Kurt Felix, Robert Walser, Peter van Eyck: Zu diesen Ostschweizer Prominentengräbern pilgern Touristen – allerdings sehr diskret

Die Ostschweiz kennt keinen Rummel um die Gräber berühmter Toter. Weil es fast keine gibt – und weil sie nicht beworben werden. Ein Friedhofsbesuch zu Allerheiligen.

Marcel Elsener
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Ein Ritual für viele Menschen: Der Friedhofsbesuch an Allerheiligen. (Bild: Urs Bucher)

Ein Ritual für viele Menschen: Der Friedhofsbesuch an Allerheiligen. (Bild: Urs Bucher)

«Kein Grabstein. Nirgendwo!» Die Anweisung des St.Galler Reporters und Schriftstellers Niklaus Meienberg nach seinem Selbstmord 1993 war so kompromisslos wie seine Textarbeit. Seine Asche sollte «im Oberlauf der Seine» verstreut werden, ein bürgerliches Grab als Stätte heuchlerischer Totenehrung war ihm eine unerträgliche Vorstellung.

Niklaus Meienberg. (Bild: Michel Canonica)

Niklaus Meienberg. (Bild: Michel Canonica)

Von Meienberg, einem der berühmtesten St.Galler, also kein Grab, nirgends. Ein Fingerzeig, dass längst nicht alle Toten auf einem Friedhof ruhen – in der Schweiz herrscht im Gegensatz zu Nachbarländern wie Deutschland und Österreich keine Friedhofspflicht. Kreuze, Steine, Platten sind temporäre Gedenkhüllen – die meisten Gräber werden nach zwei, drei Jahrzehnten aufgehoben. Je nach Friedhofreglement, von denen es in der Schweiz sage und schreibe etwa 2200 gibt. Asche zu Asche, verstreut in die Landschaft: So wünschte es auch der St.Galler Okkultist Charles Frey alias Akron, dessen Überreste dem Lisengrat im Alpstein anheim gegeben wurden.

Prominente Gräber in Herisau, St.Gallen, Au und St.Margrethen

Gäbe die Gräber Akrons und Meienbergs, sie wären wohl auf den Listen mit Ruhestätten prominenter Personen aufgeführt. Solche Auflistungen finden sich im Internet, doch St.Gallen hat da wie die gesamte Ostschweiz bestenfalls einen Eintrag oder zwei. Kein Vergleich mit Weltstädten wie Paris, dessen Promifriedhof Père Lachaise jährlich zwei Millionen Touristen anzieht, und kein Vergleich mit Zürich, Bern, dem Waadt oder dem Tessin.

Gehört zu einem Paris-Trip ganz einfach dazu: Ein Besuch auf dem Promifriedhof Père Lachaise. (Bild: Keystone)

Gehört zu einem Paris-Trip ganz einfach dazu: Ein Besuch auf dem Promifriedhof Père Lachaise. (Bild: Keystone)

Allein die Zürcher Gemeinde Kilchberg hat mit Thomas Mann und Familie, Conrad Ferdinand Meyer und weiteren Literaten mehr berühmte Tote zu liegen als der Schweizer Bodenseeraum. Nein, einen Grab- oder Friedhofstourismus, wenn man es so nennen möchte, gibt es hier nicht.

Oder nur ansatzweise: Von Auswärtigen gezielt besucht wird das Grab des berühmtesten Toten der Ostschweiz, des Schriftstellers Robert Walser auf dem Friedhof Herisau:

(Bild: Urs Bucher)

(Bild: Urs Bucher)

Viele sind es nicht, eine Handvoll Anfragen vorab aus Deutschland im Jahr verzeichnet die Gemeinde Herisau, geschuldet auch dem ersten Schweizer Literaturpfad, der bei der Gedenkstätte vorbeiführt. Walser gehört zum Ausserrhoder Hauptort, weil er dort in der Heilanstalt lebte und beim Spazieren in der Umgebung verstarb; undenkbar, dass seine Geburtsstadt Biel die Überreste beansprucht, wie es Dublin gegenüber Zürich unlängst für die Asche von James Joyce tat.

Neben Walser sind es lediglich drei prominente Tote, denen zuweilen Anfragen aus dem Ausland gelten: der Fernsehmoderator Kurt Felix, der auf dem Ostfriedhof St.Gallen ruht, der Hollywoodschauspieler Peter van Eyck (katholischer Friedhof St.Margrethen) – und der Polizeihauptmann und Flüchtlingsretter Paul Grüninger (Au):

Das Grab von Polizeihauptmann und Flüchtlingsretter Paul Grüninger (1891–1972) in seiner langjährigen Wohngemeinde Au, gestaltet von den St.Gallern Künstlern Norbert Möslang (Netzwerk-Platte) und Peter Kamm (Stein). (Bild: Ralph Ribi)

Das Grab von Polizeihauptmann und Flüchtlingsretter Paul Grüninger (1891–1972) in seiner langjährigen Wohngemeinde Au, gestaltet von den St.Gallern Künstlern Norbert Möslang (Netzwerk-Platte) und Peter Kamm (Stein). (Bild: Ralph Ribi)

Hiesige Behörden und Touristiker lassen den Toten ihre Ruhe

Peter van Eyck. (Bild: Keystone)

Peter van Eyck. (Bild: Keystone)

Der überraschendste Name ist gewiss Peter Van Eyck. Er mag nicht den Rang eines Charlie Chaplin, Richard Burton oder Peter Ustinov haben, die wie andere Filmstars in Dörfern am Genfersee begraben sind. Doch der Deutschamerikaner, der 1959 das Schlösschen Bergsteig in St.Margrethen erwarb und dort 1969 verstarb, hat sich als Nazioffizier in Kriegsfilmen und mit Rollen in Kultwerken wie «Lohn der Angst» und Fritz Langs «Die 1000 Augen des Dr. Mabuse» in die Filmgeschichte eingeschrieben.

Die Gemeinde pflegt das bescheidene Grab aufgrund des «historischen Werts», wie es heisst – der Glamourfaktor hält sich in Grenzen:

(Bild: Urs Bucher)

(Bild: Urs Bucher)

Mit jedem Jahr weniger Besucher bei Kurt Felix

Die Gräber berühmter Verstorbener werden nicht beworben, das gilt auch für die Stadt St.Gallen. Wo das Grab von Kurt Felix liegt, steht in keiner Broschüre und auf keiner amtlichen Website, schweizerische Diskretion geht vor.

Kurt Felix. (Bild: Ralph Ribi)

Kurt Felix. (Bild: Ralph Ribi)

Das schätzt Friedhofsleiter Michael Bächler. «Ab und zu einige Besucher aus Deutschland, die Blumen niederlegen. Mit jedem Jahr weniger.»

(Bild: Urs Bucher)

(Bild: Urs Bucher)

Den Behörden ist es recht, und die Tourismusbüros machen keine Anstalten, Tote quasi als Standortfaktor zu vermarkten: «Das spielt bis jetzt keine Rolle», heisst es bei St.Gallen-Bodensee Tourismus.

Zurückhaltung übt auch Herisau, zumal der einfache Grabstein auf einem Rasenstück dem bescheidenen Wesen Walsers entspricht. Eine Notiz in der Friedhofbroschüre, soviel darf sein im Ort, der seinen bekanntesten Zuwanderer mit einem Spruch auf dem Werkhof ehrt:

«Mitten im ununterbrochenen Vorwärts hatte ich Lust stillzustehen.»

Kein Aufhebens um nicht international ausstrahlende, aber prominente Namen wie Komponist Paul Huber, Bundesrat Kurt Furgler (beide ruhen im Ostfriedhof, Furgler wenige Meter neben Felix) und Walter Mittelholzer. Der St.Galler Flugpionier ist mit seinen Verwandten in einer Nische einer Urnenhalle auf dem Feldli bestattet. Nicht in seiner Heimatstadt liegt der andere St.Galler Flugpionier: Der Ballonfahrer Eduard Spelterini (eigentlich Schweizer) wurde, vereinsamt und verarmt, im oberösterreichischen Zipf bei Vöcklabruck beerdigt.

Nicht alle Toten ruhen

Gebettet in fremder Erde ist kein untypischer Fall, es betrifft etwa berühmte Ostschweizer Frauen: die Gossauer Schriftstellerin Elisabeth Gerter («Die Sticker») ist im Basler Hörnli begraben, dem grössten Friedhof der Schweiz; die Heilpraktikerin und Künstlerin Emma Kunz ruht nicht in Waldstatt, sondern in ihrer aargauischen Heimat (Brittnau). Und Salcia Landmann, Autorin des Standardwerks «Der jüdische Witz», liegt wider Erwarten nicht auf dem jüdischen Friedhof ihres Wohnorts St.Gallen.

Der Basler Hörnli-Friedhof ist der grösste in der Schweiz. (Bild: Keystone)

Der Basler Hörnli-Friedhof ist der grösste in der Schweiz. (Bild: Keystone)

Lass die Toten ruhen – der Satz gilt nicht für alle, siehe James Joyce. Ein Gezerre statt Totenruhe herrscht manchmal um die Reliquien von Heiligen. St.Gallen bemühte sich in Prag um die Schädel seiner Gründungsväter Otmar und Gallus. Von Reformator Vadian übrigens nicht die Spur eines Grabkults, genau so, wie es die Evangelischen wollten.

Nicht alle sind im Tod gleich

Freilich sind im Tod alle gleich. Heisst es. Doch manche sind gleicher als die andern, um George Orwell zu zitieren. Früher erhielt, wer mehr bezahlte, den besseren Platz oder den grösseren Grabstein. Die Gruften Rorschacher Adelsfamilien wie der Von Bayer oder die Massivmarmortafeln St.Galler Textildynastien wie der Hirschfelds, Iklés, Reichenbachs zeugen davon. Oder man verewigte sich mit einer Büste an der Aussenwand der Urnenhalle, wie ein Landammann und Nationalrat Hungerbühler im Feldli.

Mittlerweile werde bei den Familiengräbern auf jeglichen Prunk verzichtet und bevorzugten auch bekanntere Personen ein Gemeinschaftsgrab, weiss Feldli-Friedhofsleiter Gerold Jung. 2018 wählten in St.Gallen 92 Prozent eine Urne, ein Drittel davon ein Gemeinschaftsgrab. Die Abnahme der Erdbestattungen schafft Raum: Die Friedhöfe werden noch vermehrt zu Oasen der Naherholung, die beiden grossen St.Galler bieten je zehn Hektaren Parklandschaft.

Namenlos, aber schön: Ein Gemeinschaftsgrab auf dem St.Galler Ostfriedhof. (Bild: Urs Bucher)

Namenlos, aber schön: Ein Gemeinschaftsgrab auf dem St.Galler Ostfriedhof. (Bild: Urs Bucher)

Ein Lieblingsgrab muss nicht grandios gestaltet sein, aber künstlerisch wertvolle Gestaltungen veredeln die Erinnerung. Ein spezielles Beispiel ist schönes Beispiel ist das Grabmal eines Künstlers für einen Künstler – jenes von Max Oertli für Hans Krüsi in Speicher. Unverkennbar das Gesicht, darüber ein Hut, in den sich Blumen stecken lassen, wie es Krüsi zu Lebzeiten tat.

Wichtiger als jedes Grab, und gültig für Berühmtheiten ihrer Zeit ebenso wie für unbekannte Soldaten, Knechte, Arbeiterinnen oder Sternenkinder, ist der sagenhafte Satz Niklaus Meienbergs, geschrieben über den 1941 guillotinierten Hitler-Attentäter Maurice Bavaud:

«Tot ist einer erst, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert.»