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Pflegeheime der Ostschweiz sind zu wenig ausgelastet

In der Ostschweiz gibt es ein Überangebot an stationären Pflegeplätzen. Mehrere Kantone mussten ihre Prognosen nach unten korrigieren. Im ambulanten Bereich hingegen besteht ein enormer Ausbaubedarf.
Michael Genova
Appenzell Ausserrhoden hat je nach Berechnung zurzeit eine Überangebot von 310 bis 640 Pflegeheimplätzen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Appenzell Ausserrhoden hat je nach Berechnung zurzeit eine Überangebot von 310 bis 640 Pflegeheimplätzen. (Bild: Gaëtan Bally/Keystone)

Die Diagnose ist längst gestellt: Die Schweizerinnen und Schweizer werden immer älter, deshalb steigt der Bedarf an professioneller Pflege. Trotzdem gibt es in Ostschweizer Pflegeheimen zahlreiche leere Betten. Zu diesem überraschenden Schluss kommt eine aktuelle Studie der Credit Suisse.

Die CS-Studie untersuchte die Auslastung von Langzeitbetten in Schweizer Pflegeheimen und stellte fest: Der Belegungsgrad sank zwischen 2012 und 2016 von 96 auf 94 Prozent. In mehreren Ostschweizer Kantonen lag die Auslastung Ende 2016 deutlich unter 95 Prozent, in Appenzell Ausserrhoden sogar bei 85,8 Prozent (siehe Tabelle). Die Ostschweiz zählt laut Studie zu den Regionen, wo kurzfristig teilweise in Risiko eines Überangebots besteht.

Thurgau zog die Notbremse

Andreas Christen, CS-Ökonom und Autor der Studie, sieht für die sinkende Auslastung Ostschweizer Pflegeheime zwei Hauptgründe: das überdurchschnittlich hohe Bettenangebot und den hohen Anteil leicht Pflegebedürftiger in Heimen. «Viele dieser leicht Pflegebedürftigen werden künftig vermehrt ambulant behandelt.» Dadurch werde der Bedarf an Betten in Pflegeheimen in den nächsten Jahren nicht oder nur wenig zunehmen.

Im Thurgau lag die Auslastung der Pflegeheime 2016 bei 92,2 Prozent. Der Kanton reagierte bereits 2014 auf das sich abzeichnende Überangebot und legte eine Obergrenze bei 3222 Betten fest. «Wir mussten die Planwerte revidieren», sagt Susanna Schuppisser, stellvertretende Leiterin des Thurgauer Amts für Gesundheit. Zwei Jahre später wurde das Moratorium durch eine neue Pflegeheimplanung abgelöst. Seither müssen Investoren den Nachweis erbringen, dass ein Bedarf für zusätzliche Pflegeheimbetten besteht.

Ob im Thurgau heute noch ein Überangebot existiere, sei schwierig abzuschätzen, sagt Susanna Schuppisser. Wegen des hohen Renovationsbedarfs würden Betten vorübergehend geschlossen. Zudem würden Zweibettzimmer zunehmend als Einzelzimmer genutzt. Auch diese beiden Effekte führten zu schwankenden Auslastungszahlen. Sie bestätigt aber auch: «Bis 2025 haben wir im Thurgau genügend Pflegeheimplätze.»

Heimkanton Ausserrhoden leidet unter Überangebot

Laut Experten liegt die kritische Grenze für die Auslastung eines Pflegeheims bei 95 Prozent. Wird dieser Wert mehrere Jahre in Folge unterschritten, sei dies ein Anzeichen für ein Überangebot. Auch CS-Ökonom Christen bestätigt: «Ein idealer Belegungsgrad liegt wohl im Bereich von 95 Prozent.» Allerdings gebe es auch Pflegeheime, die mit einer tieferen Auslastung profitabel arbeiten könnten. Zum Beispiel ältere Heime, die den Grossteil ihrer Investitionen bereits abgeschrieben hätten.

Im Thurgau orientiert sich die Behörden an einem minimalen Belegungsgrad von 93 Prozent. Der tiefere Wert berücksichtige den Umstand, dass die Aufenthaltszeit in Pflegeheimen tendenziell abnehme und es häufiger zu kurzfristigen Wechseln komme, sagt Susanna Schuppisser. Wenn ein Pflegeheim allerdings eine Belegungsgrad von 90 Prozent dauerhaft unterschreite, könne der Kanton die bewilligten Plätze reduzieren.

Besonders viele leere Betten gibt es in Ausserrhoder Pflegeheimen. «Aktuell und in den kommenden Jahren besteht tatsächlich ein Überhang», sagt Yvonne Blättler-Göldi, Leiterin Abteilung Pflegeheime und Spitex im Ausserrhoder Amt für Soziales. Je nach Berechnung hat der Kanton zurzeit eine Überkapazität von 310 bis 640 Heimplätzen. Zwischen 2014 und 2016 sank der durchschnittliche Belegungsgrad von 90,6 auf 84,6 Prozent – die CS-Studie kommt für 2016 auf eine Auslastung von 85,8 Prozent.

Appenzell Ausserhoden gilt traditionell als Heimkanton und hat schweizweit am meisten Pflegeplätze pro 1000 Einwohner. Mit ein Grund dafür sind die vielen Bewohner aus anderen Kantonen. Angesichts des aktuellen Überangebots erliess der Ausserrhoder Regierungsrat 2017 eine neue Pflegeheimplanung. Darin hat er den Bedarf an Pflegeplätzen bis ins Jahr 2035 bei 1100 Plätzen festgelegt – zurzeit sind es noch 1146.

Im Ausserrhoder Kantonsrat wurde die Pflegeheimplanung im vergangenen Jahr kontrovers diskutiert. Die Parteiunabhängigen und FDP-Fraktion kritisierten, die neue Obergrenze von 1100 Heimplätzen sei zu hoch angesetzt. «Der tatsächliche Bedarf im Jahr 2035 ist schwer abschätzbar», sagt Yvonne Blättler-Göldi. Der Bedarf könne stark variieren und hänge davon ab, wie intensiv ambulanten oder stationären Pflegeangebote in Anspruch genommen würden.

St. Gallen verabschiedet sich von starrer Planung

Im Kanton St. Gallen waren zwischen 2011 und 2016 die Betten in Pflegeheimen im Schnitt zu 94,5 Prozent ausgelastet. «Wir haben kein Überangebot», sagt Gregor Baumgartner, Leiter Abteilung Alter im St. Galler Amt für Soziales. Die kantonale Zahl ist leicht höher als die von der CS für 2016 errechnete Auslastung (93,9 Prozent). Baumgartner warnt davor, eine Auslastung von 100 Prozent anzustreben. «Mit rund 95 Prozent wird die stationäre Versorgung sichergestellt und es ist nicht mit langen Wartelisten zu rechnen.»

Im vergangenen Jahr hat der Kanton St. Gallen ein neues Modell eingeführt, um den künftigen Bedarf an Pflegeheimplätzen zu berechnen. Seither gibt es keinen starren Richtwert mehr, sondern einen Planungskorridor mit einer Ober- und Untergrenze. Das hat laut Baumgartner den Vorteil, dass kommunale Bedürfnisse so besser berücksichtigen werden können. So kann zum Beispiel eine Gemeinde mit einem weitläufigen Siedlungsgebiet die stationären Heimplätze ausbauen, weil die Ausdehnung des Spitexdienstes auf alle abgelegenen Weiler zu teuer wäre.

Die Alterspflege befindet sich zurzeit in einen Strukturwandel. Die Entwicklung des Bettenbedarfs hängt stark davon ab, wie viele Menschen sich künftig zu Hause statt im Heim pflegen lassen. Theoretisch hätten viele St. Galler Gemeinden genügend Heimplätze bis ins Jahr 2035. «Dann braucht es aber demografiebedingt einen massiven Ausbau der ambulanten Angebote», sagt Gregor Baumgartner. Dazu zählt er Spitexdienste mit flexiblen Öffnungszeiten oder betreute Wohnformen. Wichtig seien aber auch Entlastungsangebote für pflegende Angehörige.

Entlastungsangebote werden zu wenig genutzt

Im Kanton Thurgau ist der ambulante Bereich in den vergangenen Jahren zwar stark gewachsen. «Doch die ambulanten Angebote werden noch zu wenig genutzt», sagt Susanna Schuppisser. Als Beispiele nennt sie den Entlastungsdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes oder Tagesstätten für Menschen mit Demenz, wie die Oase Amriswil und Romanshorn. Oft pflegten Verwandte ihre Angehörigen bis zur Erschöpfung. Dies führe häufig zu kurzfristigen Heimeintritten. «Es wäre wichtig, dass sich Angehörige früher Hilfe holen», sagt Susanna Schuppisser.

In den Westschweizer Kantonen ist die Verlagerung der Alterspflege in den ambulanten Bereich weiter fortgeschritten. Das Spitexangebot ist viel dichter als in der Deutschschweiz, die Bettendichte dafür tiefer. Auch aus diesem Grund ist die Auslastung von Pflegeheimen in der Westschweiz viel höher. Im Kanton Genf zum Beispiel liegt sie über 100 Prozent. Das ist jedoch nicht unproblematisch: Im Universitätsspital Genf warten zurzeit 180 Personen auf einen Heimplatz, wie die «Tribune de Genève» berichtet.

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