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Interview

Religionswissenschaftlerin zum Verhüllungsverbot: «Abstimmungen sind ein Ventil für Ängste»

Die Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens erklärt die deutliche Annahme des St.Galler Verhüllungsverbots mit dem Unbehagen vor dem Fremden. Dieses sollte man ernst nehmen. Die Professorin sieht Politik und Medien in der Verantwortung.
Katharina Brenner
Viele assoziieren mit einem Burkaverbot die Hoffnung, etwas Fremdes ausgrenzen zu können, sagt die Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens. (Bild: KEYSTONE/Marcel Bieri)

Viele assoziieren mit einem Burkaverbot die Hoffnung, etwas Fremdes ausgrenzen zu können, sagt die Religionswissenschaftlerin Dorothea Lüddeckens.
(Bild: KEYSTONE/Marcel Bieri)

Dorothea Lüddeckens, überrascht es Sie, dass der Kanton St.Gallen ein Burkaverbot klar angenommen hat?

Nein, denn viele projizieren auf die Burka Ängste, die sie umtreiben.

Welche Ängste sind das?

Viele Menschen assoziieren mit einem sogenannten Burkaverbot die Hoffnung, dass sie etwas, das ihnen fremd ist und von dem sie sich bedroht fühlen, ausgrenzen können. Wir sind in unserer Gesellschaft konfrontiert mit wesentlichen Veränderungen, viele sehen ihren Lebensstil und Lebensstandard gefährdet und fühlen sich dem gegenüber oft ohnmächtig. Abstimmungen sind ein Ventil und eine Möglichkeit für jeden Einzelnen, Einfluss zu nehmen.

Woher kommt dieses Unbehagen gegenüber dem Fremden?

Das ist nichts spezifisch Schweizerisches. Wir beobachten das in vielen Gesellschaften. Dieses Unbehagen entsteht durch Unsicherheit gegenüber etwas, das wir nicht einschätzen können. Wir richten unser Handeln immer nach vorhandenen Erfahrungen aus. Etwas Neues ist daher erst einmal anstrengend und in gewisser Weise riskant. Im Fall des Islams ist das Unbehagen gezielt auch geschürt durch politische Kampagnen.

Wenn wir reisen, suchen wir aber gerne das Fremde.

Fremdes kann durchaus Faszination ausüben – auf dem Reisekatalog und im Restaurant um die Ecke. Das Fremde erscheint uns allerdings oft nur so lange attraktiv, wie wir meinen, selbst darüber bestimmen zu können, wie viel wir davon bekommen und wie fremd es sich gebärden darf.

Dorothea Lüddeckens (52) ist Professorin für Religionswissenschaft mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung an der Uni Zürich. Sie hat religiöse Kleidung und Multikulturalität erforscht.(Bild: pd)

Dorothea Lüddeckens (52) ist Professorin für Religionswissenschaft mit sozialwissenschaftlicher Ausrichtung an der Uni Zürich. Sie hat religiöse Kleidung und Multikulturalität erforscht.(Bild: pd)

Europa hat in den vergangenen Jahren Terroranschläge erlebt. Halten Sie die Angst vor Islamismus in der Schweiz für unberechtigt?

Diese Gefahr besteht, lässt sich aber sicher nicht durch ein «Burkaverbot» eindämmen. Frauen mit Gesichtsschleier sind nicht die gewaltbereiten Terroristen, vor denen man realistisch Angst haben müsste. Und Terroranschläge sind zum Glück bei Weitem nicht das grösste Problem, das wir haben. Bei den Burkas geht es letztlich um Angstmacherei, an der einige ein grosses Interesse haben.

Das St.Galler Stimmvolk sagt mit der Annahme des Burkaverbots auch: Wir wollen uns in die Augen sehen und unser Gesicht zeigen, wenn wir miteinander reden.

Sagt es das wirklich? Dann wäre ich auch dafür, das Tragen von verspiegelten Sonnenbrillen zu verbieten. Selbst bei dem vom Gesetz betroffenen Nikab kann man einer Frau im Gespräch in die Augen sehen. In beruflichen Kontexten kann es durchaus sinnvoll sein, Gesichtsverhüllung zu verbieten: etwa im Kindergarten. Für Kinder ist es wichtig, die Mimik, nicht nur die Augen, ihrer Erzieherinnen zu sehen.

Sowohl Burka- als auch Minarettverbot zeigen: Es gibt ein Bedürfnis in der Bevölkerung, Regeln für ein Zusammenleben mit Muslimen aufzustellen, klar zu sagen: Das sind unsere Werte.

Ich bezweifle, dass es wirklich um ein Zusammenleben geht. Inwiefern verhindert denn ein Kleidungsstil das Zusammenleben? Zumal ein verschwindend kleiner Teil der Schweizer Muslimas sich so kleidet. Eine Verbotskultur bringt uns nicht weiter. Im Gegenteil: Solche Gesetze sind ein Signal gegen die Freiheit, ein Wert, den wir so schätzen.

Was hilft, wenn wir Parallelgesellschaften verhindern wollen?

Wenn wir Menschen ausgrenzen, radikalisieren sie sich erfahrungsgemäss eher. Wir sollten das Gegenteil fördern: den Kontakt suchen, eine gemeinsame Kultur entwickeln. Die Schweizer Gesellschaft verändert sich ständig. Wir haben zum Beispiel andere Esskulturen aufgenommen. Das Land ist heute ein anderes als vor 50 Jahren.

Was ist mit jenen, denen diese Veränderungen zu viel werden?

Ich möchte die Ängste vor dem Fremden nicht kleinreden. Wir sollten sie ernst nehmen. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Ich sehe Politik und Medien klar in der Verantwortung. Sie dürfen diese Ängste nicht weiter schüren. Migration bringt auch Probleme mit sich, keine Frage. Aber sie bringt auch viel Positives. Darauf sollten wir uns konzentrieren und gemeinsam die grossen Probleme angehen. In einer globalisierten Welt können wir nicht anders bestehen.

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