Stiftung Landschaftsschutz kritisiert «Abrissflut» alter Bauernhäuser im Kanton St.Gallen 

Die Stiftung Landschaftschutz Schweiz wendet sich in einem offenen Brief an den St.Galler Regierungsrat Marc Mächler: Er soll dem exzessiven Abbruch historischer Bauernhäuser im Kanton Einhalt gebieten. Der Boom mit qualitativ oft schlechten Neubauten ausserhalb der Bauzone bedrohe das baukulturelle Erbe der Streusiedlungen.

Marcel Elsener
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Bauernhäuser prägen das Bild einer Landschaft – werden zu viele der Bauten abgerissen? (Symbolbild: Keystone)

Bauernhäuser prägen das Bild einer Landschaft – werden zu viele der Bauten abgerissen? (Symbolbild: Keystone)

Die Stiftung Landschaftsschutz Schweiz (SL) schlägt Alarm: Der Abbruch der regionaltypischen Bauernhäuser im Kanton St.Gallen laufe «im Schnellzugstempo», der Bauboom bedrohe das baukulturelle Erbe ausserhalb der Bauzone. In einem offenen Brief an den St.Galler Bauchef Marc Mächler bittet SL-Geschäftsleiter Raimund Rodewald die Regierung, «raschmöglichst Vorkehrungen zu treffen, um diese Entwicklung in normale Bahnen zu lenken».

Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.(Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Raimund Rodewald, Geschäftsleiter Stiftung Landschaftsschutz Schweiz.
(Bild: Gaetan Bally/Keystone)

Allein seit Oktober wurden laut der Stiftung im Kanton 20 Baugesuche für Abrisse von teils alten landschaftsprägenden Bauernhäusern und in der Folge für Ersatzneubauten ausserhalb der Bauzone publiziert. Die Qualität der Neubauten lasse «in den allermeisten Fällen leider völlig zu wünschen übrig», heisst es im Schreiben.

Bei der Lancierung der St.Galler Standesinitiative für den erleichterten Abriss und Wiederaufbau der Bauernhäuser habe «niemand solche exzessiven Ausmasse» gewollt, schreibt Rodewald. Angeblich herrschten im Amt für Raumentwicklung und Geoinformation (Areg) «massive Kapazitätsengpässe», um diese Abrissflut rechtlich bewältigen zu können. Er danke Mächler für das Engagement zu Gunsten der Streusiedlungslandschaft, schliesst Rodewald.

Heimatschutz und WWF seit Jahren «sehr besorgt»


Der Landschaftsschutz nimmt damit die Kritik auf, die der Heimatschutz SG/AI bereits 2018 in einer Resolution formulierte. Die Umnutzung der historischen Landwirtschaftsbauten dürfe kein Freipass für eine ausufernde Bautätigkeit werden, heisst es darin. Sie sei nur sinnvoll, wenn sie einen Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft leiste, und müsse qualitativ hohen Anforderungen genügen. Der Heimatschutz nehme «mit grosser Sorge wahr, wie wenig diese Grundsätze praxisnah umgesetzt werden». Gemeinde- und Kantonsbehörden sollten «der raumplanerischen Fehlentwicklung den Riegel schieben».

Heimatschutz und WWF begleiteten das Thema seit Jahren und teilten die Beobachtung der SL, sagt Reto Schmid, Rechtsberater beim WWF St. Gallen. «Die Verbände können leider nur punktuell gegen die grössten Verstösse gegen die entsprechenden Artikel des Raumplanungsgesetzes vorgehen», so Schmid.

«Ein Sinneswandel konnte bisher nicht erreicht werden.»

Der WWF selbst führe vor allem Fälle zur Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes, sprich zur Umsetzung von rechtskräftigen Entscheiden durch die Gemeinden. «Auch hier nimmt das Areg seine Aufsichtsfunktion über die Gemeinden sehr mangelhaft wahr.» Laut den Verbänden «fehlen im Amt der nötige fachliche Einbezug der Denkmalpflege oder von Architekten sowie der politische Wille zu einer bundesrechtskonformen Praxis».

Regierungsrat Marc Mächler, Vorsteher des Baudepartements des Kantons St.Gallen. (Bild: Regina Kühne)

Regierungsrat Marc Mächler, Vorsteher des Baudepartements des Kantons St.Gallen. (Bild: Regina Kühne)

Man erwarte von Regierungsrat Mächler und Areg-Leiter Ralph Etter «ein klares Bekenntnis für den Schutz unserer Landschaft und die Einhaltung der Vorgaben des Bundesrechts». Heimatschutz und WWF haben schon vor längerem ein Handbuch für die regionaltypische Architektur angeregt, so Schmid. Damit könne der sorgsame Umgang mit der Landschaft und dem Denkmalschutz gewährleistet werden.

Bauberatung im Amt eine Frage des politischen Willens

Das St.Galler Baudepartement werde den Brief beantworten und das Gespräch mit Rodewald suchen, sagt Areg-Leiter Ralph Etter in einer ersten Reaktion. Der Kanton verzeichne seit 2013 im Durchschnitt 30 Abrisse und Neubauten pro Jahr. Die Tendenz sei tatsächlich steigend, 2018 waren es 38, 2019 sind es bereits 41.

Angesichts von 12'800 Wohnbauten ausserhalb der Bauzone im Kanton sei die Erneuerungsrate allerdings gering. Den Vorwurf der mangelnden Qualität vieler Bauten nimmt Etter zur Kenntnis. St.Gallen habe im Gegensatz zu anderen Kantonen mit dem «Verunstaltungsverbot» eine eher schwache Vorgabe für die Gestaltungsvorschriften gewählt. Diese zu ändern, etwa mit dem Passus, dass ein Bau «gut in die Landschaft passen muss», sei eine «Frage des politischen Willens». Dies gelte auch für eine im Amt eingerichtete Bauberatung, wie es etwa Innerrhoden und Zug machten, um Bauherren «gezielt zu sensibilisieren».

Aufgrund der steigenden Anzahl umstrittener Baugesuche und der anhaltenden Kritik der Heimat- und Naturschutzverbände sind in der Sache demnächst wohl politische Vorstösse zu erwarten.