ABSICHTSERKLÄRUNG: Wie ein Sechser im Lotto

Fredy Iseli will mit seinem Ecocell-Bausystem auf der Basis von Altpapier im asiatischen Raum Fuss fassen. Diesem Ziel ist der Uttwiler Architekt gestern einen grossen Schritt näher gekommen.

Markus Schoch
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Fredy Iseli bei der Produktion seiner Waben – aus Karton und weiteren Materialien. (Bild: Donato Caspari (Sulgen, 21. November 2014))

Fredy Iseli bei der Produktion seiner Waben – aus Karton und weiteren Materialien. (Bild: Donato Caspari (Sulgen, 21. November 2014))

Markus Schoch

markus schoch@thurgauerzeitung.ch

Fredy Iseli ist ein Querdenker, der sich selber als ein bisschen verrückt bezeichnet. Aber er ist auch einer, der sich nicht so leicht vom Weg abbringen lässt, selbst wenn er einmal umfällt oder sich die Nase anstösst. Der Uttwiler Architekt gibt nicht so schnell auf. Diese Zielstrebigkeit hat sich im Mai 2016 für ihn ausbezahlt. Für sein Fertigbau-System mit den sogenannten Ecocell-Betonwaben aus Recycling-Papier, das mit Zement beschichtet ist, ist Iseli mit Europas bedeutendstem Umweltpreis als Sieger in der Kategorie Bauen/Wohnen ausgezeichnet worden. Die Jury zeigte sich unter anderem von der geringen Kohlendioxidbelastung bei der Produktion der Waben beeindruckt. Im Vergleich mit herkömmlichen Baustoffen ist sie etwa dreimal kleiner. Iseli konnte aber auch mit dem Baukonzept punkten: Die Normelemente lassen sich wie Legosteine zusammenfügen.

Ende 2016 baute Iseli sein erstes richtiges Ecocell-Haus. Inzwischen läuft die Ecocell-Produktion bereits auf Hochtouren wegen des ersten Grossauftrags in der Höhe von 1,5 Millionen Franken. Es geht um den Umbau der ehemaligen Migros in Emmishofen, wo Iseli «Wohnboxen» installiert.

Industrielle Lizenznehmer im Ausland gesucht

Mit dem «Green Tec Award» in der Tasche gingen Türen auf, die vorher verschlossen waren. Der Uttwiler suchte industrielle Lizenznehmer im Ausland, die Fabriken aufbauen, in denen multifunktionale Ecocell-Häuser im Baukastensystem produziert werden können. Vor allem in Krisenregionen wie Syrien und den umliegenden Ländern sei der Bedarf nach Wohnraum riesig. Aber auch entlang der Flüchtlingsrouten in Europa bestehe grosser Bedarf. Seine Häuser könnten helfen, die Notlage der betroffenen Menschen zu lindern, die heute unter schwierigsten Bedingungen leben müssten, sagte Iseli: Die Ecocell-Gebäude seien sehr schnell aufgebaut, kostengünstig und flexibel nutzbar.

Plötzlich ging alles schnell. «Wir stehen bei den Verhandlungen noch am Anfang», sagte Fredy Iseli vor sieben Wochen. Er hatte zu diesem Zeitpunkt erste Gespräche mit Zhonglin Wang und seiner Entourage geführt. Der Präsident von Shandong in China zeigte sich damals sehr interessiert, mit dem Uttwiler Architekten ins Geschäft zu kommen. Verlockende Aussichten für den Unternehmer: Die Provinz gehört zu den grössten Wirtschaftsregionen des Landes und zählt knapp 100 Millionen Einwohner.

Angedacht war ein Joint Venture. Die Idee: Iseli liefert das Know-how für den Bau der Maschinen und Anlagen, die dann auch in der Schweiz für die industrielle Produktion der Fertigbauelemente zum Einsatz kommen könnten und weltweit in Lizenz verkauft werden. Die Chinesen auf der anderen Seite helfen, einen Partnerbetrieb in ihrem Land zu suchen und unterstützen diesen nach Möglichkeiten.

Seit gestern ist diese Idee bereits offizielle Absichtserklärung. Iseli hat mit dem Leiter eines 26 Quadratkilometer grossen Industrieparkes an der chinesischen Ostküste im Beisein des extra mit einer fünfköpfigen Delegation angereisten Vizepräsidenten der Provinz einen sogenannten Letter of Intent unterzeichnet. Darin bekunden beide Seiten ihren guten Willen, eine strategische Partnerschaft einzugehen. Es sei noch ein weiter Weg zu gehen, sagte der Vizepräsident von Shandong. Doch er würde sich sehr freuen, wenn das Projekt zum Fliegen käme. «Wir heissen alle ausländischen Investoren bei uns herzlich willkommen, bieten ihnen Unterstützung an und garantieren ihnen Gleichbehandlung», betonte er. Iseli machte keinen Hehl daraus, dass es für ihn wie ein Sechser im Lotto wäre, wenn es mit der Zusammenarbeit klappte. Nun gehe es darum, eine Produktionsfirma für die Maschinen zu finden.