Abtwiler Ehepaar stirbt innert 43 Stunden

ABTWIL. Mehr als sechs Jahrzehnte waren Gertrud und Arnold Wäger aus Abtwil verheiratet. Gestorben sind sie innerhalb von 43 Stunden. Zufall – oder das Wirken einer höheren Macht?

Daniel Walt
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Zwei Menschen, die jahrzehntelang zusammenlebten, können so stark verbunden sein, dass sie auch kurz hintereinander sterben. (Bild: Patric Sandri)

Zwei Menschen, die jahrzehntelang zusammenlebten, können so stark verbunden sein, dass sie auch kurz hintereinander sterben. (Bild: Patric Sandri)

Gertrud und Arnold Wäger begrüssen sich mit grosser Herzlichkeit. Händchenhaltend – so, wie man es von frisch Verliebten kennt. Die rührende Szene spielt aber nicht etwa im Jahr 1950, als sich die beiden auf der italienischen Insel Ischia kirchlich trauen lassen, sondern vor wenigen Monaten in der Geriatrie des Kantonsspitals St.Gallen. Die 90-jährige Gertrud Wäger besucht dort ihren vier Jahre älteren Mann. Sie weiss, dass sie ihren schwer kranken Partner bald verlieren wird.

Vier Tage später kommt der Tod dann tatsächlich – aber nicht etwa zu Arnold Wäger, sondern zu seiner Frau: Sie stirbt eher unerwartet an den Folgen eines Darmverschlusses und einer Lungenentzündung. Zwei Tage später ist dann auch das irdische Dasein ihres Mannes vollendet. Nach gerade einmal 43 Stunden sind die beiden Eheleute, die über 60 Jahre ihres Lebens gemeinsam verbracht haben, im Tod wieder vereint.

"Es war eine Liebesheirat"
"Wir wissen nicht, was Gott alles bewirkt. Solche Ereignisse aber einfach als Zufall abzutun, ist mir zu einfach", sagt Bernhard Löschhorn, dessen Gotte Gertrud Wäger war. Eine seiner ersten Erinnerungen an die Eheleute spielt an der Martinsbruggstrasse in St.Gallen, wo die beiden nach ihrer Heirat 1950 zunächst lebten: "Meine Gotte notierte Einnahmen und Ausgaben peinlich genau in einem kleinen Heft", blickt der 72-jährige Löschhorn zurück.

Standesamtlich getraut worden war das Paar im Oberthurgau – von Bernhard Löschhorns Vater Albert, der damals in Amriswil als Pfarrer wirkte. "Es war eine Liebesheirat", sagt Löschhorn, der sich gut an die folgende Ausfahrt durch Mostindien erinnert. In den 64 Jahren Ehe, die der Hochzeit folgten, seien in der Familie nie Gerüchte über Unstimmigkeiten zwischen dem Paar aufgekommen. "Und die hätte es schnell gegeben", sagt Löschhorn. Die beiden hätten toll miteinander harmoniert, auch wenn es sicherlich mal Meinungsverschiedenheiten gegeben habe.

Der grosse Wunsch
Gertrud und Arnold Wäger lebten das Leben eines Paars, bei dem der Mann für das Einkommen sorgte. Der gelernte Kaufmann arbeitete sich im Lauf der Jahre bis in eine Führungsposition beim St.Galler Krematorium Feldli hoch. Seine Frau malte und fertigte Mosaike an. Die Liebe zur Kunst teilten die Eheleute, deren Verbindung nach zwei Totgeburten kinderlos blieb. Ebenso pflegten beide die Beziehung zu Gertruds Patenkind Bernhard Löschhorn und dessen Schwester Susanne wie zu eigenen Kindern – speziell nach dem Tod von deren Mutter. "Wir telefonierten regelmässig und sahen uns an grösseren Feiertagen", so Löschhorn. Er weiss auch vom grossen Wunsch, den seine Gotte hegte, als ihr Mann schwer krank wurde: "Sie sagte, sie wolle möglichst nicht mehr lange leben, wenn Noldi dann einmal nicht mehr da sei." Eine Rolle neben der Verbundenheit der Eheleute spielte wohl auch, dass Gertrud Wäger alleine kaum mehr in der Wohnung hätte bleiben können. "Dessen war sie sich sicherlich bewusst", sagt Löschhorn.

Eher überraschend gestorben
Ein letztes Mal telefonischen Kontakt hatte Bernhard Löschhorn mit seiner Gotte am Sonntag, 22. Juni. "Ich hatte zu jenem Zeitpunkt nicht den Eindruck, dass es mit ihr langsam dem Ende zuging", hält er fest. Einige Tage später aber rief ihn eine enge Vertraute des Paars an und teilte ihm mit, man habe Gertrud Wäger gleich im Spital behalten, als sie ihren Mann besucht habe. Der Zustand der 90-Jährigen verschlechterte sich in der Folge zusehends, bis sie nach einigen Tagen verschied. Als ihr knapp 94-jähriger Mann dann zwei Tage später ebenfalls starb, tat er dies im Wissen darum, dass seine Frau ihr Leben 43 Stunden vor ihm vollendet hatte.

"Wie ein Baum gewachsen"
"Nicht alleine zurückbleiben müssen, miteinander gehen können: ein schöner Gedanke", findet Suzanne Hüttenmoser Roth. Sie arbeitet bei der Beratungsstelle für Ehe- Familien- und Lebensfragen in St.Gallen. Bei aller Trauer, die ein Todesfall mit sich bringt, sieht sie auch Tröstliches im fast zeitgleichen Hinschied von Gertrud und Arnold Wäger. "Dieses Paar hat viel Zeit miteinander verbracht. Es hat sicher auch einiges gemeinsam durchgestanden, ist miteinander wie ein Baum gewachsen." Aus ihrer Sicht ist der Schluss naheliegend, dass solche Menschen seelisch miteinander verbunden sind – und zwar derart stark, dass eine Person ohne die andere möglicherweise nicht mehr weiterleben kann.

Einen gewissen Einfluss billigt Suzanne Hüttenmoser Roth auch dem Lebenswillen zu: "Vielfach leben Menschen im Alter nur noch für den jeweils anderen. Wenn diese Person nicht mehr da ist, fehlt die Motivation zum Weitermachen", erklärt sie.

Sterberisiko ist erhöht
Daniel Büche ist Leiter des Palliativzentrums am Kantonsspital St.Gallen. Er weiss: "In den ersten 30 Tagen nach dem Tod der geliebten Partnerin oder des geliebten Partners ist das eigene Sterberisiko signifikant erhöht. Das belegen Studien aus den USA und den Niederlanden von Ende der 1990er-Jahre." Beim Mann sei dieses Risiko im ersten Monat nach dem Tod der Partnerin um 20 Prozent erhöht, im umgekehrten Fall sei der Wert bei 17 Prozent anzusiedeln, so Büche. Nach den ersten 30 Tagen pendle sich das Sterberisiko der überlebenden Person langsam auf gewohntem Level ein, um nach Ablauf eines Jahres kurzzeitig wieder etwas anzusteigen.

Die Wissenschaft erklärt dieses Phänomen laut Daniel Büche mit dem natürlichen Trauerzyklus, den eine Person nach dem Tod der Partnerin oder des Partners durchmacht. Dabei spielen psychologische Faktoren eine entscheidende Rolle: Jemand, der den Partner oder die Partnerin verloren hat, beginnt möglicherweise an Depressionen zu leiden oder zeigt wegen Einsamkeit und Isolation Stressreaktionen. Die Folge davon können gesundheitliche Probleme sein, die im schlimmsten Fall zum Tod führen. "Dies alles lässt sich unter dem Stichwort gebrochenes Herz subsumieren", sagt Daniel Büche. Dazu komme auch der Lebenswille, der nach dem Verlust der Partnerin oder des Partners möglicherweise schwinde.

Nebeneinander beigesetzt
Gemeinsam gelebt, gemeinsam gestorben: Paarberaterin Suzanne Hüttenmoser Roth sieht darin weniger einen Zufall als vielmehr das Wirken einer höheren Macht. Die gleiche Überzeugung teilt Bernhard Löschhorn, was den Tod seiner Gotte und ihres Mannes angeht: "Ich würde das eine höhere Fügung nennen." Nach dem Tod des Paars, das nebeneinander in der Urnenhalle des Friedhofs Feldli beigesetzt wurde, verwiesen die Angehörigen denn auch auf ein Kirchenlied. Es fordert die Gläubigen auf, Gott zu danken – im konkreten Fall dafür, dass er beiden ein so langdauerndes Leben geschenkt und beide fast gleichzeitig bei sich aufgenommen hat, wie zu lesen war.

Und wie hält es Paarberaterin Suzanne Hüttenmoser Roth persönlich? Wünscht sie sich für ihre eigene Beziehung ebenfalls ein möglichst zeitnahes Ableben beider Partner? "Ja", antwortet sie. Viele Menschen hegten den Wunsch, nach dem Tod des geliebten Partners nicht alleine zurückbleiben zu müssen. "Ich kann dieses Gefühl gut nachvollziehen."

"Ein guter Tod ist ein Geschenk"

Herr Menges, Sie sind Paar- und Familienberater sowie Pfarrer. Menschen sind jahrzehntelang verheiratet und sterben dann innert einiger Stunden, teils weniger Tage - was lösen solche Berichte in Ihnen aus?
Achim Menges: Sie berühren mich sehr. Der Tod trennt auch die Liebenden – wenn sie aber so rasch nacheinander sterben, wirkt dies in besonderer Weise. Ein solches Sterben betont die Verbundenheit der beiden Partner.

Inwieweit können Menschen seelisch so stark miteinander verbunden sein, dass einer ohne den anderen nicht mehr weiterleben kann?
Menges: Ich bin betagten Menschen begegnet, die völlig füreinander da waren. Sie haben ihre gemeinsame Lebensgeschichte, ihre Beziehung und ihre Rollen darin als selbstverständlich angenommen – und sind dann kurz nacheinander verstorben. Mein Eindruck war, dass sich für sie das Leben erfüllt hatte. Es brauchte nichts mehr. Vielleicht war der überlebende Partner durch die Pflege des anderen auch sehr erschöpft, oder er war Trauer und Alleinsein nicht mehr gewachsen.

Welchen Einfluss hat aus Ihrer Sicht der Lebenswille eines Menschen? Es gibt Fälle, in denen Aussagen eines Partners oder von beiden gefallen waren, wonach sie ohne den anderen nicht mehr leben wollten.
Menges: Ich sehe diesen Einfluss nicht so deutlich. Viele Menschen sind wegen Schmerzen oder anderem des Lebens ebenfalls müde und wollen sterben – für sie erfüllt sich der Sterbewunsch aber nicht.
Zeitnahes Sterben von Paaren kann man als Zufall abtun, als Wirken einer höheren Macht oder als rätselhaftes Geschehen, das ungeklärt bleiben muss.

Wozu tendieren Sie persönlich?
Menges: Ich empfinde einen guten Tod nach einem erfüllten Leben als Geschenk. Generell ist es schwierig, eine allgemeingültige Erklärung für solche Fälle zu finden. Ich würde jeweils die Menschen persönlich fragen, die das betreffende Paar sehr gut kannten, und dann ihrer Erklärung vertrauen.

Der Tod ist nie schön. Verliert er einen Teil seines Schreckens, wenn zwei Liebende so rasch hintereinander sterben und im Tod wieder vereint sind?
Menges: Ich sehe darin einen gewissen Trost, denn Gutes im Angesicht des Todes ist tröstlich. Dies besonders im Bewusstsein darum, dass Sterben leider vielfach nicht so verläuft, wie man sich einen guten Tod vorstellt. Trotzdem: Für die Angehörigen bleibt in solchen Fällen ein doppelter Verlust zu verarbeiten.

Unter welchen Grundgedanken würden Sie als Pfarrer eine Abdankungsfeier für zwei Ehepartner stellen, die kurz hintereinander verstorben sind?
Menges: Ich würde in erster Linie sorgfältig mit den Angehörigen darüber sprechen, wie sie die Situation erleben. Dann würde ich mit ihnen gemeinsam einen Leitgedanken erarbeiten.

Würden Sie sich ein zeitnahes Sterben beider Partner auch für Ihre Beziehung wünschen?
Menges: Darauf kann ich nicht unabhängig von der Situation antworten. Es käme darauf an, was dann, wenn es so weit wäre, Liebe bedeutet. (dwa)

Weitere Fälle

Der zeitnahe Tod der Abtwiler Eheleute Gertrud und Arnold Wäger ist kein Einzelfall. In Online-Medien und Zeitungsarchiven finden sich einige ähnliche Geschichten – beispielsweise jene von Maxine und Don Simpson aus Kalifornien. Im vergangenen Juli stellte deren Enkelin das Bett der krebskranken Grossmutter neben jenes ihres unter Alzheimer leidenden Grossvaters. Sie fragte den alten Mann, wer da neben ihm liege – er antwortete mit einem Lächeln: "Es ist meine wundervolle Frau." Anschliessend hielten die beiden Händchen und starben kurze Zeit später innert weniger Stunden, nachdem sie 62 Jahre lang verheiratet gewesen waren.
Innert 15 Stunden starben im vergangenen April in den USA die 92-jährige Helen Felumlee und ihr 91-jähriger Mann Kenneth. Zwölf Stunden nach dem Tod seiner Frau wurde Kenneth Felumlee schwächer und verschied dann rasch. Das Paar war über 70 Jahre lang verheiratet gewesen.
Gar nur zehn Stunden lagen zwischen dem Tod von George und Dorothy Doughty aus Manchester. Besonders speziell in diesem Fall: Während der 91-jährige George im Spital behandelt wurde, hörte daheim das Herz seiner um ein Jahr älteren Frau auf zu schlagen – George starb wenig später, ohne zu wissen, dass ihm seine Frau vorausgegangen war. Der Sohn des Paars liess sich gegenüber den Medien wie folgt zitieren: "So blieb ihnen der Stress erspart, zu erfahren, dass der andere tot ist." (dwa)

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