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ALTERNATIVMEDIZIN: Der Naturarzt und die Chinesen

Thomas Rau, Direktor der Paracelsus-Klinik in der Lustmühle, hat Erfolg – trotz Ärger mit den Behörden. Die neuen chinesischen Eigentümer planen rund um den Globus die Eröffnung weiterer Kliniken nach dem Teufener Vorbild.
Odilia Hiller, Andri Rostetter
Die Spitze der Paracelsus-Klinik in der hauseigenen Apotheke: Verwaltungsratspräsident Victor Teo mit Chefarzt Geoffrey Hürtgen und dem medizinischen Direktor Thomas Rau (von links). (Bild: Ralph Ribi)

Die Spitze der Paracelsus-Klinik in der hauseigenen Apotheke: Verwaltungsratspräsident Victor Teo mit Chefarzt Geoffrey Hürtgen und dem medizinischen Direktor Thomas Rau (von links). (Bild: Ralph Ribi)

Odilia Hiller, Andri Rostetter

Thomas Rau sitzt in seinem Büro. Viel Zeit hat er nicht, um 16 Uhr trifft er sich mit dem Verwaltungsratspräsidenten der Klinik bei Niederteufen, der gerade aus China eingeflogen ist. Aber dieses Gespräch muss sein. Die Öffentlichkeit soll sehen, dass die Paracelsus-Klinik eine seriöse Institution ist. Denn die Klinik ist einmal mehr in die Schlagzeilen geraten. Bei einer Hausdurchsuchung, die verbotene Frischzellen im Visier hatte, war im Jahr 2014 in Raus Tiefkühler ein Medikament aus Kolostrum, der Vormilch von Kühen, gefunden worden. Aus Sicht von Swissmedic, der Heilmittelbehörde des Bundes, eine Übertretung des Heilmittelgesetzes (Tagblatt vom 16. März). Rau erhielt vom Kanton einen Strafbefehl, 1000 Franken Busse und 500 Franken Gebühren, wie jetzt bekannt wurde. Nichts Grosses, aber ärgerlich.

Schillernde Patienten und potente Investoren

Für Klinikdirektor Rau war es nicht das erste unliebsame Zusammentreffen mit den Behörden. Im Jahr 2003 war im Streit um die Todesursache des Prinzen Sadruddin Aga Khan ein Gutachten zum Schluss gekommen, dass dieser an den Folgen einer in der Paracelsus-Klinik erlittenen Infektion verstorben war. Der Fall war wie gemacht für die Medien: ein schillernder Prinz, eine Privatklinik, ein Todesfall. Für Rau war die Geschichte teuer und unangenehm, geschadet hat sie ihm nicht. Genauso wenig wie die Vorfälle um Mike Chan, bis 2014 Mehrheitsaktionär und Verwaltungsratspräsident der Paracelsus-Klinik. Chan vertreibt mit seiner Firma Lab Dom in Genf Produkte, die mutmasslich illegale Frischzellen von Schafen enthalten. Im Mai 2014 trennte sich die Klinik von Chan. «Wir bieten eine hochmoderne, hochtechnisierte Medizin nach dem ganzheitlichen Konzept der biologischen Medizin», sagt Rau. Seine Methoden, die er gemeinsam mit zehn weiteren Ärzten und rund 100 Angestellten anwendet, gehen in seinen Augen «viel tiefer als die Schulmedizin». «Die Schulmedizin behandelt Symptome, wir behandeln die Ursachen.» Und das mit Erfolg, wie Rau betont.

Seit vergangenem Jahr gehört die Paracelsus-Klinik zu 70 Prozent dem chinesischen Pharma- und Healthcare-Milliardenkonzern Huapont. Die Chinesen hegen ehrgeizige Expansionspläne für das medizinische Konzept von Thomas Rau: Weitere Kliniken in China, Vietnam, Malaysia, Italien und Zypern sind geplant. Und zwar weit grössere als die Paracelsus-Klinik, sagt der chinesische Verwaltungsratspräsident der Klinik, Victor Teo. Der 67-jährige Rau begleitet den internationalen Ausbau als medizinischer Direktor. Seit Anfang Jahr ist in der Lustmühle sein Nachfolger im Amt. Geoffrey Hürtgen ist neuer Chefarzt der Klinik, dem grössten Arbeitgeber Teufens. Rau ist stolz auf die 11 000 Übernachtungen pro Jahr, die seine Klinik mit rund 75 000 registrierten Patienten in der Region generiert. Er wünscht sich jedoch mehr Anerkennung. «Die Kantonsregierung muss die Chance ergreifen und erkennen, was unsere innovative Heilkunst für die Region leistet. Gerade angesichts des Zustands des Ausserrhoder Spitalverbunds und der massiven Defizite.» Damit meint er auch, dass seine Praxis nicht mit zusätzlichen Regulierungen behindert werden sollte.

Rau ist wie alle an der Klinik tätigen Ärzte ausgebildeter Schulmediziner. Doch die Distanz zu seinem angestammten Gebiet ist gross. Er kritisiert Impfungen wie auch Werbepraktiken einiger Pharmamultis massiv. Ebenso herkömmliche, auf Symptome fixierte Behandlungsmethoden der Schulmedizin. Obwohl seine Erfahrung mit Patienten in vielen Fällen die Probleme mit den Impfungen aufzeige, sei er aber kein Fanatiker. Mehrmals sagt er: «Ich will nicht polarisieren.» Tatsächlich wird seine Kritik an der Schulmedizin an diesem Tag selten explizit. Im Gegenteil, er lobt sie sogar hin und wieder. «Die Chemotherapie hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht», sagt er etwa und schiebt nach: «Aber Chemotherapien allein genügen bei Krebsleiden nie.»

Zu den Spezialgebieten der Paracelsus-Klinik gehören unter anderem Autoimmunkrankheiten, Stoffwechselkrankheiten, neurologische Krankheitsbilder, aber auch Anti-­Aging-Behandlungen. Krebspatienten, die eine Alternative zur Schulmedizin suchen, reisen in die Lustmühle ebenso wie Asthmatiker oder Allergiker. 15 bis 20 Prozent der Klientel kommen aus dem Ausland. 2015 waren Patienten aus 82 Ländern in Behandlung. Die meisten von ihnen bleiben gemäss Rau mindestens zwei Wochen. Das Hotel Säntis in Teufen, das zur Klinik gehört, beherbergt abseits des Blitzlichts immer wieder Prominenz aus Wirtschaft, Königshäusern und Showbusiness. Ein regelmässiger Gast in der Lustmühle ist auch Hollywood-Schauspieler Robert De Niro, dessen autistischer Sohn ein Patient Raus ist. Auch Oscar-Preisträgerin Meryl Streep soll sich kürzlich in der Lustmühle einer Behandlung unterzogen haben. Rau mag das weder bestätigen noch dementieren. Er lächelt und sagt: «Sie werden verstehen, dass ich Ihnen keine Namen nennen kann.»

Streit um Interpretation des Heilmittelgesetzes

«Die Angelegenheit mit den Frischzellen betrifft uns eigentlich gar nicht», sagt Rau zu den aktuellen Vorwürfen. «Das ist eine Debatte zwischen Bund und Kanton.» Die Sache ist kompliziert. Es geht um die Interpretation des grosszügigen, historisch gewachsenen Ausserrhoder Heilmittelgesetzes, um die Kompetenzen von Swissmedic und um Magistralrezepturen, also um das Recht des Arztes, individuelle Heilmittel herzustellen. Eine Praxis, auf die auch die Paracelsus-Klinik mit ihren personalisierten Behandlungsplänen setzt. Rau ist überzeugt, nichts Unrechtes getan zu haben. Und er weiss: Peter Guerra, der Ausser­rhoder Kantonsapotheker, steht hinter ihm. Rau deutet an, es könnte im Hintergrund auch um einen Interessenkonflikt mit Pharmafirmen gehen, die für die fraglichen Inhaltsstoffe gerne eigene Patente hätten. Mit der Kritik steht er nicht alleine da: Viele Gesundheitsbetriebe haben gegen die weit gefasste Frischzellen-Interpretation von Swissmedic Einsprache eingelegt. Ein Entscheid ist noch nicht gefallen.

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