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Altes Handwerk neu belebt: Was Sibylle Bichsel kann, können heute nur noch wenige

Ein Zufall wollte es, dass Sibylle Bichsel vor fünf Jahren die Appenzeller Kunstgiesserei übernahm. Am Tag des Handwerks gibt die Zinngiesserin Einblick in eine Tätigkeit, die heute vom Aussterben bedroht ist.
Claudio Weder
Sibylle Bichsel in der Appenzeller Kunstgiesserei. (Bilder: Claudio Weder)

Sibylle Bichsel in der Appenzeller Kunstgiesserei. (Bilder: Claudio Weder)

Einmal pro Woche läuft der Schmelzofen in der Appenzeller Kunstgiesserei auf Hochtouren. Zwei Stunden dauert es, bis er eine Temperatur von 300 Grad erreicht hat – dies reicht in der Regel aus, um alle Elemente der Zinnlegierung zum Schmelzen zu bringen. Die Masse im Ofen schimmert silbern. Mit einer Schöpfkelle giesst Sibylle Bichsel das flüssige Metall in eine Silikonform. Ein Kuhkopf soll es werden. Ist die Masse erkaltet, bearbeitet die Zinngiesserin die gegossene Form solange weiter, bis jedes Detail ihren Vorstellungen entspricht.

Sibylle Bichsel hat neben Kuh- auch Steinbockköpfe im Sortiment. Sie können als Kleiderhaken verwendet werden oder dienen als Ornamente von Lampenfassungen und Toilettenpapier-Halterungen. Schnell wird klar, dass in der Appenzeller Kunstgiesserei keine traditionellen Zinngegenstände hergestellt werden. «Becher, Kannen oder Pokale sind heute längst nicht mehr gefragt», sagt die 51-Jährige, die nun seit fünf Jahren im Zunfthaus zu Appenzell eingemietet ist. Am Tag des Handwerks (siehe Infobox) wird sie – gemeinsam mit 13 weiteren Kunsthandwerkern – einen Einblick in ihre Tätigkeit geben.

Altes Handwerk, innovative Ideen: Ein Toilettenpapier-Halter mit einem aus Zinn gegossenen Steinbockkopf.

Altes Handwerk, innovative Ideen: Ein Toilettenpapier-Halter mit einem aus Zinn gegossenen Steinbockkopf.

Auf einem kleinen runden Tisch in unmittelbarer Nähe des Ofens steht eine Schale, die mit rötlichem Sand gefüllt ist. «Zinn hat den Vorteil, dass man es wieder einschmelzen kann, wenn mal was in die Hose geht», sagt Sibylle Bichsel, während sie ein Schneckenhaus in den Sand drückt und den Abdruck mit einer weiteren Schöpfkelle flüssigem Zinn auffüllt. «Mit Hilfe des Gusssandes kann ich experimentieren und einmalige Formen ausprobieren. Meist nehme ich dazu Dinge aus der Natur.» Die Legierung stellt Bichsel selber her. Sie besteht zu 97 Prozent aus Zinn. Die restlichen drei Prozent hält sie geheim, verrät aber, dass sie kein Blei verwende.

Zinngiesserin wurde sie durch Zufall

Bis vor rund 20 Jahren war Zinngiesserin oder Zinngiesser ein Beruf, für den man eine vierjährige Ausbildung absolvieren musste. Sibylle Bichsel gehört zu den wenigen, die das vom Aussterben bedrohte Metier beherrschen. Zinngiesserin wurde sie aber durch Zufall. «Mein Vater sagte mir immer, ich sollte Restauratorin werden», erzählt sie. Die gebürtige Luzernerin schlug jedoch zunächst einen anderen Weg ein und verdiente ihr Geld als Veranstaltungstechnikerin. Erst später, nachdem sie in die Ostschweiz zog, begann sie sich handwerklich zu betätigen. In ihrer Freizeit schnitzte sie Alpabzüge und veranstaltete bald ihre erste Ausstellung in Appenzell.

Das war vor rund fünf Jahren. «Als ich für meine Ausstellung Flyer bei Sennensattler Roger Dörig auflegen wollte, fragte dieser mich prompt, ob ich nicht die Kunstgiesserei im Zunfthaus übernehmen wolle.» Dörig hat das Handwerkerhaus an der Poststrasse 8 renoviert und die Giesserei im Erdgeschoss bereits eingerichtet. Der ursprünglich vorgesehene Zinngiesser sei ihm aber im letzten Moment abgesprungen. «Ich äusserte zunächst Bedenken, weil ich ja gar kein Zinn giessen konnte», sagt Bichsel. Roger Dörig antwortete darauf: «Dann lernst du es halt.»

Gesagt, getan. Bei Jörg Hiltbrunner, einem der letzten Schweizer Zinngiesser, lernte Sibylle Bichsel das alte Handwerk. Quereinsteigerin zu sein, hatte für sie einen entscheidenden Vorteil:

«Man probiert häufiger Dinge aus, weil man nicht von vornherein weiss, dass sie schief gehen werden. Dadurch entstehen neue Ideen.»

Sind beliebt: Die Lampenfassungen mit Kuhköpfen aus Zinn.

Sind beliebt: Die Lampenfassungen mit Kuhköpfen aus Zinn.

Lampenfassungen sind Verkaufsschlager

Die 51-Jährige ist heute selbstständig. Ihre Lampenfassungen, für die sie mit der St. Galler Beleuchtungsfirma Konigs zusammenarbeitet, haben sich zu Verkaufsschlagern gemausert. Experimentieren gehört bei Bichsel aber immer noch zur Tagesordnung. Bei der Herstellung ihrer Zinnobjekte beruft sie sich auf die alte Tradition, versucht dabei aber stets, neue Wege zu gehen.

Das zeigt sich zum einen in der Technik: Traditionelle Gusseisenformen kommen bei ihr fast genauso häufig zum Einsatz wie neue Silikonformen. Zum anderen in den Motiven: Traditionelle Motive wie Alpabzüge werden immer noch gegossen – verwendet werden sie jedoch als Zierelemente für Fonduegabeln, Lampenschirme oder Whiskyflaschen.

Mithilfe von Gusseisenformen giesst Sibylle Bichsel beispielsweise Fonduegabeln.

Mithilfe von Gusseisenformen giesst Sibylle Bichsel beispielsweise Fonduegabeln.

Das Zunfthaus öffnet am Samstag seine Türen

Seit 2015 widmet sich das Zunfthaus an der Poststrasse 8 in Appenzell dem Kunsthandwerk. Initiiert wurde es von Sennensattler Roger Dörig – mit dem Ziel, mehr Handwerk ins Dorf zu bringen. Aktuell bildet das Zunfthaus die Wirkungsstätte von mehreren Kunstschaffenden: Unter einem Dach arbeiten neben Zinngiesserin Sibylle Bichsel auch ein Schuhmacher, eine Floristin, ein Zimmermann und ein Kunstschmied. Ebenso sind die Säntis Malt Destillerie, die Metzgerei Wetter sowie seit 2018 Fotograf Thomas Biasotto im Zunfthaus präsent.

Letzterem ist die Idee zum ersten Tag des Handwerks zu verdanken, der Samstag im und rund ums Haus veranstaltet wird. Während neun Monaten begleitete Biasotto die jetzigen und ehemaligen Kunsthandwerker des Zunfthauses und dokumentierte ihre Arbeit fotografisch – mit besonderem Fokus auf deren Hände. Daraus ist ein aufwendiger Kunst-Bildband entstanden, der am Samstag präsentiert werden soll. «Anstelle einer gewöhnlichen Vernissage wollten wir eine grössere Veranstaltung zum Thema Kunsthandwerk organisieren», sagt Bichsel, die gemeinsam mit Biasotto den Anlass initiiert hat. Von 10 bis 16 Uhr geben 14 Kunstschaffende Einblicke in ihr Handwerk. Um 16.30 Uhr wird Landammann Roland Inauen das Buch von Thomas Biasotto offiziell präsentieren. (wec)

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