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Alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz wühlt in Erinnerungen: «Beim Schiessen am Säntis tauchte plötzlich eine Skifahrerin auf»

Der Herisauer hat eine tiefe Verbundenheit mit dem Alpstein. So leistete Hand-Rudolf Merz manchen Militärdienst rund um den Säntis, war begeisterter Alpinist und macht sich heute philosophische Gedanken zum grossen Bergmassiv der Ostschweiz.
Hans-Rudolf Merz

Der kalkige, verschrundete Alpstein ist von majestätischer und gleichwohl währschafter Gestalt. Er ist vor zwanzig Millionen Jahren entstanden. Seit jener grauen Vorzeit türmten sich die Felsmassen zu prächtigen, steil aufstrebenden Steigfalten, die den drei Gebirgsketten ihr einzigartiges Gepräge geben.

Merz bei seiner ersten Wanderung im Alpstein 1950.

Merz bei seiner ersten Wanderung im Alpstein 1950.

In den vergleichsweise wenigen Jahrzehnten unseres Daseins wandeln sich bei uns Einheimischen in der Regel Bild und Erleben des Gebirges. Idealtypisch beginnt die Beziehung meist als Kind im Familienkreis mit leichten Spaziergängen oder Wanderungen. Später führt die Schulreise zu Kronberg, Bollenwees, Hochalp oder Seealpsee.

Irgendwann verbünden sich viele Menschen mit den Bergen zur Erlebniswelt der Alpinisten; andere wenden sich eher den Fluren des Flachlandes zu. Das ist quasi die dritte Mutation im Verhältnis zur Bergwelt. Aber ausweichen kann dem Alpstein niemand.

Der Blick verändert sich mit den Jahren

Im Alter bildet sich das Verhältnis zum Alpstein wieder zurück in jenes zur Jugendzeit. Aus Bergtouren entlang der Königsroute zum Säntis oder Klettertouren werden wieder Spaziergänge. Mit der Zeit bleibt der ehrfurchtsvolle Blick in die täglich in anderem Licht erscheinenden Felsen, Kluften und Zacken. Glücklich, wer nun ohne Wehmut die Beständigkeit und Erhabenheit der Bergwelt geniesst.

1944: Hans-Rudolf Merz im Kinderwagen auf der Alpsteinstrasse in Herisau.

1944: Hans-Rudolf Merz im Kinderwagen auf der Alpsteinstrasse in Herisau.

Wie kaum in anderen Landesgegenden verweben sich im Alpstein Landwirtschaft, Oekonomie, Lebensfreude und Mystik zu Festbräuchen wie Alpaufzug, Sennenball, Alpstobete, Bergkapellfest. Dazu gehören gemütvolles Zauren oder Rugguseren der Bauern und Sennen.

Der Alpstein als politisches Bild

Über den Alpstein gibt es massenhaft literarische und wissenschaftliche Erzeugnisse, gar eine Anthologie. Nichts, was nicht schon gesagt wurde. Und doch: in der durch Speer, Stockberg, Kronberg, Gäbris vorgelagerten Nagelfluh gibt es Formationen von Lockergestein. Solches eignet sich als politisches Bild. Vom komplexen Sparprogramm des Bundes wollte zum Beispiel ein Parlamentarier die Subventionen für die Schafwolle ausnehmen. Aber ein Kürzungsvorhaben ist wie Lockergestein. Reisst man auch nur ein Bröcklein heraus, ist die weitere Erosion ungewiss. Der Antrag wurde abgelehnt.

Erinnerungen an den Militärdienst

Korporal Merz 1963 beim Minenwerfer-Schiessen auf der Thurwies, oberhalb Unterwasser.

Korporal Merz 1963 beim Minenwerfer-Schiessen auf der Thurwies, oberhalb Unterwasser.

Militärisch war das Gebirge kaum je bedroht. Der Alpstein wurde selbst zu napoleonischer Zeit in der ‚Helvetischen Republik Säntis’ nie von Paris aus administriert. Ein Feldherr, der etwa je mit Panzern zum Alpsteinraum vorzustossen plane, der hätte Tinte gesoffen, witzelte gar der ehemalige Brigadier Ernst Rüesch.

Die Gebirgstüchtigkeit von Wehrmännern gehörte dennoch zur Abwehraufgabe der Armee. Ein Detachement unter Führung des damaligen Ständerat Major Otto Schoch bewies durch eine legendäre Alpsteinquerung anfangs Siebzigerjahre die Kampftüchtigkeit der einheimischen Soldaten.

Im selben Zeitraum schleppten sich die über dreihundert Männer des Ausserrhoder Füsilier-Batallions einmal mit Sack, Pack und Waffen eines Nachts über den Grat, der von Bernhalden über den Spicher hinab zum Rossfall führt. Keiner hat die Strapazen der am späten nächsten Morgen in Urnäsch endenden, von Klappern, Stapfen, Lauten begleiteten Gefechtsübung vergessen.

Schrecksekunde beim Schiessen am Säntis

Die Armee benutzt die kolossalen felsigen Abhänge noch heute zu Schiesszwecken. Auf der Schwägalp. Im Toggenburg. Im Alpsteinvorgelände. Militärdienste sind dabei stets episodenreich wie das kleine Beispiel vom Mai 1964 zeigt. Ein Dutzend Trainpferde karrten eine Batterie Minenwerfer zur Thurwies oberhalb Wildhaus. Dort wurde mit Kriegsmunition geschossen. Zum Entsetzen der Kanoniere und zur Schmach der Schiesswachen wedelte vom Säntis herab plötzlich in wirklich gekonnten Schwüngen eine skifahrende Studentin mitten durch das Zielgebiet. Sie blieb glücklicherweise zwischen den Granateinschlägen unversehrt. Aus ihr ist später eine Tierärztin geworden.

Gelegentlich leisteten Übermittlungssoldaten auf dem Säntisgipfel als Antennenstandort eines landesweiten Verbindungsnetzes tageweise Militärdienst. Dabei spielte die Antenne en passant auch eine verbindende Rolle für Moral und Kameradschaft, pflegte doch die Mannschaft zu jassen. Nach Erinnerungen gefragt, antworten die Wehrmänner indessen, allen bleibe die Blitzeshölle bei Gewittern und die Wetterküche bei jähen Wolkenbildungen im Gedächtnis haften.

Das geheime Höhlenverzeichnis

Dem jeweiligen Wehrwirtschafts-Offizier der beiden Kantone Appenzell wurde in den Achzigerjahren unter Geheimhaltung ein Höhlenverzeichnis des Alpstein überantwortet. Gut zwei Dutzend solcher Unterschlupfe, Kavernen und Nischen sollten im Kriegsfall der Aufbewahrung von Lebensmitteln, Munition und Beobachtern dienen. Selbst guten Kennern des Alpstein ist die grosse Anzahl von Höhlen nicht bekannt.

Weitere Alpstein-Rückblicke

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