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Ärger in der Gewerbezone Wil West

Beim Standortprojekt Wil West geht es um bis zu 3000 Arbeitsplätze, Investitionen von 130 Millionen Franken und über 20 Jahre Planungs- und Bauzeit. Im lokalen Gewerbe steigt die Skepsis. Ein Beispiel aus Oberuzwil.
Andri Rostetter
«Nutzungsbedürfnisgerechte Bebauung»: Gebiet Wil West. (Bild: Hanspeter Schiess)

«Nutzungsbedürfnisgerechte Bebauung»: Gebiet Wil West. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Oberuzwiler Fensterbauer Amrhein ist ein Kleinbetrieb mit acht Mitarbeitern. Seit der Gründung 2005 ist die ­Firma in einer Halle eingemietet. Jetzt hat sie die Kündigung bekommen, nicht ganz überraschend. «Ich wusste schon lange, dass wir hier nicht ewig bleiben können», sagt Firmenchef Niklaus Amrhein. Er suchte Bauland, um eine eigene Halle aufstellen zu können. Am liebsten in Oberuzwil selber. Drei Viertel von Amrheins Kunden kommen aus Oberuzwil, Uzwil und der unmittelbaren ­Umgebung.

Die Gemeinde stellte ihm im Gebiet «Städeli» einen Bauplatz in ­Aussicht. Das Problem: Das Grundstück ­gehört zum übrigen Gemeindegebiet, ist also keine Bauzone. Überhaupt gibt es in ganz Oberuzwil kein Bauland mehr für Industrie und Gewerbe, abgesehen von ein paar Reserveflächen, die bestehenden Betrieben gehören. Für Neueinzonungen braucht es die Zustimmung des Kantons. Der Kanton wiederum richtet sich nach den Empfehlungen der Regionalplanungsgruppen, in diesem Fall der Regio Wil.

Für den Oberuzwiler Gemeindepräsidenten Cornel Egger war klar, dass man die Amrhein AG in der Gemeinde halten musste. Im Frühjahr 2018 stellte die Gemeindebehörde ein Gesuch an die Regio Wil für eine Umzonung im «Städeli». Auf den Entscheid wartet Egger noch heute. «Wir wurden vertröstet», sagt er. Die Enttäuschung über die Organisation, die eigentlich die Bedürfnisse der Gemeinden gegenüber dem Kanton vertreten soll, ist hörbar. «Ich hätte mir mehr Unterstützung erhofft. Aber stattdessen wird abgeblockt.»

Aufgereiht zwischen frisch bepflanzten Alleen


In Oberuzwil zeigt man sich überzeugt: Das Zögern der Regio Wil hängt zusammen mit einem anderen, weitaus grösseren Bauvorhaben. Seit bald einem Jahrzehnt wird im Westen von Wil an einem Grossprojekt gearbeitet, das schweizweit ohne Vorbild ist.

Die Hoffnungen in das Projekt sind gross: Wil West soll der Region einen wirtschaftlichen Schub geben und gleichzeitig die Zersiedlung bremsen. Gewerbe und Industrie zwischen Aadorf und Flawil sollen künftig nicht mehr buntscheckig in die Landschaft wachsen, sondern sauber aufgereiht zwischen frisch bepflanzten Alleen in Wil West. Noch existiert das Projekt erst auf Papier, gebaut werden soll ab dem Jahr 2023. Vorausgesetzt, die Politik macht mit.

«Vernünftig und ökologisch sinnvoll»

«Das Areal wird sicher irgendwann überbaut sein. Die Frage ist nur, womit», sagt Ernst Dobler. Der Oberuzwiler Elektrounternehmer und CVP-Kantonsrat sitzt im Vorstand von Regio Wil. Das Prestigeprojekt seiner Regionalplanungsgruppe beobachtet er mit Skepsis. «Je weiter weg ein lokal tätiger Betrieb von Wil West ist, desto weniger wartet er auf das Projekt», sagt Dobler. Wer seinen Betrieb erweitern wolle oder wie die Amrhein AG umziehen müsse, tue das am liebsten in der Nähe seiner Stammkunden.

«Das ist schon wegen der kurzen Wege vernünftig und auch ökologisch sinnvoll.»

Dobler hat im Vorstand der Regio Wil erfolglos für Amrhein und die Umzonungswünsche der Gemeinde lobbyiert. «Die Gefahr besteht, dass man das lokale Gewerbe vergisst», sagt er und warnt vor zu hohen Erwartungen an Wil West. «Die Wirtschaftsentwicklung lässt sich nur bedingt planen, vieles beruht auf Zufall. Aber ich lasse mich gern positiv überraschen.»

Anne Rombach-Jung, Geschäftsführerin der Regio Wil, sieht dies anders: «Diese Aussagen sind einseitig. Zudem haben wir nicht gesagt, eine Umzonung im Städeli komme nicht in Frage. Wir haben nur den Entscheid bis zum Frühjahr 2019 zurückgestellt.» Erschwerend komme aber hinzu, dass das «Städeli» im kantonalen Richtplan nicht als Arbeitsplatzstandort eingetragen sei. Zudem gebe es in der Region noch viel eingezontes Gewerbe- und Industrieland, sagt Rombach-Jung. Ein Unternehmen müsse sich deshalb fragen, ob es in der Region Alternativen gebe.

«Es ist heute schlicht nicht möglich, neues Land einzuzonen, solange es noch so viele Reserven gibt.»

Der Fall Amrhein zeigt Rombach-Jungs Dilemma: Sie muss die Bedürfnisse der Gemeinden vertreten und gleichzeitig Wil West vorantreiben. Denn nirgends geht es für die Region derzeit um mehr Geld als dort. 132 Millionen Franken sind für die Infrastruktur des Gebiets veranschlagt. Das Projekt ist politisch schon weit vorgeschritten: Wil West ist Teil des dritten Agglomerationsprogramms der Region Wil.

Die Agglomerationsprogramme gelten als Pfeiler für eine nachhaltige Raumentwicklung der Schweiz. Entsprechend unterstützt der Bund die Programme mit viel Geld. Im Fall von Wil sind es 37 Millionen für das aktuelle Agglomerationsprogramm der dritten Generation. Wil West ist entscheidend für die Unterstützung des Bundes. Wer bei den eidgenössischen Raumplanern punkten will, setzt auf Verdichtung, Schwerpunktentwicklung, nutzungsbedürfnisgerechte Bebauung. Das Wiler Agglomerationsprogramm gilt in dieser Hinsicht als Musterbeispiel.

Blick auf den Westrand von Wil. Links der Autobahn soll der Entwicklungsschwerpunkt Wil West entstehen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Blick auf den Westrand von Wil. Links der Autobahn soll der Entwicklungsschwerpunkt Wil West entstehen. (Bild: Hanspeter Schiess)

Im entsprechenden Massnahmenplan heisst es: «Neuansiedlungen von Unternehmen in der Regio Wil sollen zukünftig weitgehend im Entwicklungsschwerpunkt Wil West erfolgen. Um konkurrierende Arbeitsplatzgebiete zu Wil West zu verhindern, sind Einzonungen nur noch für folgende Fälle vorzusehen: die Weiterentwicklung von bestehenden Betrieben bspw. für Betriebserweiterungen o.ä.; Erweiterungen von Arbeitsgebieten, welche in den kantonalen Richtplänen vorgesehen sind.»

«Wir müssten wieder fast bei null anfangen»

Fensterbauer Amrhein hat mittlerweile eine Lösung gefunden. Die Firma konnte mit ihrem Vermieter in Oberuzwil eine Vertragsverlängerung aushandeln, gleichzeitig kaufte sie das alte Gemeindehaus in der Nachbargemeinde Uzwil. «Wir haben etwas Zeit gewonnen», sagt Niklaus Amrhein. «Für uns muss eine räumlich nahe und kundenfreundliche Lösung das Ziel sein. Mit dem Kauf des Gemeindehauses könnte eine solche Entwicklung in die Wege geleitet werden.»

Was Amrhein damit meint: Dank der Liegenschaft hat er jetzt Bauland, auf der Parzelle hätte es Platz für eine Produktionshalle. Ein Teil des Gebäudes ist mittlerweile vermietet, ab März kommt die Baumann Akustik und Bauphysik AG. Er sei aber nach wie vor offen für andere Standorte, sagt Amrhein. Was ist mit Wil West? «Das geht vielleicht für Gross- und Zulieferbetriebe, die nicht auf die Verankerung im Dorf angewiesen sind. Unsere Kunden sind hier in der Umgebung. In Wil West müssten wir fast bei null an­fangen.»

Lob und Kritik aus Bern

Im September 2018 hat der Bundesrat grünes Licht für das dritte Agglomerationsprogramm Wil gegeben – und damit auch für den Entwicklungsschwerpunkt Wil West. Das Projekt ist eine Ansammlung von Superlativen: Auf einer Fläche von 158000 Quadratmetern sollen innert 25 Jahren bis zu 3000 Arbeitsplätze entstehen, inklusive Autobahnanschluss und Bahnhaltestelle. Das Gebiet liegt auf Thurgauer Boden, gehört aber dem Kanton St. Gallen. «Die Planung des Entwicklungsschwerpunkts Wil West stimmt Siedlung, Verkehr und Landschaft überzeugend aufeinander ab», heisst es im Bericht des Bundes. Der Bericht listet auch Schwächen auf, etwa im Umgang mit den Bauzonenreserven, die nicht weiter reduziert werden. Als Nächstes entscheidet das Bundesparlament über die Wiler Pläne, dann geht es weiter in den Kantonen und Gemeinden. (ar)

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