Adieu, fabelhafter Flaneur und Erzähler

Der Rorschacher Journalist, Autor und Lehrer Alois Bischof ist 64jährig in seiner zweiten Heimat Basel gestorben. Mit seinen lebensnahen Portraits, Reportagen und Essays hat er die Schweizer Medienlandschaft bereichert – auch unsere Zeitung.

Marcel Elsener
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Alois Bischof (1951–2015). (Bild: pd)

Alois Bischof (1951–2015). (Bild: pd)

Gern hätten wir ihn demnächst um eine literarische Phantasterei zur Expo Ostschweiz 2027 gebeten. Als einen geschätzten Ostschweizer Schriftsteller im (Basler) Exil – und Spezialisten in Sachen Heimaterkundung.

Die Anfrage ist nicht mehr möglich, weil Alois Bischof weg ist – weg von dieser Welt. Plötzlich weg, der 1951 geborene und 1975 fürs Studium nach Basel gezogene Rorschacher Journalist, Fotograf, Lehrer; nach einem Nachtspaziergang mit seinem Labrador durch Herzversagen aus dem Leben gerissen; weg, aber als Lebemann mit schelmischem Charme selber wohl am wenigsten traurig darüber. Oder wie ihm seine langjährige Freundin Michèle Fuchs (Les Reines Prochaines) in der «Tageswoche» nachrief: «Wahrscheinlich sitzt er bereits mit Niklaus Meienberg zusammen und stösst auf uns alle an.» Mit Meienberg hatte Bischof, obwohl ein ganz anderer, nämlich schmaler, eleganter Typ, gewiss die st.gallische Herkunft und die unverblümte Sprache gemeinsam, aber auch die klare Haltung «von unten» und die Freude an Frankreich und an französischen Denkern.

Melancholische Abgesänge

So vermochte er noch in einer Besprechung eines Rorschach-Geschichtenbuchs (2011) ein Zitat des Soziologen Pierre Bourdieu einzustreuen, oder er beschloss die Reportage von einer in Südbünden erwanderten Heimatsuche (2007) mit einer Paris-Schwärmerei: «Nach zwei Wochen fühlt man sich von den Bergen umzingelt, spendet der grosse Fluss wieder Luft und Weite. Nährt die Sehnsucht nach den andern Bergen, denjenigen von Montmartre oder Montparnasse.» Französisch geprägt bis hin zum Titel «Adieu les carrées» ist ein leichtfüssiger Text für unsere Zeitung: wie so oft ein melancholischer Abgesang, diesmal für die Parisienne ohne Filter, deren Produktion 2011 im Jura nach 80 Jahren eingestellt wurde: «Eine Art Heimat- oder Schweiz-Verlust. Und selbst die eingefleischeste Heimätteler-Partei kümmert sich einen Dreck um deren Verschwinden. Wie wenn Geschichtsverlust eine Lappalie wäre.» Wie Meienberg («Niemand trat in seine Fussstapfen») litt Bischof unter den «Smart-Denkern und Savoir-vivre-Intellektuellen», die sich auf den Redaktionen breit machten und über die er in einem Essay für «Die Zeit» spottete: «Heute einen Text über Rassismus und morgen davon erzählen, was es mit dem Tragkomfort eleganter Lederschuhe auf sich hat.»

Lieber Badhütte als Bratwurst

Nein, das war nicht mehr die Medienwelt des WOZ-, Du- und TA-Magazin-Autors, der 1999 noch mutige Reportagen über das multikulturelle Kleinbasel einerseits und den rechtsradikalen Sohn eines Bekannten in Rorschach andererseits publizieren konnte. Und der mit Freipass für die «Basler Zeitung» schrieb, als diese noch nicht blocherisiert war. «Nein, diese Journalisten sind nicht wie du, der du die Geschichten immer vor Ort erkundet hast, mitten reingegangen bist, in New York oder Vietnam», wie Bischof 2007 im «Tagblatt» in einem Brief an den verschwundenen Jürg Federspiel schrieb. Für die Wahrheitssuche seiner Vorbilder Joseph Roth, Friedrich Glauser, Robert Walser, aber auch Bob Dylan war in einer vom Geld «fit getrimmten» Welt nur noch in Kleinstnischen Platz, ebenso wie für die «traurigen Gestalten», die er in Beizen wie «Schmaler Wurf», «Schoofegg», «Manger et Boire» (Basel) oder «Rheinfels» (Rorschach) traf.

Selbstverständlich bleiben von Bischof viele Texte, wenn auch allzu wenige in Buchform – in seinem Roman «Das Verhängnis» (2001), oder in den Bildbänden «Heim! Streifzüge durch die Heimlandschaft» (1991) und «1310 Grad Celsius, Grossgiesserei Sulzer» (1993). Im Reportagenband «St. Galler Spitzen» (2003) ist es just der Rorschacher in Basel, der die Bratwurst- und Stickereistadt besucht. Und nur mässig begeistert ist vom «wasserlosen, einengenden Tal».... Lieber als in der St. Galler Enge hockte Bischof auf den Holzbrettern der Badhütte Rorschach, erst recht wenn der «Wellenschlag atlantisch» war. Im Land ohne Meeranschluss liebte er umso mehr seinen See und den Rhein. Und im Basler Fluss liess er sich «ungeheuer leicht dahintreiben»; dort haben Freunde auch seine Asche verstreut.

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