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ALTERSKRIMINALITÄT: Im Thurgau hat sich die Zahl der kriminellen Rentner verdoppelt

In Arbon überfällt ein 71-Jähriger eine Tankstelle: Immer mehr Menschen ab 60 geraten auf die schiefe Bahn. Im Thurgau hat sich die Zahl krimineller Rentner sogar verdoppelt. Nicht immer handeln sie jedoch aus finanzieller Not.
Michael Genova
Illustration: Patric Sandri (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Illustration: Patric Sandri (Bild: Illustration: Patric Sandri)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier: <strong style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent; color: rgb(0, 120, 190);"><em style="margin: 0px; padding: 0px; font-size: 18px; vertical-align: baseline; border: none; outline: 0px; background: transparent;">www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>


Den Filzhut tief ins Gesicht gezogen, betritt ein Unbekannter mit schwarzer Sonnenbrille an einem kalten Donnerstagmorgen vor drei Wochen die Coop-Tankstelle in Arbon. Der Mann bedroht die Verkäuferin und verlangt Bargeld. Dann flüchtet er mit mehreren hundert Franken. Die Überraschung folgt sechs Tage später, als die Thurgauer Kantonspolizei die Verhaftung des Täters vermeldet: Der Tankstellenräuber ist 71 Jahre alt.

Es sei äusserst selten, dass ein Mann dieses Alters ein Delikt begehe, sagt Polizeisprecher Mario Christen. «2016 zum Beispiel waren es 9 Frauen und 21 Männer zwischen 70- und 74-jährig, die eine Straftat begangen haben.» Die grosse Mehrheit der jungen Straftäter seien junge Männer.

Mit der Überalterung steigt die Zahl der Delikte

Bei genauerem Hinschauen fällt allerdings auf, dass die Alterskriminalität in der Schweiz seit Jahren kontinuierlich wächst (siehe Tabelle). Im Jahr 2011 waren laut Bundesamt für Statistik 4361 strafrechtlich Beschuldigte über 60 Jahre alt. Fünf Jahre später waren es bereits 5263 Personen, was einer Steigerung von rund 20 Prozent entspricht. Im Thurgau hat sich die Zahl im selben Zeitraum sogar verdoppelt. Im Kanton St. Gallen hingegen ist das Wachstum weniger ausgeprägt, und in Appenzell Ausserrhoden gingen die Strafanzeigen bei den über 60-Jährigen zurück.

Thomas Knecht, leitender Arzt im Fachbereich Forensik am Psychiatrischen Zentrum AR in Herisau, spricht von mehreren Effekten, die sich überlagern. Einen Hauptgrund für die wachsende Alterskriminalität sieht er in der demografischen Entwicklung: «Wenn es mehr alte Menschen gibt, steigt in dieser Altersklasse auch die Zahl der Delikte.»

Über das Motiv des Arboner Tankstellenräubers hat sich die Polizei bislang nicht geäussert. Zurzeit ist unklar, ob der 71-Jährige beispielsweise aus finanzieller Not handelte oder ob er geistig verwirrt war. Die Behörden gaben lediglich bekannt, dass der Täter nicht mehr in Haft sei und die Staatsanwaltschaft eine Strafuntersuchung eingeleitet habe.

Auf der Suche nach dem Kick

Je nach Versorgungslage der Bevölkerung könne Altersarmut eine Rolle spielen, sagt Knecht. Aber auch eine sich verschlechternde geistige Gesundheit sei ein möglicher Auslöser. So könne Altersdemenz zu einer gewissen Enthemmung führen und alte Menschen zu Delikten verleiten, die sie als jüngere Menschen nie begangen hätten.

Senioren werden aber auch straffällig, weil sie die Monotonie in ihrem Leben nicht mehr aushalten: Sie sind auf der Suche nach dem Kick. «Eine existenzielle Leere kann alte Menschen auf Ideen bringen, die sie sonst nicht hätten», sagt Knecht. Dies müsse nicht zwingend in eine Straftat münden. «Einige spekulieren an der Börse, andere gehen ins Casino oder suchen nach Grenzüberschreitungen im sexuellen Bereich.»

Noch älter als der Arboner Dieb war ein Bankräuber, der kurz vor Jahresende die Raiffeisenbank im luzernischen Meggen überfiel. Im Fahndungsaufruf wurde nach einem «50 bis 70 Jahre alten Mann» gesucht. Als die Polizei ihn Anfang Januar fasste, stellte sich heraus, dass er bereits 80 Jahre alt ist. Meist begehen Rentner allerdings eher leichte Straftaten. Die Zahl der Raubüberfälle oder Vergewaltigungen nimmt mit zunehmendem Alter der Täter stetig ab. «Die geistige und körperliche ­Schnelligkeit reicht einfach nicht mehr aus», sagt Knecht. Dies zeigt auch ein Blick in die Statistik: Vermögensdelikte, Tätlichkeiten, Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen, Beschimpfungen und Ladendiebstähle waren die häufigsten Straftaten, für welche über 60-Jährige im Kanton Thurgau 2016 angezeigt wurden. Auffallend ist, dass Beschimpfungen, Drohungen und Beleidigungen einen grossen Teil der Delikte ausmachen. Aus Misstrauen und einem gewissen Altersstarrsinn könne sich eine Querulanz entwickeln, sagt Knecht. «Es gibt Rentner, die mit einer beachtlichen Energie gegen behördliche Vorgaben ­ankämpfen.»

Eine Straftat als Hilfeschrei gegen Ausgrenzung

Sabina Misoch von der St. Galler Fachhochschule leitet das zurzeit grösste nationale Altersforschungsprojekt. Auch sie nennt die höhere Lebenserwartung, Altersarmut und psychische Krankheiten als mögliche Gründe für die steigende Alterskriminalität. Einen weiteren Erklärungsansatz liefert die Lebensphase der Rentner: «Ältere Menschen leiden, weil sie sich gesellschaftlich nicht mehr wahrgenommen fühlen», sagt Sabina Misoch. In ihrer Verzweiflung könnten Senioren durch ein Delikt versuchen, wieder sozialen Kontakt herzustellen und Aufmerksamkeit zu bekommen. Das sei zwar keine geschickte Strategie. Ein solch widersprüchliches Verhalten könne man aber auch bei manchen Jugendlichen mit abweichendem Verhalten ­beobachten.

Sabina Misoch verweist darauf, dass das Phänomen noch wenig erforscht sei. Gerade die Motive straffälliger Rentner müsste die Wissenschaft mit Befragungen genauer untersuchen. Ebenfalls noch unklar sei, ob es sich bei den Rentnern mehrheitlich um Ersttäter handle oder ob sie schon in jüngeren Jahren straffällig wurden.

Es gibt aber auch alte Menschen, die bewusst gegen Regeln verstossen, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Im vergangenen Herbst machte die Sprayer-Oma aus Wittenbach Schlagzeilen. Die 85-jährige Anneliese Adolph hatte eine Fussball-Verbotstafel für Kinder mit roter Farbe übersprüht. Damit protestierte sie dagegen, dass im Wittenbacher Obstgarten-Quartier Kinder nicht mehr Fussball spielen dürfen – und kassierte eine Anzeige. Oder die 86-jährige Louise Schneider, die im Frühjahr 2017 die Spraydose zückte und den Slogan «Geld für Waffen tötet» an eine Bauwand der Schweizerischen Nationalbank in Bern sprühte. Daraufhin nahm die Polizei die Friedensaktivistin fest.

Alte lassen sich nicht mehr alles bieten

Solche Aktionen wertet Sabina Misoch als Zeichen für das gewachsene Selbstvertrauen der neuen Seniorengeneration. «Die heutigen Alten lassen sich nicht mehr alles bieten und wollen aktiv etwas zur Gesellschaft beitragen.» Dazu gehöre auch ein Engagement für politische Anliegen. Dieses veränderte Lebensgefühl der Rentnerinnen und Rentner hat auch die Wissenschaft beeinflusst. Früher sei die Altersforschung davon ausgegangen, dass sich alte Menschen allmählich aus der Gesellschaft zurückziehen, um sich aufs Sterben vorzubereiten, sagt Sabina Misoch. Heute dagegen dominierten sogenannte Aktivitätstheorien. Dabei gehe es um die ­Frage, wie Menschen ihr Altern aktiv gestalten und mit Sinn erfüllen könnten.

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