Holocaust-Vergleiche und Mordphantasien im Biologieunterricht: So operieren Abtreibungsgegner an St.Galler Schule

An einer öffentlichen St.Galler Sekundarschule verteilt eine Lehrperson im Fach Biologie schockierende Arbeitsblätter zum Thema Schwangerschaftsabbruch.

Odilia Hiller
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Sexualkundeunterricht ist in der Oberstufe obligatorisch. In der Ausgestaltung und Wahl der Lehrmittel haben Lehrerinnen und Lehrer grosse Freiheiten. Was zu Ausrutschern führen kann wie in St.Gallen. (Bild: Getty)

Sexualkundeunterricht ist in der Oberstufe obligatorisch. In der Ausgestaltung und Wahl der Lehrmittel haben Lehrerinnen und Lehrer grosse Freiheiten. Was zu Ausrutschern führen kann wie in St.Gallen. (Bild: Getty)

14 bis 16 Jahre alt sind die Schülerinnen und Schüler einer 3. Sekundarklasse an der Oberstufe Blumenau. Im Biologieunterricht bekommen sie von ihrer Lehrerin zum Thema Abtreibung Folgendes zu lesen: «Das Baby wird lebend zerschnitten und stückweise aus der Gebärmutter entfernt. Es sind Fälle bekannt, wo sich das Kind so weit als möglich von der Gebärmutteröffnung entfernt hat, bevor es brutal von einer Zange zerdrückt und zerschnitten wird.»

So steht es auf einem von zwei Arbeitsblättern zum Thema Abtreibung geschrieben, die unserer Zeitung vorliegen. Das Papier ist mit «Oberstufe Centrum» beschriftet, gemäss Titelkopf geht es um das Thema Fortpflanzung im Fach Biologie. Eltern, denen die Papiere zu Hause auffallen, sind fassungslos. Rückfragen bei der Lehrperson bleiben ergebnislos.

Was die Kinder allerdings auf diesen zwei A4-Seiten über das Thema Abtreibung lesen müssen, lässt auch hartgesottenen, erwachsenen Lesern den Atem stocken. «Weltweit werden jährlich 45 Millionen Kinder abgetrieben. Zum Vergleich: Das Naziregime forderte 55 Millionen», skandiert der Text. Ob Absaugen, Auskratzen oder Verätzen – den Jugendlichen wird kein grausames Detail erspart, was im Innern des Mutterleibs passiert, wenn eine Schwangerschaft durch eine Abtreibung beendet wird.

Fiktiver Fötus erzählt in Ich-Form von seinem Tod

Während das erste Blatt noch vorgibt, mit Zahlen und Fakten zu operieren, wird es auf dem zweiten christlich:

«Liebe Mami, jetzt bin ich im Himmel und sitze auf Jesu Schoss. [...] Ich wäre so gern dein kleines Mädchen gewesen und verstehe eigentlich nicht so richtig was passiert ist.»

In Ich-Form erzählt ein fiktiver toter Fötus in triefenden Worten seiner Mutter, wie grausam er in ihrem Bauch sterben musste. «Voller Entsetzen schrie ich, als das unerbittliche Monster mir ein Bein ausriss.» Am Ende des Texts steht anstelle eines Verfassers: «Dieser Brief über die Schrecken einer Abtreibung aus der Sicht eines Babys wurde von einer 16-Jährigen geschrieben.» Ob dem so ist: höchst zweifelhaft.

Der «Brief vom Himmel» kursiert in dieser oder ähnlicher Form seit einigen Jahren im Internet – stets in erzkonservativen Netzwerken. In der Schweiz wurde er schon vor Jahren auf Kath.net, einer katholischen Plattform, oder im «Schweizerisch Katholischen Sonntagblatt» veröffentlicht. Verfasser und Herkunft sind unbekannt. Möglicherweise ist der Text angelsächsischen oder amerikanischen Ursprungs. Es existieren englische Fassungen unter dem Titel «Cry of An Unborn Baby».

Abschreckung durch hanebüchene (Holocaust-)Vergleiche und makabre Details gehört zur klassischen Rhetorik der Pro-Life-Bewegung unter den Abtreibungsgegnern. Wie das Material den Weg in das Arbeitsheft einer öffentlichen Schweizer Schule gefunden hat, ist unklar. Eltern, die das Gespräch mit der Lehrperson suchten, wurden beruhigt mit dem Argument, man stelle das Material jedes Jahr im Team neu zusammen. Was eher Fragen aufwerfen als beantworten würde, weil dann nicht mehr vom Fehltritt einer Einzelperson ausgegangen werden könnte. Die Verantwortlichen der städtischen Dienststelle Schule und Musik wussten nichts von den Vorgängen.

Als diese Zeitung sie damit konfrontiert, reagieren sie betroffen – und unverzüglich. «Es ist in der Tat nicht vorstellbar, dass die von Ihnen geschilderte Art von Sexualkundeunterricht an einer öffentlichen Schule im Jahr 2019 gewünscht oder gar mit dem Lehrplan vereinbar sein kann», sagt Dienststellenleiterin Marlis Angehrn. Man werde die Angelegenheit umgehend untersuchen und sobald wie möglich informieren. Auf weitere Fragen wurde bis Redaktionsschluss nicht mehr geantwortet.

Die Lehrpersonen sind in der Ausgestaltung frei

Der Auftrag der Volksschule in Sachen Sexualkundeunterricht wird durch den Lehrplan Volksschule des Kantons St.Gallen festgelegt. Er wird vom Erziehungsrat erlassen und von der Regierung genehmigt. Der Unterricht beginnt im 5. oder 6. Schuljahr und wird auf der Sekundarstufe I fortgesetzt. «Er orientiert sich am Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen», schreibt Alexander Kummer, Leiter des kantonalen Amtes für Volksschule, auf Anfrage. Das Thema wird zum Teil im Fach «Natur und Technik», wozu auch die Biologie gehört, vermittelt, ein Teil im Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft». Interessant ist im vorliegenden Fall, dass die moralisierenden Antiabtreibungsparolen in einem naturwissenschaftlichen Fach abgegeben wurden. Der Lehrplan Volksschule basiert auf dem Lehrplan 21, der für die Sekundarstufe I im Fachbereich Natur und Technik lediglich vorgibt: «Körperfunktionen verstehen: Die Schülerinnen und Schüler verfügen über ein altersgemässes Grundwissen über die menschliche Fortpflanzung, sexuell übertragbare Krankheiten und Möglichkeiten zur Verhütung.»

Die Lehrpersonen im Kanton St.Gallen sind gemäss Kummer in der «Ausgestaltung des gesetzlichen Auftrags» grundsätzlich frei. «Die Lehrerinnen und Lehrer thematisieren die sensiblen Inhalte mit der nötigen Sorgfalt und Professionalität», schreibt der Amtsleiter. Inwiefern dieser Auftrag im vorliegenden Fall eingelöst wurde, werden die Verantwortlichen bei der Stadt St.Gallen entscheiden müssen.