Es wird dunkel auf der Bollenwees: Einer von vielen langen und hektischen Tagen neigt sich dem Ende zu. (Bild: Raphael Rohner)

Es wird dunkel auf der Bollenwees: Einer von vielen langen und hektischen Tagen neigt sich dem Ende zu. (Bild: Raphael Rohner)

Reportage

Ein Tag im Berggasthaus Bollenwees – vom ersten Kafi bis zum letzten Schnaps um Mitternacht

Rösti im Minutentakt, wenig Verschnaufpausen und kein einziger freier Tag von Mai bis November: Die Arbeit in einem Berggasthaus ist anstrengend, die Tage sind lang – vor allem jetzt in der Hauptsaison. Eine 24-Stunden-Reportage aus dem Berggasthaus Bollenwees.

Stephanie Martina / Raphael Rohner
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6.00 Uhr – Tagwacht im Berggasthaus Bollenwees

Noch ist es still. Einzig in der Küche rumort es. Bergwirt Thomas Manser ist dabei, das Frühstücksbuffet vorzubereiten. Während der Saison, von Mitte Mai bis Anfang November, ist Manser meist der Erste, der morgens aufsteht und der Letzte, der nach einem langen Tag zu Bett geht. Oftmals erst gegen Mitternacht.

Lange ist der 45-Jährige am Morgen aber nicht alleine. Als es draussen dämmert, sind leise Stimmen zu hören. Für Bergwirtin Monika Manser (46) ist diese Stunde heilig:

«Das ist die einzige Stunde am Tag, die ich für mich habe und ich die Ruhe geniessen kann.»

Sie trinkt Kaffee, während sie nebenbei das Frühstück für die Übernachtungsgäste parat macht.

7.15 Uhr – Zmorge für die Gäste 
Familie Maurer aus Schaffhausen frühstückt an diesem Morgen in der Bollenwees. (Bild: Raphael Rohner)

Familie Maurer aus Schaffhausen frühstückt an diesem Morgen in der Bollenwees. (Bild: Raphael Rohner)

Die ersten hungrigen Gäste schlurfen mit verschlafenem Blick in die Gaststube fürs Frühstück. Die Tochter der Wirte, Leandra Manser, ist eine der Serviceangestellten. Die 16-Jährige begrüsst die Gäste: «Wa taari eu bringe? Chli Kafi?» Die Gäste bejahen und bekommen kurz darauf ein Kännchen mit frischem Kaffee serviert. Dazu gibt es Brot, hausgemachte Konfi, Müesli, Orangensaft und allerlei anderes. Klassisch wird der Abfall in einem Ovomaltine-Eimer in der Mitte des Tischs entsorgt.

7.45 Uhr – Zwischen Stille und Hektik
Während die einen noch frühstücken, sind andere bereit zum Aufbruch. (Bild: Raphael Rohner)

Während die einen noch frühstücken, sind andere bereit zum Aufbruch. (Bild: Raphael Rohner)

Mit weissen Socken und Knickerbockern steht ein Tourist aus Deutschland am Holzzaun der Terrasse. Er geniesst die Stille und die Aussicht auf den Fälensee im Morgenlicht. Neben ihm liegt eine Wanderkarte auf dem Tisch. «Ich überlege, über welche Route meine Frau und ich heute zur Meglisalp und dann zum Mesmer wandern sollen.»

Der Ausblick vom Berggasthaus Bollenwees auf den Fälensee. (Bild: Raphael Rohner)

Der Ausblick vom Berggasthaus Bollenwees auf den Fälensee. (Bild: Raphael Rohner)

Drinnen wünscht Bergwirt Thomas Manser seinen Gästen einen guten Morgen und serviert – wo nötig – mit, nebenbei kümmert er sich um die Lebensmittelbestellungen. Auch Monika Manser ist im Schuss. Immer mehr Gäste kommen ins Restaurant, das 160 Personen Platz bietet, und wollen frühstücken.

8.30 Uhr – In der Küche beginnen die Vorbereitungen fürs Mittagessen

«So, die Frühschicht ist durch», sagt Thomas Manser. Nun zieht er sich in die Küche zurück. Denn nun fangen die Vorbereitungen fürs Mittagessen an. Wie so oft beginnt Manser auch heute damit, Geschnetzeltes zu braten. Seine vier Küchenangestellten sind bereits dabei, Zwiebeln zu hacken und Kartoffeln zu schälen. «Ohne diese Vorbereitung könnten wir das Mittagsgeschäft nicht stemmen», sagt Manser, während er die nächste Portion Fleisch würzt. An Tagen, an denen wetterbedingt nicht so viel los sei wie heute, würden sie auch Kräuterbutter und Hacktätschli vorbereiten und einfrieren, denn jetzt in der Hochsaison bleibe dafür kaum Zeit.

Allrounder Fabian kommt mit der Lieferung aus dem Tal an. (Bild: Raphael Rohner)
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Das Auto ist bis unter die Decke mit Lebensmitteln gefüllt. (Bild: Raphael Rohner)
In der Küche laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren: Thomas Manser kümmert sich ums Geschnetzelte. (Bild: Stephanie Martina)
Zuerst schneidet Angela die Zwiebeln... (Bild: Stephanie Martina)
...dann die Kartoffeln für den Herdöpfelsalat. (Bild: Stephanie Martina)
Die Salattheke ist bereit. (Bild: Stephanie Martina)
Auch die Schnitzel werden vorbereitet. (Bild: Stephanie Martina)

Allrounder Fabian kommt mit der Lieferung aus dem Tal an. (Bild: Raphael Rohner)

Jetzt geht es für Thomas Manser ans Salatrüsten. Es ist nicht zu übersehen, dass Manser das seit vielen Jahren macht. 15 Jahre, um genau zu sein. Im Jahr 2004 haben Thomas Manser und seine Frau Monika das Berggasthaus als Pächter übernommen. Jeder Handgriff sitzt, und während er mit dem Rüstmesser hantiert, koordiniert Manser gleichzeitig, den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, eine Sonnenschirm-Lieferung. Obwohl alle in Eile sind, herrscht in der Küche gute Stimmung, und vor allem Thomas Manser ist stets zu einem Spässchen aufgelegt.

Multitasking ist ein Muss: Thomas Manser telefoniert beim Salatrüsten. (Bild: Stephanie Martina)

Multitasking ist ein Muss: Thomas Manser telefoniert beim Salatrüsten. (Bild: Stephanie Martina)

10.50 Uhr – Zmittag für das Team

«Essen!», schallt es durchs ganze Haus. Bevor das Mittagsgeschäft losgeht, gönnen sich die Wirtefamilie und die Angestellten beim gemeinsamen Zmittag eine kurze Verschnaufpause. Sofern möglich. Denn wenn ein Gast um halb elf bereits ein Schnitzel essen wolle, bekomme er es natürlich auch, sagt Manser. An solchen Tagen gebe es für ihn keine Mittagspause, die Mitarbeiter stünden an erster Stelle. «Uns ist wichtig, dass unsere Angestellten Pause und Zimmerstunde machen sowie Überzeit und freie Tage beziehen können. Wir kommen erst danach.»

Nicht nur auf den Zmittag muss Thomas Manser an manchen Tagen verzichten. Auch auf vieles anderes. Er habe schon einige Hochzeiten seiner Kollegen verpasst und auch die Geburtstage seiner Geschwister.

«Ich will nicht jammern, aber es ist einfach so, dass wir alle, auch unsere Kinder, während sechs Monaten im Jahr auf vieles verzichten.»

Im Winter hole er einen Teil davon nach, treffe sich mit Freunden, verbringe Zeit mit der Familie. «Doch», sagt Thomas Manser ernst: «Alles kann man eben nicht nachholen. Es ist wie beim Schlafen: Vor- und nachschlafen ist nur bedingt möglich.»

11.10 Uhr – Die Sonnenterrasse füllt sich langsam
Karin arbeitet die erste Saison im Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Stephanie Martina)

Karin arbeitet die erste Saison im Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Stephanie Martina)

Während sich das übrige Team am Mittagstisch stärkt, hält die Serviceangestellte Karin die Stellung. Die gelernte Pharma-Assistentin ist das erste Jahr auf der Bollenwees. An den stressigen Alltag hat sich die 20-Jährige aus Abtwil aber bereits gewöhnt: «Es ist schon etwas ganz anders als mein vorheriger Beruf. Eigentlich ist es, als würde ich eine zweite Lehre absolvieren. Aber wir sind ein gutes Team und helfen einander, dadurch habe ich mich schnell zurechtgefunden.»

Am Nachmittag – wenn die Wanderer weiterziehen und bevor sich die Übernachtungsgäste abends verköstigen wollen – haben die Angestellten Zimmerstunde. Karin nutzt diese Zeit meistens für ein Nickerchen. Denn die vielen Kilometer, die sie täglich mit Tablar zurücklegt, schlauchen sie manchmal ziemlich.

Ramon, Leana und Matthias Koller kehren auf ihrer Wanderung in der Bollenwees ein. (Bild: Stephanie Martina)

Ramon, Leana und Matthias Koller kehren auf ihrer Wanderung in der Bollenwees ein. (Bild: Stephanie Martina)

Und schon nimmt Karin wieder einige Meter unter die Füsse. Neue Gäste haben sich an einen der roten Tische gesetzt und möchten bestellen. Matthias Koller aus Haslen und seine beiden Kinder Ramon und Leana haben sich für eine Rösti und einen Fitnessteller entschieden. «Nach der ersten Etappe unserer Wanderung freuen wir uns jetzt auf einen feinen Zmittag. Die Kinder sind zum ersten Mal hier oben», sagt Vater Matthias Koller. Weil zu Hause auf dem Bauernhof immer etwas zu tun sei, würden sie nicht verreisen, sondern hätten für den Nachwuchs sonst ein Ferienprogramm mit Ausflügen, wie dem heutigen, zusammengestellt.

11.30 Uhr – Bettenmachen im Akkord
Monika und Aga beim Bettenmachen. (Bild: Stephanie Martina)

Monika und Aga beim Bettenmachen. (Bild: Stephanie Martina)

Eine Etage höher sorgen drei Frauen dafür, dass die Zimmer im Haus am Nachmittag wieder bezugsbereit sind. Monika und Aga aus Polen arbeiten seit mehreren Sommern in der Bollenwees und sind wahre Profis im Bettenmachen. Ruckzuck steckt das Duvet im Bezug. «Wir müssen schnell sein», sagt Aga. Es warte nämlich noch ein Haufen Arbeit auf sie.

«Da die meisten Gäste nur eine Nacht hier verbringen, müssen wir die meisten der 140 Betten täglich neu beziehen.»

Sobald die Zimmer für die nächsten Gäste bereit sind, putzen die drei Polinnen die Badezimmer, die Waschräume, die Toiletten und den Trockenraum. Und abends helfen sie in der Küche aus. «Ab und zu gibt es schon Tage, an denen man sich wünscht, dass bereits Herbst wäre, aber meistens macht die Arbeit Spass», sagt Aga.

12.00 Uhr – Ansturm am Mittag

In der Küche herrscht jetzt Hochbetrieb. Doch von Hektik keine Spur: «Wir sind ein eingespieltes Team. Jeder ist überall einsetzbar, so erreichen wir das Optimum», sagt Thomas Manser stolz. Es sei ein grosser Vorteil, dass er dieses Jahr auf ein erfahrenes Team zählen könne. «Das ist jeweils vor der Saison meine grösste Sorge: Wird alles laufen? Sind alle dem Stress gewachsen?» Dieses Jahr habe er Glück, aber es habe auch schon Saisons gegeben, da habe er Mitarbeiter entlassen müssen.

Neben einem routinierten Team sei es wichtig, dass alle Prozesse aufeinander abgestimmt seien. «Wenn die Rösti in der Pfanne ist, kommt auch die Bratwurst auf den Grill. Und wenn die Rösti gewendet wird, beginnen wir Speck und Spiegelei zu braten. So ist alles rechtzeitig fertig und kann heiss serviert werden.»

Die Spezialität des Hauses: Rösti – von der Pfanne direkt auf den Tisch. (Bild: Raphael Rohner)

Die Spezialität des Hauses: Rösti – von der Pfanne direkt auf den Tisch. (Bild: Raphael Rohner)

«Einen Tomatensalat. Ohne Zwiebeln. Ohne Sauce», ruft der Küchenangestellte Darek die nächste Bestellung in die Runde und schüttelt den Kopf. Manche Extrawünsche seien schon sehr sonderbar, sagt er und garniert bereits den nächsten Teller.

Auf dem Herd brutzeln derzeit acht Röstis, jede in einer Bratpfanne. Es ist offensichtlich: Das Kartoffelgericht ist beliebt. «Zu Spitzenzeiten verlässt eine Rösti pro Minute die Küche», sagt Manser. An manchen Tagen stehe er zwischen zehn und zwölf Stunden am Herd. Im Frühling, wenn die Saison erst gerade begonnen habe, mache es wieder richtig Spass, doch im Verlaufe des Spätsommers habe er an manchen Tagen genug von seiner Rösti.

Verleidet ist ihm das Kartoffelgericht aber noch nicht. Mindestens einmal pro Woche esse er auch eine Rösti.

«Aber die erste und die letzte der Saison schmecken jeweils am besten.»

Nach der letzten Rösti im Oktober werden einige Pfannen entsorgt. «Weil sie dann durch sind – wie wir auch», sagt Thomas Manser grinsend.

13.30 Uhr – Auch die Kinder helfen mit
Riana Manser hilft während der Sommerferien mit – mal gern, mal weniger gern. (Bild: Stephanie Martina)

Riana Manser hilft während der Sommerferien mit – mal gern, mal weniger gern. (Bild: Stephanie Martina)

Im Berggasthaus Bollenwees helfen auch die vier Kinder mit – vor allem während der Sommerferien. Die 14-jährige Riana hat am Morgen Kartoffeln geschält, und jetzt über Mittag bringt sie den Gästen ihre Bestellungen. «Manchmal macht es Spass mitzuhelfen, aber manchmal hätte ich lieber frei, wie meine Freunde», sagt sie.

Vater Thomas Manser versteht, dass die Kinder nicht jeden Tag mit gleich viel Begeisterung und Elan mithelfen. Aber er hält es für wichtig, dass sein Nachwuchs lernt, auf die Zähne zu beissen.

«Die Kinder merken, das man viel tun muss, bis man 100 Franken verdient hat. Umso sparsamer sind sie auch beim Ausgeben ihres Sackgelds.»

Jeden Morgen bringen er oder seine Frau die Kinder mit dem Auto nach Brülisau zur Schule und füllen für den Rückweg das Fahrzeug mit Lebensmitteln. Und am Abend holen sie die Kinder wieder ab. «Ich bin froh, dass wir abends heim können», sagt Riana. Andere Kinder, die in Berggasthäusern aufwachsen, hätten diese Option nicht und müssten im Tal bleiben.

15.00 Uhr – Die Übernachtungsgäste treffen ein

An der Rezeption neben der Theke herrscht um diese Zeit Hochbetrieb. Die Übernachtungsgäste treffen ein, melden sich bei Wirtin Monika Manser an und lassen sich von ihr das Zimmer zeigen. Wanderer, die unangemeldet nach einem Schlafplatz fragen, müssen mit einem Bett im Matratzenlager Vorlieb nehmen.

Alle paar Minuten klingelt das Telefon. Den ganzen Nachmittag über beantwortet Monika Manser Anfragen und nimmt Reservationen entgegen. «Berggasthuus Bollewees, Manser… Am Samstig sönd gaad no äänzelni Plätz im Masseschlaag z’haa», sagt sie in den Hörer. Kaum hat sie aufgelegt, klingelt es bereits wieder. Ein Anrufer möchte wissen, wie es um die Wanderwege steht. Auch das gehört dazu.

16.15 Uhr – Glacépause
Silvan (links) und Silja Manser gönnen sich mit ihren Cousin ein Glacé. (Bild: Stephanie Martina)

Silvan (links) und Silja Manser gönnen sich mit ihren Cousin ein Glacé. (Bild: Stephanie Martina)

Mitte Nachmittag schalten die meisten Mitarbeiter einen Gang runter – vor allem die Kinder des Wirtepaars. Während die älteste Tochter Leandra heute den ersten Tag als Serviceangestellte arbeitet, gönnen sich ihre jüngeren Geschwister und Cousin Killian, der zu Besuch ist, eine Abkühlung: «Dieses Glacé haben wir uns hart erarbeitet», sagt Silvan. Sie hätten beim Kartoffelnschälen und Abwaschen geholfen, erzählt der Zwölfjährige. Doch die meiste Zeit würden sie ihre Ferien geniessen, fügt seine jüngere Schwester Silja (9) an.

«Nachher wollen wir auf der Bühne, die für die Stubete aufgebaut wurde, Fussball spielen. Sonst können wir das nämlich nie, weil es hier oben nirgends flach ist».

Dafür könne man in den Bergen wunderbar Versteckis spielen, sagt Silvan. Und Kinder, die mitspielen, gibt es genug. Immer wieder kehren Familien mit Kindern in der Bollenwees ein. Da macht es Silvan und Silja kaum etwas aus, dass sie ihre Mitschüler im Tal während der Sommerferien kaum sehen können. Langweilig wird es ihnen selten. Und wenn doch, helfen sie dem Bauern nebenan. Silvan erklärt:

«Es ist schön, mal woanders zu helfen, als immer nur daheim.»
17.00 Uhr – Znacht für das Team
Bald wird die Terrasse bis auf den letzten Platz gefüllt sein. (Bild: Raphael Rohner)

Bald wird die Terrasse bis auf den letzten Platz gefüllt sein. (Bild: Raphael Rohner)

Bevor die Übernachtungsgäste sich auf der Terrasse und in der Gaststube niederlassen, um zu Abend zu essen, stärkt sich das Team gemeinsam. Privatsphäre ist im Berggasthaus eine Rarität. «In der Bollenwees sind wir fast rund um die Uhr mit Menschen in Kontakt. Wir leben nahe aufeinander – das braucht Rücksicht und Toleranz», sagt Thomas Manser. Über die Wintermonate geniesse er es aber umso mehr, etwas Freiheit zu haben und die Abende im Familienkreis – ohne Telefongeklingel – zu verbringen.

Freie Tage gibt es für das Wirtepaar während der Saison keine. «Wenn ich ins Tal einkaufen gehe, ist das schon wie ein freier Tag, weil ich mal rauskomme», sagt Thomas Manser.

«Irgendwann werden wir auch sagen: Jetz isch gnuäg», meint Manser nüchtern. Er wolle auf jeden Fall aufhören, solange er noch Spass daran habe. Derzeit sei das aber kein Thema. Er freue sich noch immer jeden Frühling, wieder hier rauf zu kommen. Scherzhaft fügt er an:

«Dann bin ich ausgeruht, geistig und körperlich wieder bereit – und zehn Kilogramm schwerer.»
17.45 Uhr – Rösti für Rösti: Die Küche läuft auf Hochtouren

Inzwischen ist fast jeder Platz auf der Terrasse besetzt. Die meisten Gäste, die in der Bollenwees Halt machen – etwa 80 Prozent schätzt Thomas Manser –, kommen aus der Schweiz, etwa 10 Prozent aus Deutschland und die übrigen Besucher aus aller Welt.

Es wird Bier getrunken und Karten gespielt. An einem Tisch erzählt einer Appenzellerwitze und bekommt lauten Beifall. Eine Wandergruppe aus der Romandie bestellt Wein und Rösti. Obwohl Thomas Manser am Gasherd alle Hände voll zu tun hat, müssen die Gäste nicht lange warten.

Die Rösti ist eine der Spezialitäten im Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Raphael Rohner)
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Kein Wunder wird sie oft bestellt. (Bild: Raphael Rohner)
Wirt Thomas Manser hat alle Hände voll zu tun. (Bild: Raphael Rohner)
An manchen Tagen steht er bis zu zwölf Stunden hinter dem Rösti-Herd. (Bild: Raphael Rohner)
Zu Spitzenzeiten verlässt eine Rösti pro Minute die Küche. (Bild: Raphael Rohner)

Die Rösti ist eine der Spezialitäten im Berggasthaus Bollenwees. (Bild: Raphael Rohner)

«Es ist schon eine rechte Büez, aber für unsere Gäste ist die Rösti das Highlight», sagt Manser mit ein paar Schweissperlen auf der Stirn. Seit Jahrzehnten werde die Rösti nach einem geheimen Familienrezept hergestellt. Thomas Manser, der auf der Bollenwees aufgewachsen ist, übernahm es von seinen Eltern, die bereits mehr als 30 Jahre Rösti gebraten hatten.

19.15 Uhr – Die Gäste beziehen ihre Zimmer

Einige Gäste beziehen erst nach dem Znacht ihre Zimmer. Im Trockenraum im Keller ein Duft aus Schweiss, Bierfahne und Zwiebelgeschmack. Doch das stört die müden Wanderer nicht: «Wir sind froh, dass wir endlich aus diesen Schuhen können, und freuen uns auf unser Zimmer», sagt eine Frau aus dem Bernbiet. Sie ist mit einer kleinen Wandergruppe unterwegs und übernachtet das erste Mal im Alpstein.

Im Trockenraum ziehen die Wanderer die Schuhe aus. (Bild: Raphael Rohner)

Im Trockenraum ziehen die Wanderer die Schuhe aus. (Bild: Raphael Rohner)

20.00 Uhr – Mit dem Bike zur Bollenwees

Markus und Manuel steigen vor der Bollenwees von ihren Mountainbikes und setzen sich an einen Tisch auf der Terrasse. Manuel fragt: «Und, wie lange hatten wir?» Für ihre Fahrt von Brülisau über das Plattenbödeli haben sie eine Stunde und 55 Minuten gebraucht. Ein anderer, etwas älterer Gast schaut kopfschüttelnd zu den beiden Bikern hinüber.

Markus und Manuel sind erstmals mit dem Mountainbike am Fälensee. (Bild: Raphael Rohner)

Markus und Manuel sind erstmals mit dem Mountainbike am Fälensee. (Bild: Raphael Rohner)

Die zwei Velofahrer bestellen zwei Gläser Bier und schauen zum Fälensee hinüber. Beide sind oft in der Gegend unterwegs – allerdings meistens zu Fuss. Es ist das erste Mal überhaupt, dass sie mit dem Bike zur Bollenwees gefahren sind.

21.00 Uhr – Aufräumen und putzen

Die Serviceangestellten fangen an, die Terrasse aufzuräumen. Harasse voller Leergut werden durch ein Kellerfenster gereicht und verstaut. Die ersten Tische werden geputzt und die Bänke zusammengestellt.

Das Leergut wird im Keller verstaut, bevor es zurück ins Tal transportiert wird. (Bild: Raphael Rohner)

Das Leergut wird im Keller verstaut, bevor es zurück ins Tal transportiert wird. (Bild: Raphael Rohner)

In der Küche hat das Aufräumen und Putzen ebenfalls begonnen. Auch hier wisse jeder, was zu tun sei, erklärt Thomas Manser. «Ich muss jeweils kaum etwas sagen, ausser: Me fangid ahh.» Dann werden Arbeitsplätze geputzt, der Boden gereinigt und Abfall entsorgt, damit man am nächsten Morgen gleich wieder beginnen könne.

Die Sonne verschwindet hinter den Bergen.

21.20 Uhr – Ein Glas Flauder zum Abschluss

Walti Ritzmann und Rita Heeb bestellen noch eine letzte Literflasche Flauder: «Irgendwann muss man Schluss machen. Und was gibt es Besseres als Flauder vor dem zu Bett gehen?» Die beiden Wanderer haben sich auf ihrer Tour spontan entschieden, im Gasthaus zu übernachten.

Schlummertrunk: Walti Ritzmann und Rita Heeb stossen an. (Bild: Raphael Rohner)

Schlummertrunk: Walti Ritzmann und Rita Heeb stossen an. (Bild: Raphael Rohner)

Langsam beginnt es zu dämmern. Die Lichter hinter den Fenstern des Gasthauses verraten, wie lange die Gäste noch wach bleiben. Schnell wird klar: Hier wird früh geschlafen. Hinter dem Tresen der Wirtschaft hängt eine Holztafel mit klarer Weisung: «Nachtruhe um 23 Uhr».

22.10 Uhr – Umtrunk mit den Gästen

Der Bergwirt setzt sich zu einigen Gästen und trinkt ein Bier. «Endlich Feierabend – also fast», sagt Thomas Manser. Danach wird er nochmals in die Küche stehen und das Frühstück vorbereiten. Denn frühmorgens wird er sich wieder um das Buffet kümmern.

Die Gäste genehmigen sich ein letztes Glas. (Bild: Raphael Rohner)

Die Gäste genehmigen sich ein letztes Glas. (Bild: Raphael Rohner)

Hinten im Sääli des Berggasthauses beginnen die Serviceangestellten bereits, die Tische für den Zmorge zu decken.

Bevor die Angestellten Feierabend machen, bereiten sie noch die Tische für das Frühstück vor. (Bild: Raphael Rohner)

Bevor die Angestellten Feierabend machen, bereiten sie noch die Tische für das Frühstück vor. (Bild: Raphael Rohner)

22.30 Uhr – Ein nächtlicher Besucher

Es wird still im Berggasthaus Bollenwees. Der Trubel eines langen Sommertages ist vorüber. Nur das Rauschen aus den Duschen ist noch zu hören, und letzte Wanderer ziehen im Trockenraum ihre Schuhe aus und schlüpfen in Hüttenfinken. Denn die Zimmer des Berggasthauses dürfen nicht mit Wanderschuhen betreten werden, so steht es in der Hausordnung.

Dabei werden die Gäste von einem kleinen Besucher beobachtet: Ein Frosch sitzt auf der Fensterbank und versucht Insekten aus einem Spinnennetz zu stibitzen.

Ein Frosch sitzt auf dem Fensterbrett. (Bild: Raphael Rohner)

Ein Frosch sitzt auf dem Fensterbrett. (Bild: Raphael Rohner)

23.15 Uhr – Ein Sternschnuppen-Sucher

Jetzt brennt nur noch Licht in der Gaststube und der Küche. In den oberen Stockwerken ist alles dunkel.

Auf der Suche nach Sternschnuppen: Roman Frischknecht aus St.Gallen verbringt die Nacht im Freien. (Bild: Raphael Rohner)

Auf der Suche nach Sternschnuppen: Roman Frischknecht aus St.Gallen verbringt die Nacht im Freien. (Bild: Raphael Rohner)

Vor dem Gasthaus herrscht gespenstische Stille. Nur einer ist noch in der Dunkelheit unterwegs: der St.Galler Fotograf Roman Frischknecht. Mit seinem Stativ steigt er vorsichtig zum Fälensee hinab:

«Es ist eine wunderbare Nacht, um Sterne zu fotografieren.»

Der 29-Jährige wandert oft im Alpstein. Seine Fotos hängt er als Poster in seiner Wohnung auf. «Heute eine Sternschnuppe aufs Bild zu bekommen, wäre der Hit», sagt er und kniet sich hinter seine Kamera.

23.40 Uhr – Das Ende eines langen Tages
Endlich haben die Serviceangestellten Zeit für eine kurze Plauderei. (Bild: Raphael Rohner)

Endlich haben die Serviceangestellten Zeit für eine kurze Plauderei. (Bild: Raphael Rohner)

Bergwirt Thomas Manser sitzt mit seinem Personal zusammen, alle trinken etwas, und man redet über Gott und die Welt. «Das sind unsere freien Minuten, und wir können endlich abschalten», sagt Thomas Manser. Noch ein «Appenzeller», und dann gehen auch die Angestellten ins Bett. Manser, sichtlich müde aber zufrieden, sagt: «Guet Nacht.»

Ein letzter Appenzeller: Für Thomas Manser geht ein langer Tag zu Ende. (Bild: Raphael Rohner)

Ein letzter Appenzeller: Für Thomas Manser geht ein langer Tag zu Ende. (Bild: Raphael Rohner)

Hier liegt das Berggasthaus Bollenwees:

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