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ABSTIMMUNG: Zahlenstreit ums Theater St.Gallen

Jedes Jahr zahlt die öffentliche Hand rund 28 Millionen Franken ans Theater St. Gallen. Was auf den ersten Blick viel sein mag, ist im Vergleich zu anderen Häusern wenig.
Jürg Ackermann
Das Theater St. Gallen glänzt bei Auslastung und Eigenfinanzierung mit Spitzenwerten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das Theater St. Gallen glänzt bei Auslastung und Eigenfinanzierung mit Spitzenwerten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Jürg Ackermann

juerg.ackermann@tagblatt.ch

Theater kostet. Wer aufwendige und hochstehende Produktionen bieten will, braucht viele Schauspieler auf der Bühne oder Musiker im Orchestergraben. Ticketeinnahmen decken dabei nur ­einen Bruchteil der Ausgaben. In St.Gallen sind es weniger als 15 Prozent (siehe Grafik). Der Rest des Aufwands wird über Sponsoring, private Beiträge und vor allem durch die öffentliche Hand finanziert, die rund 70 Prozent des gesamten Budgets abdeckt.

Die Steuerzahler und Lottospieler – acht Millionen Franken jährlich kommen aus dem Lotteriefonds – subventionierten in der vergangenen Saison jeden Theater- oder Musical-Eintritt mit rund 195 Franken. Dabei steht das Ostschweizer Haus im Vergleich zu ähnlichen Theatern gut da. In frischer Erinnerung ist die hitzig geführte Diskussion um das Zürcher Neumarkt-Theater vor drei Jahren. Als damals bekannt wurde, dass wegen sinkender Besucherzahlen jeder Eintritt mit über 450 Franken vom Staat subventioniert wurde, ging ein Aufschrei durch die Öffentlichkeit. Nicht nur SVP-Politiker stellten sich die Frage, ob man sich ein solches Theater leisten wolle. Und ob Kunst ohne minimale Rücksicht auf Publikums­interessen alles dürfe.


St.Gallen will gar nicht mehr Eigenfinanzierung

Solche Probleme kennt St.Gallen nicht. Das Theater definiert sich als «ein Haus für viele und nicht für wenige». Die Besucherzahlen zeigen, dass das keine leeren PR-Floskeln sind. Die Auslastung – auch dank populärer Musicals – beträgt in der Regel 75 Prozent und mehr. Die hohen Besucherzahlen führen dazu, dass der Eigenfinanzierungsgrad jedes Jahr bei rund 30 Prozent liegt, was sich im Vergleich zu anderen Häusern mehr als sehen lässt. Das Schauspielhaus Zürich oder das Konzert-Theater Bern beispielsweise decken nur rund 20 Prozent des Aufwands selber. In Deutschland liegen die Werte bei vergleichbaren Häusern noch tiefer. Gemäss einer Studie des Berner Theaterwissenschafters Andreas Kotte kommen deutsche Stadttheater im Schnitt auf einen Eigenfinanzierungsgrad von nur 14 Prozent, in Österreich sind es immerhin 18 Prozent.

Für Werner Signer, den geschäftsführenden Direktor des Theaters St.Gallen, ist aber klar, dass sein Haus mit 30 Prozent eine obere Schwelle erreicht hat. Auch wenn permanent Anstrengungen unternommen würden, durch Sponsoring weitere Gelder zu generieren, strebe das Theater St. Gallen grundsätzlich keinen höheren Eigenfinanzierungsgrad an. «Eine zu grosse Abhängigkeit von eigenen Finanzen brächte die Gefahr mit, in Richtung kommerzielles Theater zu kippen», sagt Signer. «Die künstlerische Freiheit wäre dadurch substanziell gefährdet.» Experte Andreas Kotte unterstützt dies. Ein Theater sei schliesslich kein Skiverband. Der Sponsoringanteil dürfe nie so gesteigert werden, dass er das Publikum irritiere. Denn dies wiederum könnte zu einer schlechteren Auslastung führen.

Anderswo funktioniert es jedoch auch anders. Das allein schon wegen der Grösse mit St. Gallen nicht vergleichbare Winterthurer Casino-Theater um Victor Giacobbo finanziert seine Produktionen, die durchaus auch künstlerischen Ansprüchen genügen, zu 70 Prozent selber. Den Rest begleichen finanzstarke Gönner.

Auch das Zürcher Bernhard-Theater, das sich auf populäre Stücke konzentriert und mit Gastronomie-Angeboten Geld verdient, ist selbsttragend. Ähnlich funktioniert es in den USA. Zuschüsse von der öffentlichen Hand an Theater und Opernhäuser existieren dort kaum. Vieles wird durch Mäzene und private Sponsoren finanziert. Ob die Gegner der St.Galler Theater­sanierungs-Vorlage in der Kultur amerikanische Verhältnisse anstreben, ist nicht bekannt. Sicher dagegen ist: Um den Eigenfinanzierungsgrad entfachten sie in den letzten Wochen einen kleinen Zahlenkrieg.

Woher nimmt die SVP diese Zahlen?

Die Regierung habe Mühe mit Rechnen, warf die SVP in ihrem Extrablatt den Befürwortern vor. Auch Generalsekretärin Esther Friedli behauptete wiederholt, das Theater koste den Steuerzahler zu viel Geld, der Eigenfinanzierungsgrad des Theaters liege lediglich bei 21 Prozent statt der ausgewiesenen rund 30 Prozent.

Wie die SVP auf diese Zahl kommt, ist schleierhaft. Auf entsprechende Nachfragen reagierte Friedli nicht. Weil ihr diesbezüglich die Argumente ausgegangen sind? Selbst die SVP-nahe «Weltwoche» schrieb 2014 von einem Eigenfinanzierungsgrad von 30 Prozent und lobte das Theater St. Gallen als «das ökonomisch erfolgreichste Mehrspartenhaus der Schweiz und wahrscheinlich des gesamten deutschsprachigen Raums».

Lesen Sie hier den Artikel über das "Tagblatt-Podium" zur Theater-Vorlage.

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