«Als Schweizer Unternehmen sind wir neutral»: Spuhlers heikler Flirt mit dem Diktator

Zum Umgang mit der Lukaschenko-Diktatur lässt sich Stadler Rail nicht in die Karten blicken, auch nicht an der Semester-Medienkonferenz.

Serafin Reiber
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Entgegen früherer Meldungen plant Stadler keinen weiteren Ausbau seines Werks nahe Minsk.

Entgegen früherer Meldungen plant Stadler keinen weiteren Ausbau seines Werks nahe Minsk.

Tatyana Zenkovich/EPA
(Fanipol, 3. März 2020)

Von den Massenprotesten gegen Diktator Alexander Lukaschenko in Weissrussland ist anlässlich der Präsentation der Semesterzahlen des Bahnbauers Stadler Rail am Dienstag nur am Rande die Rede. Schweizer Nichtregierungsorganisationen, aber auch eine weissrussische Bürgerrechtlerin hatten letzte Woche Patron Peter Spuhler vorgeworfen, sich öffentlich zu wenig von Lukaschenko zu distanzieren. Dies tat Spuhler auch gestern auf Nachfrage nicht.

Seit 2014 betreibt der Ostschweizer Bahnbauer Stadler in Minsk ein Werk mit 1500 Mitarbeitenden. Das sind gut 12 Prozent des gesamten Personalbestands. Dieses Werk, errichtet in einem Joint Venture mit dem Lukaschenko-Regime, ist Spuhlers Tor zu den Märkten in den früheren Sowjetstaaten. Er belieferte von dort aus unter anderem Russland, Aserbaidschan, Georgien, aber auch die weissrussische Staatsbahn mit Rollmaterial. Für den Bau der Fabrik, die im öden Minsker Umland innert 18 Monaten aus dem Boden gestampft wurde, gewährte das Regime Stadler fünf Jahre Steuerfreiheit. Spuhler verdiente als Bahnbauer auch an Aufträgen Lukaschenkos.

«Wir stehen zu Schweizer Werten»

Auf Nachfrage heisst es bei Stadler: Natürlich sei die Situation angespannt, man hoffe, dass sie gewaltfrei ende. «Als Schweizer Unternehmen sind wir neutral, wir können uns nicht in innenpolitische Vorgänge einmischen», sagt Spuhler. Streiks, wie bei vielen weissrussischen Staatsbetrieben, habe es keine gegeben.

«Einzelne Mitarbeiter nehmen an den Kundgebungen teil. Das verbieten wir nicht, wir sind eine Schweizer Unternehmung. Wir stehen zu diesen Werten.»

Bisher habe es wegen der Unruhen im Land keine Lieferkettenverzögerungen gegeben, sagt Spuhler.

Widersprüchlichkeiten und wenige Journalistenfragen

Zum Umgang mit der Diktatur und den zu erwartenden Umwälzungen im Land lässt sich Stadler weiterhin nicht in die Karten blicken. Das wurde an der gestrigen Telefonkonferenz greifbar, an der mehrere Journalisten und einige Finanzanalysten Fragen stellen konnten. Über einen im März kommunizierten Ausbau des Minsker Werks sagt Spuhler nun:

«Wir haben eigentlich keine Pläne für den Ausbau.»

Aber noch im März hatte der Chef des Minsker Werks über die weissrussische Nachrichtenagentur Belta angekündigt, Minsk dereinst zum grössten Produktionsstandort von Stadler zu machen.

Unklar, ob politisch aktive Mitarbeiter geschützt werden

Ebenfalls unklar bleibt, ob und wie politisch aktive Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber vor dem Geheimdienst KGB geschützt werden. In Weissrussland ist es üblich, dass die Geheimdienste grossen Druck auf die Vorgesetzten im Betrieb ausüben. Marina Winder, Mediensprecherin von Stadler Rail, schreibt auf Anfrage:

«Das haben wir bis jetzt nicht so erlebt.»

Recherchen dieser Zeitung hatten ergeben, dass bei Protesten nach den Regierungswahlen auch 15 weissrussische Stadler- Mitarbeiter festgenommen worden waren. Stadler soll sich für deren Freilassung eingesetzt haben. Das Unternehmen sagt dazu: «Davon haben wir keine Kenntnis.»