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Altersmedizin als Rettung für Landspitäler? Ärzte winken ab: «Ein schlecht durchdachter Schnellschuss»

Die Altersmedizin wird als Rettung für die Landspitäler propagiert. Diese Hoffnung beruhe auf falschen Annahmen, sagen Experten.
Andri Rostetter
Noch vor 20 Jahren ein Mauerblümchendasein gefristet: die Geriatrische Klinik St.Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Noch vor 20 Jahren ein Mauerblümchendasein gefristet: die Geriatrische Klinik St.Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Die Arbeiten an der St.Galler Spitalstrategie sind in vollem Gang. In den kommenden Wochen will die Regierung einen Entwurf in die Vernehmlassung schicken. Dann dürfte auch jene Frage geklärt werden, die seit Monaten die politische Debatte im Kanton prägt: Müssen Spitäler geschlossen werden?

Ein Vorschlag, der regelmässig als Rettung für die gefährdeten Landspitäler propagiert wird: Die Umwandlung der bestehenden Akutspitäler in Geriatrien. Die Gemeinde Wattwil präsentierte im März ein Konzept, wonach das Spital sich künftig auf die Innere und Altersmedizin konzentrieren soll, ergänzt mit Angeboten zur Suchtbehandlung, Schlaflabor, Schmerzklinik sowie einer Adipositas-Abteilung für Jugendliche. «Diese Angebote entsprechen einer steigenden Nachfrage und zielen auch über die Region hinaus auf Patienten», zeigt sich die Gemeinde überzeugt.

Diese Woche verlangten zudem SP und Grüne im Kantonsrat eine Gesetzesanpassung, um die Notfallversorgung an allen neun Spitalstandorten zu sichern und in Einzelfällen durch «gezielte ergänzende Angebote der stationären Versorgung, insbesondere im Bereich der Altersmedizin» zu ergänzen.

Thomas Münzer, Chefarzt der Geriatrischen Klinik St.Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Thomas Münzer, Chefarzt der Geriatrischen Klinik St.Gallen. (Bild: Michel Canonica)

«Müssen uns keine Sorgen um Auslastung machen»

Dass die Altersmedizin als Rettung für die Landspitäler herhalten muss, wird ausgerechnet von den Fachleuten kritisiert. «Die Forderung nach kleinen Geriatrien in der Peripherie ist ein schlecht durchdachter Schnellschuss», sagt Thomas Münzer, Chefarzt der Geriatrischen Klinik St.Gallen. «Die Altersmedizin ist mehr als nur die Kombination von bestehenden medizinischen Fachdisziplinen. Alte Leute sind polymorbid, also mehrfach krank. Sie erholen sich langsamer und sind länger im Spital.»

Hat Münzer Angst vor Konkurrenz?

«Keineswegs. Wir müssen uns keine Sorge um die Auslastung machen.»

Münzer spricht noch ein anderes Problem an, das bisher keine Beachtung gefunden habe: Aussagekräftige Zahlen zur künftigen Auslastung gibt es nicht, einzig die Prognosen aus der Spitalplanung 2017 zeigt den ungefähren Bedarf an akutgeriatrischen Betten: 2015 gab es im Kanton 177 Betten, 2025 sollen es 208 sein. Bereits nächstes Jahr kommen in der Geriatrischen Klinik St.Gallen 15 Betten hinzu. «Wir sind davon ausgegangen, dass wir im Horizont 2015 bis 2025 einen Drittel mehr Patienten haben. Hier sind wir auf Kurs», sagt Peter Altherr vom Amt für Gesundheitsversorgung.

Nur: Mehr Patienten bedeuten nicht automatisch einen höheren Bettenbedarf. Denn auch in der Altersmedizin wird die Aufenthaltsdauer immer kürzer. Und niemand weiss, wie rasch und wie stark sie noch zurückgehen wird. Mit anderen Worten: Um ein Spital zu retten, dürfte der Zuwachs kaum reichen.

Patienten ohne grossen Aufwand verlegen

Das Problem sei auch, dass nicht geklärt sei, was unter einer Geriatrie verstanden werde, sagt Münzer. «Um eine Akutgeriatrie in guter Qualität anbieten zu können, braucht es neben erfahrenen Geriatern ein grosses Team aus Pflege, Therapie, Sozialberatung und psychischer Behandlung.» Zudem sei eine Geriatrie auf die Nähe zu ergänzenden medizinischen Diensten angewiesen.

«Wenn ein Patient mit einer Hüftfraktur zu uns kommt, sind eine halbseitige Lähmung, Infektionen und ein Delirium keine Seltenheit. Dann brauchen wir leistungsfähige Partner.»

Bei der Geriatrischen Klinik St.Gallen sei das der Fall. Ein unterirdischer Gang verbinde die Klinik mit dem Kantonsspital, Patienten könnten bei Bedarf ohne grossen Aufwand beurteilt oder verlegt werden. «Die Verfügbarkeit solcher Spezialgebiete über 24 Stunden bietet die Voraussetzung für eine gute Behandlungsqualität», sagt Münzer.

Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin Klinik für Geriatrie am Unispital Zürich. (Bild: pd)

Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin Klinik für Geriatrie am Unispital Zürich. (Bild: pd)

Diese Aussagen stützt auch Heike Bischoff-Ferrari, Direktorin der Klinik für Geriatrie am Universitätsspital Zürich. Kleingeriatrien auf dem Land seien «nicht zeitgemäss», sagt sie. «Gerade ältere Patienten haben oft atypische Symptome und müssen schnell abgeklärt werden. Dafür braucht es ein akutmedizinisches Umfeld.»

Laut aktuellen Analysen liege die kritische Grösse für eine funktionstüchtige Geriatrie bei minimal 24 Betten. «Ein altersmedizinisches Team braucht eine gewisse Grösse, um Schnittstellen mit den anderen Fachdisziplinen in der Akutmedizin zu betreuen.» Bischoff-Ferrari geht damit von einem höheren Wert aus als etwa Daniel Grob. Der ehemalige Chefarzt geht von minimal 12 Betten aus.

Seine Stossrichtung ist aber die gleiche: Auch die Fachdisziplinen in den grossen Spitälern profitieren, wenn die Altersmedizin in der Nähe ist. «Die Altersmedizin kann die Akutmedizin unterstützen, damit hochbetagte Patienten mit in der Regel mehreren aktiven Grunderkrankungen und einem hohen Risiko für Funktionsverluste schnell und nachhaltig auf die Beine kommen», sagt Bischoff-Ferrari.

Späte Aufmerksamkeit für die Geriatrie

Das Interesse an der Geriatrie ist relativ neu. Noch vor 20 Jahren fristete die Altersmedizin ein Mauerblümchen-Dasein, geriatrische Abteilungen gab es praktisch nur in den grossen Städten. Reine geriatrische Kliniken wie jene in St.Gallen sind auch heute noch Ausnahmen. Erst mit dem wachsenden Bewusstsein, dass mit der Alterung der Bevölkerung ein bedeutender demografischer Wandel bevorsteht, habe sich die Aufmerksamkeit auf die Geriatrie gerichtet, sagt Münzer. Entsprechend hochgefahren wurde auch die Ausbildung: Zum Facharzttitel für Innere Medizin müssen Geriater eine zweieinhalbjährige Zusatzausbildung in der Geriatrie und ein halbes Jahr in der Alterspsychiatrie durchlaufen und anschliessend eine zweite Prüfung bestehen. Münzer bezweifelt deshalb auch, dass es künftig genügend Fachärzte geben werde.

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