Als Personenschützer, Hundeführer oder Kaderleute – das WEF in Davos hält die St.Galler Polizei auf Trab

Der Kanton St.Gallen schickt dieses Jahr weniger Polizisten nach Davos. Doch die Belastung während des WEF hat nicht abgenommen.

Marcel Elsener
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St. Galler Kantonspolizistin im Einsatz – ob im «normalen» Alltag oder für den WEF-Ausnahmezustand, ist für die Bevölkerung selten erkennbar.

St. Galler Kantonspolizistin im Einsatz – ob im «normalen» Alltag oder für den WEF-Ausnahmezustand, ist für die Bevölkerung selten erkennbar.

Bild: Raphael Rohner

Ausnahmezustand – und niemand merkt’s. Was gut ist, jedenfalls für jene, die im Ausnahmezustand arbeiten. So liesse sich die nächste Woche für den Kanton St.Gallen beschreiben. Es ist wie jedes Jahr in der zweiten Januarhälfte die Woche des Weltwirtschaftsforums WEF in Davos. Und wenn sich von Dienstag bis Freitag in der Bündner Bergstadt gegen 3000 international wichtige Personen aus der Wirtschaft, Politik und Wissenschaft treffen, ist St.Gallen als Nachbarkanton tangiert wie kaum ein anderer Kanton.

Der Ausnahmezustand betrifft vor allem die Kantonspolizei. Ihre 850 Korpsmitglieder dürfen während des WEF weder Ferien machen noch Kompensationstage einziehen, diese Sperre gilt seit Jahren. Alle an Bord, wenn auch nicht alle an der Front, lautet quasi das Motto. Die Zahlen der am WEF oder im Umfeld eingesetzten Kantonspolizisten bleiben geheim, wie gewohnt gilt eine «restriktive Informationspolitik aus Gründen der Sicherheit». Die St.Galler Polizei sei wie die Polizeien sämtlicher anderer 25 Kantone sowie die Landespolizei des Fürstentums Liechtenstein «in die polizeiliche Bewältigung des WEF eingebunden», sagt ihr Medienchef Hanspeter Krüsi dazu.

Alle Wege nach Davos führen über St.Galler Strassen

Von den bis zu 1000 Polizeiangehörigen im WEF-Einsatz – zusätzlich zu den rund 5000 Soldaten – dürften einige Dutzend aus dem St.Galler Korps sein. Die personelle Belastung für die Kantonspolizei St.Gallen sei vor und am Forum 2020 «nach wie vor gross», sagt Krüsi. Zwar habe man die Anzahl Leute, die nach Davos beordert werden, seit 2019 «signifikant reduziert». Dass St.Gallen in die «Glocke von Davos» (WEF-Sicherheitschef Walter Schlegel) weniger Polizisten abkommandieren muss und von anderen Kantonen entlastet wird, dürfte das Resultat von Gesprächen der Polizeidirektoren sein: 2016 war die ärgerliche Doppelbelastung für die St.Galler Polizei, die bei zusätzlichen WEF-Einsätzen im eigenen Kanton nicht angerechnet wurde, ein Thema in den Medien. Die St.Galler forderten damals wegen ihres Aufwands am «Tor zum Bündnerland» einen faireren Verteilschlüssel.

Trotz der Verbesserung habe die Belastung durch das WEF gesamthaft nicht abgenommen, sagt der St.Galler Polizeisprecher. Der Grund sind die zusätzlichen «Hotspots» im Kanton und dem Strassenverkehr, wie er andeutet, ohne die sogenannten Hotspots zu benennen. Klar ist die Beanspruchung im Verkehr: Der Weg nach Davos führt immer über das St.Galler Strassennetz, ob via Rheintal oder via Walensee. Darum sei die St.Galler Polizei auf «diesen Verkehrsachsen einerseits stark präsent» und müsse «andererseits Verkehrslenkungsmassnahmen übernehmen».

Amerikanische Agenten in Bad Ragaz und Ukrainer in St.Gallen

Weniger klar – oder eben geheim – bleiben die weiteren Brennpunkte wie der Flugplatz Altenrhein oder Bad Ragaz mit dem Grand Hotel Quellenhof und anderen Hotels. Auf solche oder andere Orte und Hotelnamen geht der Kapo-Mediensprecher nicht ein. Und ebenso wenig Auskunft gibt er über die Bewachung des Bad Ragazer Resorthotels, in dem nachweislich sicherheitsrelevante WEF-Gäste logieren. Hohe Regierungsvertreter sind es kaum einmal, aber Leute aus deren Umfeld: Dieses Jahr ist immerhin bekannt, dass Secret-Service-Männer von US-Präsident Donald Trump im «Quellenhof» einquartiert werden.

Auf die Nachfrage, wo der Kanton polizeilich vom WEF tangiert sei, sagt Krüsi lediglich:

«Sobald sich völkerrechtlich geschützte Personen in einem Hotel im Kanton St.Gallen aufhalten oder kulturellen Städten einen Besuch abstatten, sind Angehörige der St.Galler Kantonspolizei involviert.»

Dabei könne es vorkommen, «dass bis zum letzten Moment nicht klar ist, wer sich wann und wo genau aufhält». Zudem könnten Situationen in den Herkunftsländern der Politiker die Pläne schnell ändern lassen. «Eine grosse Flexibilität und eine gewisse Personalreserve der Polizei ist zwingend», sagt Krüsi. Zur Flexibilität gehören vergebliche Planungen: «Es kann sein, dass Hotels gebucht sowie Sicherheitsdispositive erstellt werden und letztlich die Delegation nicht anreist.»

Kapo-Angehörige akzeptieren jegliche WEF-Einsätze

Ausflüge der WEF-Prominenz werden selten publik. Eine Ausnahme war das Nachtessen einer ukrainischen Regierungsdelegation vor vier Jahren im «Marktplätzli» in der St.Galler Innenstadt: Der Aussenminister und sein Gefolge parkierte den Konvoi von Limousinen und Kleinbussen auf dem Weg nach Kloten auffällig in der Fussgängerzone, bewacht von der Polizei. «Solche Wünsche müssen wir erfüllen», sagte Krüsi damals. «Manche wollen auch das Kloster besichtigen.»

Ab und zu profitieren Hotels in der Region St.Gallen von WEF-Besuchern. «Stopovers» über Nacht aufgrund von Spätflügen nach Altenrhein und kurzfristige Überflussbuchungen hätten in den letzten Jahren zugenommen, sagt Hoteliervereinspräsident und «Einstein»-Direktor Michael Vogt. Dabei handle es sich eher um Nebenfiguren, die man – wenn sie denn unter ihrem richtigen Namen einchecken – nicht oder erst im letzten Moment erkenne.

Angehörige der St.Galler Kapo werden rund ums WEF als Personenschützer, Verkehrspolizisten, Uniformpolizisten, Hundeführer, fliegende Einsatzleiter, Ordnungsdienstleistende oder Kaderleute eingesetzt. Ist der Einsatz begehrt oder eher unliebsam? Die Kantonspolizisten seien sich Einsätze ausserhalb ihres «normalen» Arbeitsgebietes gewohnt, sagt Krüsi: «Wir stellen keine Widerstände bei der Einteilung von Personen am WEF fest.» Und falls doch einmal gemurrt wird, bleibt auch dies geheim. Ausnahmezustand halt.

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