Am Beispiel von Schwellbrunn und Hemberg: Sind Landgemeinden stärker von der Pandemie betroffen als die Stadtgemeinden?

Eine neue Systematik der Sorglosigkeit im Umgang mit Abstandsregeln lässt sich mit Zahlen kaum untermauern.

Christoph Zweili
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Blick auf das Dorf Schwellbrunn, das nach der Coronahochzeit national in die Schlagzeilen geraten ist.

Blick auf das Dorf Schwellbrunn, das nach der Coronahochzeit national in die Schlagzeilen geraten ist.

Bild: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE

Schwellbrunn muss sich im Internet als Ausserrhoder Dorf der «kriminellen Vollidioten» beschimpfen lassen. Hemberg ist die einzige Gemeinde im Kanton St.Gallen in der Kategorie «10-50 Fälle/10'000 Einwohner» in der zweiten Welle: In diesen Tagen kocht die Wut angesichts hoher Coronazahlen schnell hoch. Doch: Ist sie gerechtfertigt? Gibt es auf dem Land tatsächlich eine neue Systematik der Sorglosigkeit?

Um das Resultat vorwegzunehmen: Die These lässt sich nicht mit Zahlen belegen. Mit Verweis auf den Datenschutz publiziert das Bundesamt für Gesundheit keine Angaben dazu, wie viele Coronafälle es in den einzelnen Gemeinden gibt. Auf Anfrage der NZZ zeigte sich das BAG aber bereit, die Gemeinden zumindest in Kategorien (Anzahl Fälle pro 100'00 Einwohner) einzuteilen. Diese Daten mit Stand vom 16. Oktober, unter anderem zu Hemberg, hat die Zeitung dann publiziert.

Ansteckungen im Toggenburg am höchsten

Der Kanton St.Gallen weist die Fallzahlen nach Wahlkreisen aus, nicht nach Gemeinden. Dies macht es schwierig, das individuelle Verhalten der Einwohnerinnen und Einwohner systematisch abzubilden. Fakt ist: Die Zahlen zeigen weiterhin einen starken Anstieg: Mit 836 laborbestätigten Covid-19-Fällen pro 100'000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen sind derzeit die Coronaneuansteckungen im Wahlkreis Toggenburg am höchsten (Stand Dienstag), gefolgt vom Rheintal (648), St. Gallen (623), Wil (604), Sarganserland (593), Rorschach (554), See-Gaster (511) und Werdenberg (479).

Diese laborbestätigten Fälle bilden allerdings nicht das ganze Infektionsgeschehen ab, sie zeigen allenfalls eine Tendenz – die 46'546 Einwohner auf 100'000 hochzurechnen, wirkt im kleinräumigen Toggenburg geradezu paradox. Und daraus noch abzuleiten, dass hier die Abstandsregeln weniger konsequent eingehalten werden, erst recht.

Beim Kanton heisst es knapp:

«Im Zuge der verschärften Verbreitung der Pandemie verteilen sich die Ansteckungen zunehmend über sämtliche Altersklassen und auch in sämtlichen Regionen im Kanton.»

Es komme daher sowohl auf dem Land wie auch in städtischen Gebieten zu besonderen Ereignissen, die dann zu gehäuften Ansteckungen führten. Eine sibyllinische Anspielung auf Dörfer wie Schwellbrunn und Hemberg, wie es wohl noch einige andere gibt.

Hemberg, das 900-Einwohner-Dorf im voralpinen Hügelland, nach Sonnenuntergang.

Hemberg, das 900-Einwohner-Dorf im voralpinen Hügelland, nach Sonnenuntergang.

Bild: Martin Lendi