Alte Dame auf Landgang

Die «Hohentwiel», das einzige Dampfschiff auf dem Bodensee, wurde gestern in Romanshorn ausgewassert. In der Werft der Bodensee-Schifffahrt AG steht ihr eine Grossrevision bevor, an der auch die eigene Besatzung beteiligt ist.

Daniel Walt
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romanshorn. 56,84 Meter lang und 13 Meter breit ist die «Hohentwiel», einziger noch verbliebener Raddampfer auf dem Bodensee. Mit ihren Massen passt die alte Dame, welche am 1. Mai 1913 auf Jungfernfahrt ging, nur knapp in die Werft der Bodensee-Schifffahrt AG (SBS) in Romanshorn. Auch in Sachen Höhe der «Hohentwiel» stiess die Werft bei der gestrigen Auswasserung des Dampfers an ihre Limiten.

Konkurrenz ausgestochen

Zahlreiche Medienvertreter aus dem In- und Ausland beobachteten, wie die «Hohentwiel» gestern morgen mit einer Geschwindigkeit von 4,2 Zentimetern pro Sekunde in die Werft gezogen wurde. Damien Baker, technischer Leiter der SBS-Werft, freut sich darüber, dass das historisch wertvolle Schiff seit seiner Wiederinbetriebnahme 1990 zum ersten Mal in Romanshorn generalüberholt wird.

«Die Auswasserung dieses Raddampfers ist sicherlich der Höhepunkt dieses Winters für unsere Werft», hält Baker fest. Warum kam gerade die SBS-Werft in Romanshorn zum Handkuss? Dazu Adolf Konstatzky, seit 2004 Kapitän der «Hohentwiel»: «Die Romanshorner Werft hat den Auftrag aufgrund des besten Gesamtpaketes erhalten.» Er denkt dabei an den Preis, aber auch an die Rahmenbedingungen. «So kann die Romanshorner Werft beispielsweise geschlossen und geheizt werden», sagt Konstatzky.

Das sei andernorts nicht der Fall, fügt er an.

Gesamtkosten: 60 000 Euro

Auszuführen sind in den nächsten Wochen bis zum Start in die Saison verschiedenste Arbeiten am altehrwürdigen Schiff. Das Unterwasserschiff wird gereinigt, es wird kontrolliert, ob Schäden vorliegen, und der Farbaufbau wird erneuert. Zudem sind Verschleissteile bei der Ruderanlage zu ersetzen sowie die Schaufelräder abzuschleifen und neu zu lackieren. Auch das Überwasserschiff erhält einen Neuanstrich.

Rund 60 000 Euro kostet die gesamte Generalüberholung inklusive anschliessender Zertifizierung. Der Betrag wäre um einiges höher, wenn sich nicht auch die gesamte sechsköpfige Besatzung des Schiffes an den Arbeiten in der Romanshorner Werft beteiligen würde. Angenehmer Nebeneffekt der Integration der Mitarbeitenden in die Revision: «Deren Identifikation mit der <Hohentwiel> steigt dadurch», wie Adolf Konstatzky sagt.

Vor dem Zerfall gerettet

Die «Hohentwiel» ist ein starkes Symbol für die länderübergreifende Zusammenarbeit im Bodenseeraum. Dieser Überzeugung ist Marcel Fischer, alt Stadtpräsident von Rorschach. Er ist Vorsitzender der Schweizer Sektion des Vereins Internationales Bodensee-Schifffahrtsmuseum. Dieser wiederum ist Träger der «Hohentwiel». «Unser Zusammengehörigkeitsgefühl, welches die <Hohentwiel> symbolisiert, lassen wir uns auch von Bern und Berlin nicht verderben», sagte Fischer in Anspielung auf den Steuerstreit zwischen Deutschland und der Schweiz.

Er blickte in der Folge zurück auf die Ursprünge der «Hohentwiel», dem letzten Gefährt seiner Art, welches in der Dampfschiffbau-Epoche auf dem Bodensee in Betrieb genommen wurde. 1944 entging die «Hohentwiel» dem Bombardement in Friedrichshafen nur, weil sie zufällig gerade in Konstanz stationiert war. Nach ihrer Ausmusterung 1962 diente sie dem Bregenzer Segelclub zunächst als Clubheim.

1984 dann gründete sich der Verein Internationales Bodensee-Schifffahrtsmuseum mit dem Ziel, das Dampfschiff vor dem Zerfall zu retten. In der Folge wurde die «Hohentwiel» wieder instand gestellt und ging 1990 zum zweiten Mal auf Jungfernfahrt.

Besuchstag mit Jazz

Schiff-Fans von nah und fern können der «Hohentwiel» bei ihrem Facelifting in der Romanshorner Werft einen Besuch abstatten, und zwar am Samstag, 17. April, von 11 bis 17 Uhr. Gleichentags finden im Romanshorner Hafen auf drei Schiffen Jazzkonzerte statt.

Unter anderem auch auf der «Sonnenkönigin» – «das ergibt dann eine Verbindung zwischen alt und neu», wie Benno Gmür, CEO der Bodensee-Schifffahrt AG sagte, der seine Firma auf Kurs in eine erfolgreichere Zukunft sieht.

Einzug der «Hohentwiel» in der Werft der Bodensee-Schifffahrt AG. (Bilder: ky/Michel Canonica/Regina Kühne)

Einzug der «Hohentwiel» in der Werft der Bodensee-Schifffahrt AG. (Bilder: ky/Michel Canonica/Regina Kühne)

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