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Alanus hat eine Erscheinung:
Bundesrat Berset im Klosterplan-Fieber

Bundesrat Alain Berset hat am Freitag den neuen Ausstellungssaal des St.Galler Stiftsarchivs eröffnet. Der Fribourger erklärte, was den berühmten Klosterplan von der AHV unterscheidet – und rätselte über den Mangel an Westschweizern im Klosterviertel.
Adrian Vögele
Vertieft in uralte Schriftstücke: Bundesrat Berset auf dem Rundgang durch die Klosterplan-Ausstellung. (Bild: Benjamin Manser)

Vertieft in uralte Schriftstücke: Bundesrat Berset auf dem Rundgang durch die Klosterplan-Ausstellung. (Bild: Benjamin Manser)

Für einen Augenblick ist er da – und gleich wieder weg. Man kennt das von Bundesräten. Ihre Tage sind lang, ihre Auftritte kurz. Wer nicht parat steht, verpasst sie. Am Freitag im neuen Ausstellungssaal des St.Galler Stiftsarchivs sind die Vorzeichen umgekehrt. Kulturminister Alain Berset ist Zuschauer, sitzt im Dunkeln und wartet gebannt auf das Erscheinen einer Berühmtheit. Er weiss, wie sie aussieht, kennt schon viele ihrer Facetten – der Einführungsfilm ist soeben zu Ende. Dann der Moment: Aufstehen, der Klosterplan kommt! In schummrigem Licht taucht das 1200-jährige Pergament aus der Versenkung auf. 20 Sekunden lang lässt sich die geheimnisvolle Architekturzeichnung mit ihren Linien und Falten von Bundesrat und Entourage betrachten, dann verschwindet sie wieder.

Keine Verlängerung, auch nicht für hohe Gäste: Der Schutz des Originals geht vor. Die Schere, mit der Berset am Eingang das rote Band durchschnitten hatte, war ihm danach recht zackig wieder abgenommen worden, so schien es zumindest. Ein Stück Band durfte er dafür mitnehmen: Es steckt in der Brusttasche des SP-Bundesrats und passt zur dunkelroten Grundfarbe des Ausstellungsraums, in dem diverse weitere wertvolle Schriftstücke ausgestellt sind. Manche sind gar noch älter als der Klosterplan.

Stiftsarchivar Peter Erhart zeigt Berset eine Urkunde von 745 – es geht um eine adlige Witwe, die ihren Besitz an Abt Otmar verkaufte, um eine Pilgerfahrt nach Rom zu finanzieren. Diese Schriften haben es weniger eilig als der Klosterplan: Sie liegen still hinter Glas, die Beleuchtung darf der Besucher einschalten. «Alles in Latein», murmelt der Kulturminister fast ehrfürchtig und entziffert einige Worte. Auch die technischen Vorzüge von Pergament lässt er sich erklären und macht einen Abstecher zu einer Landkarte an der Wand: Sie ist erst 250jährig, also quasi noch im Kindesalter, zeigt den Thurgau und war in der Führung nicht vorgesehen.

20 Sekunden Zeit für den Blick auf ein 1200-jähriges Dokument: Alain Berset betrachtet den Klosterplan zusammen mit Stadträtin Maria Pappa und den Regierungsräten Martin Klöti, Stefan Kölliker und Marc Mächler (von links). (Bild Benjamin Manser)

20 Sekunden Zeit für den Blick auf ein 1200-jähriges Dokument: Alain Berset betrachtet den Klosterplan zusammen mit Stadträtin Maria Pappa und den Regierungsräten Martin Klöti, Stefan Kölliker und Marc Mächler (von links). (Bild Benjamin Manser)

Beeindruckt von der «Aura des Originals»

Zuletzt, nach dem Erscheinen des Klosterplans, gelangt der Bundesrat zum Besucherbuch: Es ist den Verbrüderungsbüchern nachempfunden, in denen die Namen von Mönchen und Nonnen befreundeter Klöster sowie von Wohltätern eingetragen wurden. «Alanus», schreibt Berset in die erste Zeile – damit ist die Eröffnung des Saals besiegelt.

Draussen auf dem Klosterplatz lobt der Kulturminister das Gesehene: «Fantastisch!» Was sagt er zum Kürzest-Erlebnis mit dem Original des Klosterplans? «20 Sekunden können sehr kurz und gleichzeitig sehr lang sein. Wenn man weiss, dass das Licht nur für 20 Sekunden angeht, ist man darauf vorbereitet.» Der vorangehende Film führe gut ins Thema ein. Und schliesslich gebe es ja auch Reproduktionen auf Papier – für jene, die sich noch intensiver mit dem Plan beschäftigen möchten.

Stiftsarchivar Peter Erhart stellt dem Bundesart und seiner Entourage einige ausgewählte Schriftstücke vor. (Bild: Benjamin Manser)

Stiftsarchivar Peter Erhart stellt dem Bundesart und seiner Entourage einige ausgewählte Schriftstücke vor. (Bild: Benjamin Manser)

Alain Berset auf dem Klosterplatz. (Bild: Benjamin Manser)

Alain Berset auf dem Klosterplatz. (Bild: Benjamin Manser)

Das Faksimile kann das Original aber nicht ganz ersetzen, wie der Bundesrat kurz darauf in seiner Festrede im Pfalzkeller betont: «Die Aura des originalen Kunstwerks wirkt nach wie vor auf uns.» Dass heute alles digital reproduzierbar sei, schmälere diese Wirkung nicht. Sich auf Geschichte und Wurzeln zu besinnen, sei heutzutage besonders wichtig, «da alles, was irgendwo auf dem Globus geschieht, virtuell auf uns einzustürzen scheint».

Das Denken in geschichtlichen Zusammenhängen sei in dieser volatilen Welt nötiger denn je. Berset erinnert daran, dass der Klosterplan eine Zukunft darstellt – so wie man sie sich damals vorstellte. «Der Klosterplan war eher eine Planungsgrundlage als ein eigentlicher Plan. Er zeigt uns: Wichtig ist die Idee, der Anstoss, das Vorwärtsdenken – und nicht unbedingt die buchstabengetreue Umsetzung.»

«Es fahren auch nur wenige St.Galler nach Genf»

Alain Berset ist am Freitag nicht nur wegen des Stiftsbezirks in die Ostschweiz gereist. Am Nachmittag stehen Visiten bei Künstler Roman Signer und in der Kunstgiesserei Sitterwerk an, am Abend folgt ein Referat in Trogen zum AHV-Steuer-Paket. Das schwierige Thema Altersvorsorge blitzt schon am Mittag auf, als Berset über den Klosterplan spricht: «Das ist endlich mal ein Plan mit Langzeitwirkung!», sagte er schmunzelnd. Der Klosterplan inspiriere die Menschen seit 12 00 Jahren. «Das ist bei der AHV nicht sehr wahrscheinlich.» Doch wenn bereits das Mittelalter derart grossartige Pläne hinterlassen habe, «dann sollte uns das ermutigen für heute».

Berset erwähnt auch die verbindende Kraft des Kulturerbes. Allerdings scheint diese Kraft Mühe zu haben, den Röstigraben zu überwinden: Soeben hat eine HSG-Studie gezeigt, dass unter den Besucherinnen und Besuchern des Stiftsbezirks kaum Westschweizer sind (Ausgabe vom Mittwoch). Darauf angesprochen, lacht der Bundesrat aus dem Kanton Fribourg: «Ja, das hat mich auch erstaunt. Aber: Es fahren auch nur wenige St. Galler nach Genf.» Dabei seien gerade die vielfältigen Regionen und ihre Kontakte untereinander ein zentraler Wert für die Schweiz. «Alles, was wir tun können, um diese Kontakte zu intensivieren, ist gut.» So wolle der Bund zum Beispiel Schüleraustausch-Programme stärker unterstützen. Im übrigen zeigten gerade Jugendliche am Freitag im Pfalzkeller, wie man Barrieren zwischen den Regionen überwindet: Die Domsingschule St.Gallen und die Singbox Wil trugen das Fribourger Lied «Chante en mon cœur» vor – und rührten damit den Bundesrat beinahe zu Tränen. Das hätte der Klosterplan wohl auch mit zeitlicher Verlängerung nicht geschafft.

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