"Administrativ versorgt"

Der Kanton Thurgau hat einem heute 73jährigen Opfer der administrativen Versorgung durch Fürsorgebehörden eine Entschädigung von rund 5000 Franken zugesprochen. Der Mann, der in den Sechzigerjahren wegen "Arbeitsscheu" und "liederlichem Lebenswandel" in verschiedene Ostschweizer Anstalten eingewiesen wurde, erzählt morgen im Tagblatt aus seinem Leben.

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Die eigene Vergangenheit lässt Henry Steiner nicht los. (Bild: Urs Jaudas)

Die eigene Vergangenheit lässt Henry Steiner nicht los. (Bild: Urs Jaudas)

"Wer aufbegehrte, erhielt vom Aufseher "eis a d'Schnorre", erinnert sich Henry Steiner. Bei Ungehorsam, Widerrede und Trotzreaktionen gab es zur Strafe Dunkelhaft. Ein Granitblock mit Pritsche diente als Bett. Die zwei Zellen im Keller hatten keine Fenster. Durch einen Schacht fiel lediglich fahles Licht herein. In den ersten drei Tagen wurde nur Wasser und Brot gereicht, sonst nichts.

Sechs Jahre lang litt Steiner in den Ostschweizer Anstalten Bitzi, Kalchrain und Reata. Damals war er 20. Heute, 53 Jahre später, kämpft er um seine Anerkennung als Opfer eines inhumanen Fürsorgesystems. Er wäre wohl ein Paradefall für den geplanten Nothilfefonds für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Ob ein solcher je eingerichtet wird, steht jedoch in den Sternen, auch wenn sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga namens des Bundesrats an einem Gedenkanlass im Frühjahr bei den Opfern der Fürsorgepolitik für das Unrecht entschuldigte, das ihnen früher angetan wurde.

Henry Steiner hat Hunderte von Stunden aufgewendet, um an seine Akten zu kommen. Er will Gewissheit über sein Leben, hat sich in die Vergangenheit festgebissen. Auf vielen Amtsstellen war er schon. So kamen zahlreiche Dokumente zusammen. Andere blieben für immer verschwunden. Sein Auftreten auf der Verwaltung löste nicht immer Freude aus. Manchmal bekam er zu hören: "Aber Herr Steiner, das ist doch alles längst verjährt!" Darauf gab er jeweils zur Antwort: "Mein Leben ist doch nicht verjährt!" (red.)