«Abzocker» darf man sagen

Das Bezirksgericht Kreuzlingen verurteilt einen emeritierten Professor wegen mehrfacher übler Nachrede. Im Zuge eines Quartierstreits hatte er seinen Antipoden verunglimpft.

Urs Brüschweiler
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KREUZLINGEN. Die miese Stimmung, die in einer Kreuzlinger Quartierstrasse herrscht, setzte sich gestern vor Gericht fort. Wegen mehrfacher übler Nachrede verurteilten die drei Richter einen 81jährigen emeritierten Professor zu einer bedingten Geldstrafe von 1500 Franken und einer Busse von 300 Franken. Die Kosten für die Untersuchung, die Gerichtsverhandlung und den gegnerischen Anwalt muss er noch zusätzlich berappen. Diese liegen mit knapp 6000 Franken deutlich höher als die Strafe.

Wo der Ursprung im schon jahrelang schwelenden Nachbarschaftsstreit liegt, wurde an der Gerichtsverhandlung nicht ergründet. Gleichwohl der Angeklagte – der sich selber verteidigte – ausführlich von unzähligen Episoden berichtete, in welchen sein Antipode im Quartier seiner Ansicht nach die weiteren Anwohner böswillig schikanierte. Sein Exkurs führte von einem Streit über eine Baustellenzufahrt, zu einem Knatsch über die dürren Nadeln zweier Tannen, die aufs falsche Grundstück fielen, hin zu einem Baustop für einen Kaninchenstall und zu einer Kinderschaukel.

Nur Ehrverletzung behandelt

«Wir halten uns da raus», fand die Richterin. Beim vorliegenden Fall hatte das Gericht nur die Einsprache gegen einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft zu beurteilen. Darin ging es einzig um die ehrverletzenden Bezeichnungen von Seiten des Angeklagten über den Kläger gegenüber Dritten. Als «Abzocker», «Geldturbo», «psychopathologisch belastet» und «asozial» hatte dieser ihn betitelt. Auch «Verfolgungswahn» unterstellte er ihm. Die Ursache für diese Äusserungen lag im Kauf eines Grundstücks im selbigen Quartier durch den Kläger. Der Angeklagte war sich sicher, dass sein Widersacher die Verkäuferin über den Tisch gezogen hatte, indem er einen viel zu tiefen Preis zahlte. Eine Behauptung, welche der Professor nicht nachweisen konnte. Er musste auf Nachfrage der Richterin zugeben, dass ihm der Verkaufspreis gar nicht bekannt ist. «Das geht ihn auch gar nichts an», betonte der Anwalt des Klägers. Er legte dar, dass sein Mandant nicht der Mobbende sei im Quartier, sondern im Gegenteil derjenige, welcher permanent vom Angeklagten in seiner Ehre verletzt werde.

Salonfähig seit der Initiative

Jemanden «Abzocker» zu nennen sei nicht strafbar, sagte die Richterin. «Der Begriff ist salonfähig, ob zu Recht oder zu Unrecht angewandt.» Die anderen beklagten Ausdrücke seien jedoch ehrenrührig und als herabsetzende Behauptungen rechtlich nicht zulässig. Dem Gericht sei klar, dass dieses Urteil wohl den Unfrieden im Quartier auch nicht beenden werde.

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