburg überflogen hatten. Damals hatten Anwohner ähnliche Fluggeräusche wie am 12. November wahrgenommen. Ukrainische Flugzeuge im Tiefflug über dem Toggenburg – klingt irgendwie nach schlechtem Agentenfilm. Welcher lebensmüde Pilot fliegt schon in einem 61 Tonnen schweren Ungetüm mit vier Propellerturbinen durch ein Bergtal? Und riskiert, damit am Säntis, den Churfirsten oder am Speer zu zerschellen? Und das mitten in der Nacht? Offensichtlich findet auch der Angestellte der Cavok Air diese Vorstellung absurd. Er sagt: «I don't know anything about it» (ich weiss nichts darüber). Dem Ukrainer geht es also ähnlich wie der Schweizer Luftwaffe und der Flugsicherung Skyguide. Sie hatten in den fraglichen Nächten keine Propellerflugzeuge auf ihrem Radar. Vielmehr vermuten sie, dass der Lärm von zwei Boeings des Typs 767 und 737 stammte, die in den Nächten vom 18. und 20. Oktober die Region überflogen haben.

Auf mehrmaliges Nachfragen, ob Cavok Air Flüge über der Ostschweiz am 18. und 20. Oktober entweder bestätigen oder dementieren könne, wird man mit dem «Operations Center» der Frachtfluggesellschaft verbunden.

Der Ton wird rauher, die Freundlichkeit aus der Verkaufsabteilung ist vorbei. Das russisch gefärbte Englisch aber bleibt: «Sie wissen, dass Sie eine Airline anrufen?» Klar, was denn sonst? Dann wieder der Werbespot: «Unsere Flugzeuge sind von verschiedenen Behörden geprüft und dürfen über europäische Länder fliegen. Wir haben neun Maschinen. Alle sind geprüft.» Schon gut, verstanden. Darum geht es aber immer noch nicht. Ob Cavok Air in den fraglichen Nächten über die Ostschweiz geflogen sei? «The answer is no» (die Antwort ist nein). Ob er da ganz sicher sei: «The answer is no.»

Cavok Air will also nichts mit den Überflügen zu tun haben. Trotzdem versucht der Mann vom «Operations Center» dem Ostschweizer Journalisten irgendwie zu helfen. «Am besten rufen Sie die russische Luftwaffe an! Oder noch besser, das russische Verteidigungsministerium.» Warum denn jetzt Russland? «Die haben Flugzeuge vom Typ Tupolew TU-95, die ganz ähnlich wie unsere Antonov klingen.» Dann hängt der Mann auf. Und ab sofort wird nicht nur im Toggenburg über Phantomflüge spekuliert – sondern auch in Kiew.