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AGROSCOPE: Kampfansage an den Bund

Das geplante Aus der Forschungsanstalt in Tänikon stösst im Thurgauer Grossen Rat auf massiven Widerstand. Der Regierungsrat will sich mit anderen Deutschschweizer Kantonsregierungen dagegen wehren.
Sebastian Keller

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Eine solche Einigkeit herrscht selten im Thurgauer Grossen Rat. Alle Redner stärkten gestern ­Regierungsrat Walter Schönholzer den Rücken. Und dies bei einem Traktandum, das gar nicht traktandiert war. Einstimmig wollten die Kantonsräte über die dringliche Interpellation «zum Vertragsbruch des Bundes beim Agroscope-Standort Tänikon» diskutieren. Kein Wunder: Der Vorstoss aus der Feder von Josef Gemperle (CVP) und neun weiteren Kantonsräten wurde von 109 Volksvertretern unterzeichnet – das Parlament zählt 130 Mitglieder.

Ursprung des Unmutes ist eine Ankündigung aus Bern: Der Bund will seine landwirtschaftliche Forschung im freiburgischen Posieux zentralisieren. Aus ­Spargründen. Damit steht der Agroscope-Standort Tänikon mit 100 Mitarbeitern vor dem Aus. Schönholzer unterstrich die Notwendigkeit dieser Forschungsanstalt für den Thurgau. So finden 14 Prozent der landwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung im Kanton statt. «Die Landwirte brauchen die angewandte Forschung.» Diese müsse dezentral erfolgen. Schönholzer erinnerte daran, dass der Thurgau vor kurzem Hand geboten hatte: Nachdem der Bund vor wenigen Jahren Pläne wälzte, Tänikon dichtzumachen, erklärte sich der Kanton bereit, den Landwirtschaftsbetrieb zu übernehmen. «Wir haben wie ein Musterknabe gehandelt.» Einig wurde man sich im August 2017.

Sieben Monate später, die Tinte war kaum trocken, kam die neue Hiobsbotschaft. «Nun braucht es ein massives Lobbying», sagte Schönholzer. Er will mit den weiteren Ostschweizer Kantonen – vor allem mit Zürich – in den Kampf ziehen. Der Nachbarkanton ist doppelt betroffen: Die Agroscope-Standorte Reckenholz und Wädenswil sollen ebenfalls verschwinden.

Warnung vor «Forschung am Schreibtisch»

«Ganz besonders ärgert mich», sagte Kantonsrat Gemperle, «dass der Bundesrat den Musterknaben abstrafen will.» Er eröffnete den Reigen an rückenstärkenden Reden. Gemperle erinnerte daran, dass im Gesetz festgeschrieben sei, dass die landwirtschaftliche Forschung auf verschiedenen Landesteilen verteilt sein müsse. Daniel Vetterli (SVP) verwies drauf, dass der Bund mit seinen Plänen das Bekenntnis zu einer «Schweiz der Regionen» verletze. Dies habe praktische Auswirkungen: Gefährdet sei mit der Verlagerung die Zusammenarbeit mit Österreich und Deutschland. «Wenn das alles in der Westschweiz gemacht werden soll, wird diese auf Eis gelegt.» Relevant sei dies etwa im Bereich Obstbauforschung rund um den Bodensee. In diese Richtung ­argumentierte auch Iwan Wüst (EDU): «Die Frage muss gestellt werden, welche Themen sind standortgebunden?» Andreas Guhl (BDP) warnte vor einer «Forschung am Schreibtisch».

Der Plan des Bundes regte bei manchem Kantonsrat gar die ­Magensäfte an: «Mir kommt die Galle hoch, wenn ich sehe, wie der Bund mit uns Thurgauern umspringt», sagte Roland A. ­Huber (BDP). Viele Rednerinnen und Redner machten sich stark für die Mitarbeiter. «Bei Agroscope jagt eine Restrukturierung die nächste», sagte Kurt Egger (Grüne). Die Mitarbeiter lebten in einer dauerhaften Unsicherheit. «Sie können ja nicht als Paket nach Posieux geschickt werden», sagte Cornelia Hasler-Roost (FDP). Sabina Peter Köstli (CVP) outete sich als ehemalige Agroscope-Angestellte. Die Mitarbeiter hätten unter den ständigen Reorganisationen zu leiden. Den potenziellen Wissensverlust stufte sie als «unermesslich» ein. Dass Mitarbeiter die Verlagerung mitmachen, glaubt sie nicht. Zumal der Bund Hunderte Stellen streichen will. Barbara Müller (SP) sprach davon, dass hoch qualifizierte Arbeitsplätze gefährdet seien. «Und davon gibt es in der Ostschweiz ja nicht allzu viele.» Wolfgang Ackerknecht unterstrich namens der EVP, dass es aus Sicht des Landwirtschaftskantons die «bedeutenden Kompetenzen» zu erhalten gelte.

Mit einem Brief zu Schneider-Ammann

Matthias Ruthishauser (SVP) musste die Meldung «gleich zweimal lesen». Er kreidete Bundesrat Schneider-Ammann an, dass er die produzierende Landwirtschaft auf der Abschussliste habe. «Wenn es keine produzierende Landwirtschaft mehr gibt, braucht es zwar auch keine angewandte Forschung mehr.» Das sei zwar konsequent. «Aber natürlich falsch.» Sein Parteikollege Urs Schär aus Langrickenbach erinnerte an die Ansprüche an die Landwirtschaft: weniger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Antibiotika. «Dazu brauchen wir aber eine praxisorientierte Forschung.»

Toni Kappeler (Grüne) will Schneider-Ammann einen Brief schicken. Er hofft auf die Unterschrift aller Grossratsmitglieder. Regierungsrat Schönholzer unterstützte ihn. «Wir werden ihn aber nicht per Post schicken, sondern bringen ihn persönlich vorbei.»

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