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Achtköpfige Familie wird definitiv nicht ausgeschafft

Jahrelang wehrte sich eine kurdische Patchworkfamilie mit Hilfe von Kirchenleuten und Juristen gegen ihre Ausschaffung. Nun hat der Bund einer Aufnahme aus humanitären Gründen zugestimmt.
Marcel Elsener
Zu Recht guter Hoffnung: die Yaprak-Bayram-Kinder im Winter 2017 in der Wiler Kirchenwohnung. (Bild: Privat)

Zu Recht guter Hoffnung: die Yaprak-Bayram-Kinder im Winter 2017 in der Wiler Kirchenwohnung. (Bild: Privat)

Ein schöneres Geschenk hätte Yasemin Yaprak niemand machen können: Just zu ihrem Geburtstag vor einer Woche beschied das St. Galler Migrationsamt der Kurdin und ihrem Lebenspartner Yasar Bayram, dass sie und ihre sechs Kinder in der Schweiz bleiben dürfen. Richtig, legal, nicht vorläufig, sondern langfristig, mit sicherem Flüchtlingsstatus, sprich einer Aufenthaltsbewilligung mit Ausländerausweis B. Selbstverständlich flossen Freudentränen. «Eine wunderbare Überraschung», sagt die pensionierte Wiler Sozialarbeiterin Marianne Albrecht, welche die Familie seit Jahren eng begleitet. «Etwas Besseres konnten sie sich nicht vorstellen. Endlich haben sie nach all den Jahren der Angst und Ungewissheit etwas Ruhe.»

So erfreulich die Wendung, so gross die Bedenken über mögliche negative Reaktionen und Alltagshürden, die den künftigen Weg der Familie beeinträchtigen könnten. Denn das Asyldrama der Patchworkfamilie Yaprak-Bayram beschäftigt die Ostschweizer Öffentlichkeit seit Jahren: Ihr komplexer und umstrittener Fall füllt Ordner bei Juristen und Amtsstellen in Wil, St. Gallen und Bern, und auch diese Zeitung berichtete seitenweise über das schwer erträgliche Schicksal der 2010 aus der Südtürkei geflüchteten Mutter und ihrer Kinder, geplagt von Zwangsheirat, häuslicher Gewalt, Morddrohungen, Depressionen, Suizidversuchen und Klinikaufenthalten.

Migrationsbehörden bestätigen Härtefall

Aufgrund erschütternder Erfahrungen in der Toggenburger Flüchtlingsunterkunft Seeben hatte sich eine Gruppe von Personen aus dem Solidaritätsnetz Ostschweiz vor drei Jahren der Familie angenommen. Nach dem Auszug aus dem Heim lebten die psychisch angeschlagene Mutter und ihre teilweise traumatisierten Kinder geschützt im «kirchlichen Asyl» in Wil, zunächst im Frauenkloster St. Katharinen, dann in Wohnungen der Evangelischen und der Katholischen Kirchgemeinde; nebst der Nothilfe halfen private Zuwendungen, um finanziell über die Runden zu kommen. Alle Asylgesuche, Wiedererwägungsgesuche, Teilgesuche, Briefe und Petitionen blieben jedoch erfolglos, vor einem Jahr noch drohte der Familie mit den Kindern mit Jahrgängen zwischen 2002 und 2013 die unabwendbare Rückschaffung in die Türkei. «Die Familie ist psychisch am Ende, das Martyrium, das sie in der Türkei erdulden mussten, geht in anderer Form hier in der Ostschweiz weiter», sagte damals der grüne Thurgauer Kantonsrat Toni Kappeler namens der Unterstützergruppe (Ausgabe vom 3.3.2017, online verfügbar). Letzte Hoffnung versprach ein Härtefallgesuch mit spezifischem Blick auf die Kinderrechte. Die Gruppe zweifelte am ausreichenden Schutz der Kinder und der Mutter in Erdogans rückschrittlicher Türkei und erwog den Gang an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Ein Härtefall kann für abgewiesene Asylbewerber geltend gemacht werden, wenn sie über fünf Jahre in der Schweiz Wurzeln geschlagen haben und von einer Wegweisung ausserordentlich betroffen wären. Im Falle einer gefährdeten Gesundheit kann eine humanitär begründete Aufenthaltsbewilligung erteilt werden. Bei der Familie Yaprak seien alle diese Voraussetzungen erfüllt, begründete die Gruppe ihr Härtefallgesuch an das St. Galler Justiz- und Polizeidepartement. Das konnte sich nach eingehender Prüfung zu einer Empfehlung in Bern durchringen, nun liegt eineinhalb Jahre später ein positiver Bescheid vor: Das Staatssekretariat für Migration (SEM) in Bern habe dem Antrag um «Erteilung einer Aufenthaltsbewilligung aus humanitären Gründen» zugestimmt, teilen die St. Galler Behörden der Familie mit. Er habe der Härtefallbewilligung «wegen der Kinder» zugestimmt, sagt Justizdirektor Fredy Fässler und lässt durchblicken, dass der stark polarisierende Fall viele Beteiligte gefordert hat, namentlich auch in Wil. «Der Stadtrat Wil hat aufgrund des Integrationsgrades der Kinder seine Zustimmung gegeben, obwohl da möglicherweise einiges an Sozialhilfekosten auf sie zukommt», sagt Fässler. Ein Hinweis darauf, wie viele Zugeständnisse im problematischen Fall nötig waren. «Es war ein langer Prozess und ein Werk vieler Beteiligter», sagt Marianne Albrecht und erwähnt nebst den Juristen die Katholische Kirchgemeinde Wil, die sich in ihrem Beistand auf die allseitige christliche Gastfreundschaft beruft.

Sozial- statt Nothilfe und neue Wohnung

Mit Hilfe des Sozialamts und der Kirche, welche die Familie bisher in einem Pfarrhaus wohnen liess, hat die Familie nun eine neue Wohnung gefunden. Der jährlich zu bestätigende Aufenthalt ist mit Bedingungen verbunden: Mutter oder Partner müssen einer «geregelten Erwerbstätigkeit nachgehen». Sie sollen sich, derzeit in der Nothilfe, von der Sozialhilfe lösen, also langfristig finanziell unabhängig werden. Schliesslich darf es zu «keinen weiteren strafrechtlichen Verurteilungen» mehr kommen. Letzteres betrifft nach Auskunft des Migrationsamtes alle Nothilfebezüger, weil deren illegaler Aufenthalt ein Straftatbestand sei. Die Erwartungen seien klar formuliert und unterschieden sich nicht von anderen B-Bewilligten, sagt Migrationsamtschef Jürg Eberle und präzisiert: «Unter geregelter Erwerbstätigkeit verstehen wir eine unbefristete Daueranstellung.» Die Bemühungen in dieser Hinsicht würden im Rahmen der jährlichen Verlängerung geprüft.

Das künftige Glück der Familie hängt demnach wesentlich davon ab, ob der Mann, gelernter Automechaniker mit Berufserfahrung als Buschauffeur, bald eine Stelle findet; bisher durfte er keine Arbeit annehmen. Der Frau gehe es psychisch besser, weiss Marianne Albrecht. Nun hoffe man, dass die Eltern besser Deutsch lernten; bei den regulär in Wil eingeschulten Kindern sei dies kein Problem. Die halbwegs gesicherten Verhältnisse sollen die Familie beflügeln. «Die Kinder sind inzwischen gut unterwegs, die beiden ältesten dürfen jetzt Berufswelt schnuppern», freut sich Albrecht. Die Erleichterung über das vorläufig glückliche Ende eines Asyldramas ist bei allen Beteiligten hörbar.

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