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Reportage

Die Bergwirtin und der Bergretter: «Die Tierwies zu übernehmen, war ein grosses Glück für uns»

Bergführer Hampi Schoop und seine Frau Brigitte kauften 2009 die Tierwies. Während Hampi Alpinisten sicher über Stock und Stein führt, kümmert sich Brigitte in den Sommermonaten um die exponiert gelegene Berghütte und ihre Gäste.
Martin Oswald

Dieser Mann und der Berg gehören zusammen. Er hat ferne Länder bereist, Sprachen gelernt und vieles ausprobiert. Aber hier ist er zuhause, hier gehört er hin. Direkt am Fusse des Säntis ist Hampi Schoop geboren. Heute lebt er mit seiner Frau Brigitte und den Kindern im appenzellischen Urnäsch. Doch dort ist die Familie in diesen Tagen kaum anzutreffen. Im Sommer, wenn der Schnee weg ist, ist die Tierwies ihr Lebensmittelpunkt. «Dieser Ort bedeutet mir viel», sagt Hampi Schoop. «Er bedeutet Erholung und ebenso Arbeit.»

Hampi Schoop trägt für einmal Gummistiefel statt Wanderschuhe, versorgt ein paar zierliche Appenzeller Spitzhaubenhühner vor der Hütte und begrüsst zwei Wanderer, die gerade den steilen Aufstieg von der Schwägalp zur Tierwies geschafft haben. Noch am Tag zuvor hatte Schoop einen Gast auf das Matterhorn geführt. Jetzt ist er wieder zurück im vertrauten Alpstein.

Über Nacht zum Wirtepaar geworden

In Lausanne hatte sich Hampi Schoop einst zum Ingenieur ausgebildet und während zehn Jahren als Produktionsleiter in verschiedenen Druckereien gearbeitet. Das Geschäft lief immer harziger. «Und ich habe den Berg während der Arbeit vermisst», erzählt Schoop. Als er und seine Frau vom Nachbarn in Urnäsch erfuhren, dass dieser die Pacht aufgab und die Tierwies zum Verkauf stand, hatten sie beide sofort Interesse: «Aber wir dachten, die nehmen uns bestimmt nicht, so ganz ohne Erfahrung in der Gastronomie», erzählt Brigitte Schoop rückblickend. Es habe viele Bewerber gegeben. Doch eines Abends kam ein Anruf und sie bekamen den Zuschlag. «Der Sohn nebenan juchzte vor Freude.» Das war 2009.

Inzwischen sind zehn Sommer vergangen und Brigitte hat die fehlende Erfahrung mit umso mehr Fleiss und Herzblut wettgemacht. «Ich weiss noch, als ich das erste Mal sechs Kilo Spaghetti gekocht habe. Dazu gab es doch kein Sieb. Und jetzt, was machst du?» Sie musste improvisieren und habe so Schritt für Schritt dazugelernt. Im ersten Jahr hätten sie die Speisekarte von den Vorgängern übernommen. Heute aber trägt die Tierwies ihre Handschrift. Die Handschrift von Brigitte Schoop.

Zum elften Mal sind Schoops heuer hinauf gezogen, sobald es das Wetter erlaubte. Im Mai lagen noch sechs Meter Schnee vor der Hütte. Der Saisonstart musste auf höhere Temperaturen warten. Der schwere Schnee hinterliess Schäden am Haus, Dachrinnen wurden verbogen – ein Fall für Hampi, der sich um das Handwerkliche kümmert. «Die ruhige Vorsaison geniessen wir, wenn nur die Familie hier oben ist. Dann machen wir alles bereit für die Saison.» Mit der Ruhe ist es längst vorbei. Jetzt im Hochsommer brummt die Hütte wie ein Bienenhaus.

Polizisten und Chirurgen helfen in der Küche

Der Tag geht früh los für Brigitte Schoop. «Ich habe hier auch schon um sechs Uhr das erste Bier serviert.» Bei gutem Wetter stürmen die Wanderer schon im Morgengrauen hier hinauf. Wenn Ehemann Hampi mal nicht gerade auf einer Bergtour ist, feuert er um fünf Uhr früh den Ofen ein, setzt sich auf die Bank vor dem Haus und schaut in die Ferne. Bis weit nach Deutschland sieht man bei klarer Sicht.

Brigitte Schoop macht Kaffee, während Hampi im Hintergrund Geschirr abwäscht. (Bild: Martin Oswald)

Brigitte Schoop macht Kaffee, während Hampi im Hintergrund Geschirr abwäscht. (Bild: Martin Oswald)

Für die Gäste, die im Haus übernachtet haben, gibt es ein einfaches Zmorge mit Kaffee, Brot und Käse. Die Wanderer, die auf dem Weg Richtung Säntis halt machen, bringen ordentlich Durst und Hunger mit. Da braucht es viele helfende Hände in der Küche und im Service. «Wir haben eine lange Liste mit Freunden und Bekannten, die uns helfen kommen», erzählt Brigitte Schoop. Mitunter seien auch schon ein Architekt und ein Chirurg für ein paar Tage auf die Tierwies gekommen, um in der Hütte mitanzupacken und auf andere Gedanken zu kommen. «Demnächst kommt uns ein Polizist helfen.»

1000 Höhenmeter hinunter zur Schule

Jetzt in den Sommerferien ist auch Sohn Elias (14) hier und serviert Getränke auf die Terrasse. Er ist der Jüngste von sechs gemeinsamen Kindern von Hampi und Brigitte Schoop, die noch drei weitere aus vergangenen Beziehungen haben. Die Tierwies zu übernehmen, hat die Familie gefordert. Hampi erinnert sich an die Anfangsjahre. Er arbeitete damals noch unten im Tal in der Druckerei und die Kinder mussten zur Schule. «Um fünf Uhr bin ich mit den Buben aufgestanden und ins Tal gewandert.» Der Weg hinunter zur Schwägalp ist steil, kein Schulweg wie jeder andere.

Der Bergretter vor seiner Hütte und der Aussicht ins Tal. (Foto: Martin Oswald)

Der Bergretter vor seiner Hütte und der Aussicht ins Tal. (Foto: Martin Oswald)

Als die Druckerei Konkurs ging, packte Hampi Schoop die Chance und machte seine Leidenschaft zum Vollzeit-Beruf. «Das ging alles ein wenig schneller, als ich es geplant hatte.» Fortan verdiente er sein Geld als Bergführer, war immer wieder für einige Tage unterwegs und Brigitte kümmerte sich in Urnäsch um die Familie – oder im Sommer um die Tierwies.

Alarm für die Bergretter der Station 101

Hampi Schoop ist aber nicht nur Bergführer, im Appenzellerland kennt man ihn weit herum auch als Bergretter. Die letzten zehn Jahre war er leitendes Mitglied der alpinen Bergrettung der Station Appenzell Ausserrhoden. Aus dieser Zeit bleiben Schoop zwei Ereignisse besonders im Gedächtnis hängen: der 25-jährige Berggänger, der im November 2007 unterhalb der Tierwies in einem Schneebrett abstürzte und nur noch tot geborgen werden konnte. Und die Schwägalp-Lawine am 10. Januar dieses Jahres.

«Ich kam gerade von einer Skitour nach Hause, als der Alarm losging.» Minuten später stand Hampi Schoop als Einsatzleiter im Schnee. «Ich hatte den Auftrag, die Lage zu beurteilen und zu entscheiden, ob Rettungskräfte überhaupt zur Schwägalp dürfen. Es schneite und es war dunkel. Die Situation war unübersichtlich.» Er habe in diesen Momenten auf seine grosse Erfahrung und auf einige versierte Kollegen vertraut und dann gehandelt. «Rückblickend ist es ein grosses Glück, dass bei dieser Lawine ausser ein paar leicht Verletzten niemand zu Schaden kam», sagt Schoop. Die Natur habe uns im Griff, das dürfe man nie vergessen.

Hampi Schoop erklärt zwei Gästen, wo die Schwägalp-Lawine runterging. (Bild: Martin Oswald)

Hampi Schoop erklärt zwei Gästen, wo die Schwägalp-Lawine runterging. (Bild: Martin Oswald)

Irgendwann nach dem Mittagessen wird es ruhiger auf der Tierwies. Aber es bleibt keine Zeit zum Ausruhen für Bergwirtin Brigitte Schoop. Erst wollen die Betten gemacht werden, schliesslich kommen schon bald die nächsten Gäste, die über Nacht bleiben. Die Tage sind lang. Denn erst, wenn auch die letzten sich schlafen legen, macht Brigitte selber Feierabend – um nach kurzer Nacht wieder mit der Arbeit zu beginnen.

Einsame Nächte in der knarrenden Hütte

Während Brigitte bei einem Tee von ihrem strengen Leben hier oben auf 2085 Meter über Meer erzählt, wäscht und trocknet Hampi in der Küche Gläser. Das ist nicht oft so. Der Bergführer ist meist mit Gästen auf Touren. So ist sie es, die vor zehn Jahren über Nacht zur Bergwirtin geworden ist und den Betrieb führt. Das sei nicht immer einfach, erzählt sie. «Wenn das Wetter schlecht ist, kommen keine Wanderer hier nach oben. So bin ich manchmal zwei bis drei Tage komplett allein.» Ein komisches Gefühl sei das. «Wenn es mal heftig windet, dann wackelt die Hütte gfürchig.» Aber sie wurde 1904 erbaut, die halte das aus. Dann bäckt Brigitte Brot oder macht Konfitüre für die nächsten Besucher.

Das Essen kommt mit dem Heli oder der Transportbahn

Während der Unterländer zum Einkaufen mal eben mit dem Auto zum Grossverteiler fährt, muss das Essen mühevoll mit einer alten Transportbahn auf die Tierwies gebracht werden. Früher brauchte es acht kräftige Hände, die vier Stunden lang an einer grossen Kurbel drehten, um Baumaterial und Esswaren von der Schwägalp hinauf zu holen. Heute hilft ein Generator.

Mit diesem Bähnli kommen Baumaterial und Nahrungsmittel von der Schwägalp auf die Tierwies. (Bild: Martin Oswald)

Mit diesem Bähnli kommen Baumaterial und Nahrungsmittel von der Schwägalp auf die Tierwies. (Bild: Martin Oswald)

Eine stürmische Nacht in der Transportbahn

Es liegt einige Jahrzehnte zurück, als der Knecht eines früheren Wirts der Tierwies unten in der Schwägalp das Transportbähnli mit Material füllte und dann selbst hineinstieg, um schneller nach oben zu kommen. Doch das wusste der Wirt oben nicht. Und weil ein Sturm aufzog, stellte er die Bahn mitten auf der Strecke ab. Als er am nächsten Morgen die Transportbahn bis nach oben fahren liess, kroch unter der Blache ein halbdurchfrorener Knecht hervor. Todesängste hätte er in dieser Sturmnacht auf der Ladefläche über dem Abgrund ausgestanden, erzählt man sich.

«Manchmal teilen wir uns den Transporthelikopter mit dem Säntis», sagt Hampi Schoop. So kommen ein paar hundert Liter Getränke mit einem Flug zur Tierwies. Gratis ist das nicht. Bald installieren sie eine Wasseraufbereitungsanlage im Keller, so wollen es die Behörden, sagt Schoop und runzelt die Stirn. «Das bringt uns gar nicht viel. Für Suppe, Kaffee oder zum Geschirrabwaschen müssen wir das Wasser sowieso erst aufkochen.» Zumindest die Gäste können dann gefiltertes Regenwasser aus dem Hahn trinken, so viel wie es eben hat. Im Hitzesommer 2018 sei das Wasser bis auf wenige Liter ausgegangen. «Da haben wir keinen Kaffee mehr gemacht. Ein Gewitter Ende Juli kam dann genau rechtzeitig», erzählt Brigitte.

Vom Winter im Tal und fernen Träumen

Wenn dann im Herbst der Schnee fällt, zieht Brigitte wieder nach Urnäsch ins Tal und schliesst die Hütte für den Winter ab. «Gegen Ende der Saison ist der Kopf jeweils leer, die Energie aufgebraucht.» Doch unten im Tal geht das Leben weiter. Acht Saisons hatte sie als technische Leiterin am Skilift gearbeitet, letzten Winter bei der Firma Bischofsberger Biberli ausgestochen und verpackt. Bis es im Frühling dann wieder mit neuem Elan hinauf geht, auf ihre liebgewonnene Tierwies. Dieser magisch schöne Flecken Erde, exponiert auf dem Fels zwischen Appenzellerland und Toggenburg.

Diese Steinböcke sitzen direkt vor der Hütte, sehr zur Freude der Gäste. (Bild: Martin Oswald)

Diese Steinböcke sitzen direkt vor der Hütte, sehr zur Freude der Gäste. (Bild: Martin Oswald)

«Irgendwann werden wir einen Nachfolger suchen, vielleicht übernimmt ja eines unserer Kinder», sinniert Hampi Schoop über die Zukunft, während er bei seinem Gipfelkreuz auf einem Stein sitzt und auf die Tierwies hinunter schaut. «Aber das ist noch in weiter Ferne. Im Moment sind wir glücklich so.» Gibt es einen Traum? Ja. Bergtouren machen mit seiner Frau Brigitte. Wenn es dann der Körper noch zulasse.

Auch seine Frau Brigitte hat einen Wunsch: Mal zwei Wochen frei machen im Sommer und selber wandern gehen, «das wäre mega cool.» Vielleicht würden sich die Kinder in dieser Zeit um die Tierwies kümmern. Irgendwann klappe das bestimmt. Aber jetzt muss sie zurück in die Küche, das Kaffee-Wasser ist ausgegangen.

Tierwies

Webseite: https://www.tierwis.ch/
Telefon: 071 364 12 35
Übernachtungsmöglichkeiten: 50 Schlafplätze
Öffnungszeiten: Von Juli bis Mitte Oktober

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