Afrikaner im Rheintaler Gastglück

WIDNAU. Im Mai 2013 nahm das Widnauer Ehepaar Wiesner eine abgewiesene Eritreerin mit Familie bei sich auf – entgegen behördlicher Weisungen. Inzwischen hat die junge Afrikanerin das Bleiberecht und eine eigene Wohnung. Doch es bleiben einige Ungereimtheiten.

Marcel Elsener
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Fröhlicher als vor zwei Jahren: Paul und Paulina Wiesner, Fasica Abate und Yared Kefyalew mit ihren Kindern in Wiesners Haus in Widnau. (Bild: Rebecca Zünd)

Fröhlicher als vor zwei Jahren: Paul und Paulina Wiesner, Fasica Abate und Yared Kefyalew mit ihren Kindern in Wiesners Haus in Widnau. (Bild: Rebecca Zünd)

Päuli Wiesner seufzt und strahlt zugleich übers ganze Gesicht. «In der gleichen Situation würden wir es wieder tun. Aber dass es so lange dauert, hatten wir nicht erwartet.» Seit dem Mai haben der pensionierte Primarlehrer und seine Frau Paulina – ebenfalls Päuli genannt – ihr Haus wieder für sich. Vorläufig vorbei ist eine «schöne, herzlich bereichernde, aber auch anstrengende Zeit».

Zwei Jahre lang liess das Widnauer Ehepaar eine afrikanische Familie bei sich wohnen: Die 31jährige Eritreerin Fasica Abate, ihr gleichaltriger äthiopischer Lebenspartner Yared Kefyalew sowie ihre siebenjährige Tochter Adonawit und der vierjährige Sohn Nobel. Nach dem Auszug der Flüchtlingsfamilie in eine Dreizimmerwohnung in Widnau war Ende Juni ein Fest gefeiert worden. Der Dank galt jenen, die diese ungewöhnliche Hausgemeinschaft «moralisch begleitet» und tatkräftig sowie finanziell unterstützten: «2 Jahre friedliches Zusammenleben; 2 Jahre Schulung von Adonawit als Sans-Papier-Kind; seit 3. März Status F für mich und meine Kinder; Einzug in unsere Wohnung», hiess es in der Einladung.

Schnoddrigkeit als Impuls

Der Status F aus humanitären Gründen, von «Bern» nach langem Hin und Her zugesprochen, ist eine Frohbotschaft für Abates und späte Genugtuung für Wiesners. Zwar wartet der Vater der Kinder noch immer auf sein – in der Regel innert Wochen nachvollzogenes – Bleiberecht. Doch haben die Ausdauer der Familien und die Beschwerden eines Juristen gefruchtet. Hinfällig die Bemühungen aus SVP-Kreisen, den Fall zu skandalisieren, wie es die «Weltwoche» unter dem Titel «Illegal beim pensionierten Lehrer» im Herbst 2014 versuchte.

Wer wie Päuli Wiesner die Fahne «Geldadel ist Gift für die Demokratie» an seine Garage gehängt hat, lässt sich nicht von Autoritäten beeindrucken, wenn er bedrängten Menschen beistehen will. Der 68-Jährige betreut seit Jahren Flüchtlinge im Solidaritätsnetz Ostschweiz. Das besondere Engagement für die Abates habe er «nicht gesucht», sagt er. Vielmehr handelte er spontan – aus Empörung. «Es hat mir das Herz zugedrückt, als ich sah, wie unmenschlich diese Familie behandelt wird. Ich habe nie gedacht, dass eine solche Geschichte bei uns passieren kann.» In einer Schweiz, auf die Wiesner stolz ist und für die er über zwei Jahre lang Militärdienst leistete – als Offizier. Mit der Geschichte meint er die Art und Weise, wie schnoddrig und schnell die Gemeinde St. Margrethen und die mit dem Asylwesen beauftragte private Firma ABS die Familie um die Auffahrtstage 2013 in die Unterkunft für abgewiesene Asylsuchende in Seeben abschieben wollte. Innert Stunden habe die Familie ihre Wohnung räumen müssen, die Tochter zunächst nicht mal Abschied im Kindergarten nehmen können; ABS-Leute überwachten die Räumung und weigerten sich später, die in 110-Liter-Abfallsäcken abgepackten Habseligkeiten zu transportieren. Ausserdem befürchtete der Lehrer, dass das Mädchen in Seeben nicht oder nur schlecht beschult werden würde. «Ein Affront.»

«Manches läuft völlig absurd»

«Ich schämte mich», sagt Wiesner. «So gehen wir nicht mit Flüchtlingen um, auch wenn sie abgewiesen werden müssen.» Er verlangte für die Familie eine Woche Zeit und nahm sie kurzfristig auf. «Ich wollte mich nicht gegen die Ausschaffung wehren.» Er meldete die Familie zweimal in Seeben an – und zweimal wieder ab. Als ihn eine Mitarbeiterin der Unterkunft fragte, weshalb er ihnen eine Familie schicke, wo man doch «für Familien gar nicht eingerichtet» sei, reifte der Entschluss zur Aufnahme. «Nach diesen unzumutbaren Vorfällen war klar, dass die Familie für eine gewisse Zeit bei uns wohnen würde.»

Am Mittagstisch in Widnau ist nun die afrikanische Familie eingetroffen, Adonawit erzählt von der Schule, Paulina serviert Hühnchen, Erdäpfel, Salate und Chayote aus ihrem Garten. Das tropische Gemüse weist auf die Weltläufigkeit hin: Ein Sohn lebt in Mexiko, eine Tochter war längere Zeit in Ghana. Nebst ihren eigenen fünf Kindern sorgten Wiesners zeitweise für zwei afrikanische Pflegekinder, einst wirkten sie als Entwicklungshelfer in Papua-Neuguinea – Erfahrungen, die ihnen jetzt halfen.

«Im Asylwesen läuft manches völlig absurd», fährt Päuli Wiesner fort. «Früher war es doch die Stärke einer Gemeinde, über ihre schwächsten Leute Bescheid zu wissen und für sie zu sorgen.» Mit der Aufnahme der Familie hatte der Widerstand gegen fragwürdige behördliche Entscheide erst begonnen. Eine Beschwerde gegen die Gemeinde landete beim Justizdepartement, beim Verwaltungsgericht und zuletzt beim Bundesgericht. Dann wollte St. Margrethen die Arztrechnungen nicht mehr bezahlen. Auch die Kommission Migration (Komi) der Gemeinden weigerte sich zuerst und akzeptierte die Zahlung erst, «als wir einen Bundesgerichtsentscheid anführten, wonach jeder Mensch in der Schweiz krankenversichert ist». So sei er «immer mehr mit faulen Stellen in unserem Staat konfrontiert worden», sagt Wiesner.

Als «Lichtblick im energieraubenden Kampf» nennt Wiesner den Schulplatz für die Tochter: Es brauchte Überzeugungsarbeit und «die Weitsicht des Schulratspräsidenten», bis das Sans-Papier-Kind den Kindergarten und später die Schule besuchen konnte. «Dass Widnau seine Verantwortung für das Kindsrecht wahrgenommen hat, schätze ich sehr.» Ein zweiter Lichtblick war das Zusammenleben: Das spielte sich, auch dank grosszügiger Wohnverhältnisse, gut ein. Die Kinder – die Wiesners wie Grosseltern Grani und Grano sagen – hätten auch sprachlich viel profitiert. Päuli Wiesner begrüsst die vorab in welschen Dörfern gestarteten Initiativen, Flüchtlinge privat unterzubringen. Doch er gibt zu bedenken, dass die Raumsituation passen müsse, so seien getrennte Nasszellen wichtig. Es brauche «viel Toleranz auf beiden Seiten, auch in religiösen Fragen». Das Schwierigste für die Gastgeber war der Umstand, «dass wir praktisch nie mehr die Ruhe des Alleinseins und wenig Zeit für unsere Familie und Bekannten hatten».

Ungereimtheiten mit ABS

Obwohl Wiesners Flüchtlinge seit einem halben Jahr selbständig leben, ist ihre Situation nicht ungetrübt. «Sie müssen immer wieder Schikanen seitens der ABS-Betreuung erleben», sagt Wiesner. So hat Fasica Abate ein Praktikum als Putzfrau gefunden – gegen den Widerstand der ABS, die ihr einen ihrer Repas-Jobs aufdrängen wollte. «Die schätzen es gar nicht, wenn Private selber eine Arbeit oder Wohnung für die Flüchtlinge suchen.» Auch kritisiert Wiesner, wie ABS-Leute Hausbesuche aufzwingen, teils Arztbesuche verhindern und den Flüchtlingen Papiere vorlegen, die sie kaum studieren könnten. «Unterschreiben sie nicht sofort, wird damit gedroht, dass es kein Geld gebe.» Bei der ABS fehlten Transparenz und Kontrolle. «Die Ursache für verschiedene Ungereimtheiten in der Betreuung liegt in den Leistungsvereinbarungen zwischen Gemeinden und ABS. Doch die sind geheim, und das muss sich ändern.»

Wiesners Wunsch: «Menschlichkeit und Augenmass statt Bürokratie und Angstmacherei.» Fasica Abate lacht und zeigt ihren einfachen Schmuck. Den hatte die ABS in St. Margrethen kurzerhand einer Nachbarin geschenkt – die ihn aber an die Besitzerin weitergab. «Es ist manchmal wie ein Kabarett», sagt Paulina Wiesner. «Wenn es nicht um Menschen in der Not ginge.» Noch ist der Irrweg der afrikanischen Familie nicht vorbei, aber sie ist auf einer weit besseren Spur unterwegs.