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ALTERSFORSCHUNG: Offiziell sind sie hetero

Den Leitungen der Pflege- und Altersheime sind fast keine homosexuellen Bewohnerinnen und Bewohner bekannt. Das gehe rein statistisch nicht, sagt eine St.Galler Soziologin. Sie möchte mehr Offenheit schaffen.
Katharina Brenner
Manche lesbische Frauen geben ihre Partnerin im Heim aus Angst als gute Freundin aus. (Bild: Anna Moller/Getty)

Manche lesbische Frauen geben ihre Partnerin im Heim aus Angst als gute Freundin aus. (Bild: Anna Moller/Getty)

Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Dieser Text sollte ein Porträt werden über eine homosexuelle Person, die in einem Ostschweizer Altersheim lebt. Vielleicht hätte sie von der Offenheit und Akzeptanz der anderen Heimbewohner und des Pflegepersonals erzählt. Vielleicht hätte sie aber auch von Diskriminierung und Tabuisierung berichtet. Dieses Porträt gibt es nicht. Die Leitungen verschiedener Ostschweizer Pflege- und Altenheime reagierten auf die Anfrage mit derselben Antwort: «In unserem Heim gibt es keine Person, die offen mit Homosexualität umgeht.» Überraschend kam diese Antwort nicht. Auch die Altersforscherin Sabina Misoch von der Fachhochschule St.Gallen hatte es nicht geschafft, in der Ostschweiz einen homosexuellen Heimbewohner oder eine homosexuelle Heimbewohnerin für ein Interview zu finden.

Unsicherheit im Umgang miteinander

Misoch leitet das Interdisziplinäre Kompetenzzentrum Alter (Ikoa) der Fachhochschule St.Gallen. Das Zentrum hat im vergangenen Jahr eine Studie zur Sensibilisierung stationärer Alters- und Pflegeeinrichtungen im Umgang mit LGBTI- sowie HIV-positiven und aidskranken Klienten und Klientinnen durchgeführt. LGBTI steht für homo-, bi-, trans- und intersexuell. Auftraggeber der Studie waren Pink Cross, die Dachorganisation der Schweizer Schwulengruppen, und die Lesbenorganisation Schweiz (Los). Heimleitungen aus dem ganzen Land haben daran teilgenommen, insgesamt 353 Personen. Die Befragten gaben sehr selten an, dass ihre Einrichtung spezifische Angebote für LGBTI- und/oder HIV-positive/aidskranke Klienten und Klientinnen bereitstellt. Ein Drittel der Befragten gab an, HIV-positive oder aidskranke Personen zu betreuen. Rund ein Fünftel der Befragten betreut LGBTI-Personen. Schwierigkeiten zwischen diesen Bewohnern und dem Personal gab ein Zehntel der Befragten an. Die Gründe dafür seien beidseitige Unsicherheit hinsichtlich des Umgangs miteinander.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass in Schweizer Alters- und Pflegeheimen eine Offenheit gegenüber den Themenbereichen LGBTI, HIV und Aids herrsche. Diese Offenheit sei erfreulich, doch es bestehe auch Handlungsbedarf: etwa im Wissen über die Bedürfnisse von LGBTI-Klienten und -Klientinnen, hinsichtlich der Unterstützungsangebote für Betroffene oder der Verankerung der Themenbereiche LGBTI, HIV und Aids in den Leitbildern der Heime. Da die ­Befragung der Leitungen anonym war, kann Misoch keine Aussagen zu bestimmten Regionen treffen. Rein statistisch sei es aber unmöglich, dass in Schweizer Altersheimen fast keine Menschen mit einer anderen als einer heterosexuellen Orientierung lebten. Man könne davon ausgehen, dass zehn Prozent der Bevölkerung der LGBTI-Community angehörten.

Pink Cross nimmt an, dass sich fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung als ausschliesslich homosexuell definierten. Dazu kämen 10 bis 15 weitere Prozent, die in einer bestimmten Lebensperiode bisexuell seien. «Von der gleichen Proportion ist auch in den Heimen auszugehen», sagt Max Krieg, Leiter Fachgruppe Alter bei Pink Cross. Auch in den Ostschweizer Alters- und Pflegeheimen müssten folglich einige Personen aus der LGBTI-Community leben. Verschiedene Heimleitungen sagten auf Anfrage, dass sie sehr offen seien für dieses Thema. Robert Etter, Präsident von Curaviva St.Gallen, dem Verband der Betagten- und Pflegeheime St.Gallen, sagt, Curaviva setze bei diesem Thema auf Integration und Toleranz. Seiner Meinung nach ist Homosexualität Teil des täglichen Heimlebens.

Den Partner als guten Freund ausgeben

Forschung aus den USA habe gezeigt, dass Homosexuelle aus Angst vor Diskriminierung im Alter seltener Hilfe in Anspruch nehmen würden als Hetero­sexuelle, sagt Sabina Misoch. «Das muss sich dringend ändern.» Es könnte sein, dass homosexuelle Heimbewohnerinnen und -bewohner aus demselben Grund ihre Partnerinnen und Partner nur noch als gute Freunde ausgeben würden, wenn diese zu Besuch kommen. Nicht nur die Heime, die ganze Gesellschaft müsse für das Thema Vielfalt im Alter sensibilisiert werden. Deshalb organisiert das Ikoa zusammen mit Pink Cross heute Abend eine Podiumsdiskussion (siehe Infobox). Ihr grösstes Anliegen sei, das Thema präsent zu halten, sagt Misoch. Es solle auch diskutiert werden, ob integrative oder differenzierende Ansätze in Heimen zukunftsweisend seien. «In einigen Altersheimen gibt es einen Trend hin zur Differenzierung oder Spezialisierung», sagt Misoch. Als Beispiel nennt sie mediterrane Stationen, auf denen es südländisches Essen gebe, welches dann auch zu späteren Zeiten serviert werde als auf anderen Stationen üblich.

Der nächste Schritt für Misochs Forschung sollen Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern in Altenheimen sein, die homo-, bi-, trans- oder inter­sexuell sind. «Wir hoffen, dass wir damit noch in diesem Jahr beginnen können.» Die Suche nach Gesprächspartnern dürfte schwer werden.

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