Ab in die Schlucht, ab in den Keller: Die besten Abkühlungsorte der Ostschweiz

Kirche, Kino oder Kaltbrunn? – Wo sich Ostschweizer aufhalten, wenn das Quecksilber in die Höhe schnellt.

Marcel Elsener, Regula Weik, Christoph Zweili
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In der Garage

Es ist der feuchtwarme Traum der Steingartenfreunde Ausserrhoden, des Baumhasser-Vereins Oberthurgau und des SUV-Clubs Ostschweiz (wenn es sie denn gäbe): Mit dem klimatisierten Wagen eine Parkgarage ansteuern, je tiefer unter dem Grund desto besser, dort ein paar Züge kühle Autogaragenluft einatmen, vielleicht sogar picknicken. Aber Achtung: Nicht alle Parkhäuser sind kühl, in manchen herrscht heiss-dicke Luft, speziell dort, wo unzählige Klimageräte Shoppingtempel oder andere Einrichtungen kühlen müssen und mit ihrer Abluft eine Zwangssauna bewirken. Erstickungsgefahr? Muss nicht sein: Wahre Klimazyniker kurven im klimatisierten Auto herum, ohne je zu parkieren.


In der Kirche

Wer sagt denn, Kirchen hätten keinen Zulauf mehr: Wenn die Erderwärmung weiter so zunimmt, bleiben ihre angenehm kühlen Räume hinter altem Steingemäuer nicht lange Geheimtipp. Kirchen sind ein jederzeit eintrittsfrei geöffneter Erfrischungsraum! Je grösser, älter und katholischer, desto mehr Abkühlung garantiert, bis zu 15 Grad, wie kürzlich selber auf einer Wanderung in Eggersriet erfahren. St.Anna bot da prächtige Kühle – und erst noch Anlass zu Einkehr. Bis uns richtig warm ums Herz wurde.


Im Keller

Auf der Flucht vor der Hitze und dem von allen heiss empfohlenen Wasserkonsum gibt es in diesen Tagen nur ein Ziel: den Weinkeller. Durchschnittlich 15 bis 16 Grad Celsius – und dies konstant, «denn grosse Temperaturschwankungen tun dem Wein nicht gut», sagt Kaspar Wetli jun. von der Schmid Wetli AG in Berneck. Ungefähr 50 Flaschen Wein konsumieren Herr und Frau Schweizer pro Jahr, 100'000 Liter lagern in Wetlis Keller. Besichtigung auf Anfrage.


Im See

Wochenlang wartet man, bis der liebste Badesee die 20-Grad-Marke erreicht. Dann geht's plötzlich schnell, zu schnell, jeden Tag ein Grad, der Züritümpel hat schon 23, der Bodensee bald auch, ab 25 ist’s vorbei mit Abkühlen. Also auf zum kältesten See: Der Kaltluftsee Hintergräppelen im Toggenburg ist mit seiner in einer Senke gesammelten kalten Luft das «zweite Sibirien der Schweiz». Aber eben kein See. Klar hilft der Gedanke an die 38 Grad minus, die dort gemessen wurden. Oder an die 186 Frosttage im jüngsten Winter. Doch wer echtes kühles Seewasser sucht, fährt an den Walensee, der erreicht derzeit nur 19 Grad.


In der Schlucht

Kühler Ausflug: Touristen in der Taminaschlucht bei Bad Ragaz. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

Kühler Ausflug: Touristen in der Taminaschlucht bei Bad Ragaz. (Bild: Alessandro Della Bella/Keystone)

In die Taminaschlucht hinter Bad Ragaz verirrt sich kaum je ein Sonnenstrahl. Kein Ort ist also geeigneter auf der Flucht vor der Hitze. Bis zu 200 Meter tief hat sich hier die Tamina in 15'000 Jahren in den Fels hineingefressen. So ist eine enge, etwa 750 Meter lange und 80 Meter tiefe Felsspalte entstanden, die es locker in die Top-Ten der eindrücklichsten und bekanntesten Schweizer Schluchten schafft. Wirklich bekannt ist die Taminaschlucht wegen ihrer 36,6 Grad warmen Thermalquelle, die heute die mondänen Bäder in Bad Ragaz speist. In der angenehm feuchtkalten Schlucht hat es dagegen nur geschätzte 17 Grad. Wer es ganz bequem mag, nimmt den Schluchtenbus oder die Rösslipost, um auf der Strasse von Bad Ragaz zum ältesten erhaltenen Barockbad der Schweiz, dem Alten Bad Pfäfers, zu gelangen. Hier lassen sich die beiden Museen und die Paracelsus-Gedenkstätte besichtigen. Hinter dem Bad führt hinter einem Drehkreuz ein Weg 450 Meter tief ins Felsinnere, am Ende zweigt ein Stollen ab zur Quellgrotte.


Im Zug

Im Ringzug rund um den Ringkanton? Gerade an Hitzetagen ist die Fahrt im vollklimatisierten Flirt der Südostbahn eine Reise wert. Von St.Gallen geht’s Richtung Appenzellerland, hinten vorbei am Bergbahnenstreitmassiv, entlang des Walensees vorbei an Churfirsten und Flumserbergen in die Ferienregion Heidiland und das Sarganserland durchs Rheintal an den Bodensee und zurück nach St.Gallen. Oder umgekehrt.


Im Kino

Wer seine Wohnung schlau kühlen kann, verlustiert sich in der Hitze im Home-Kino. Empfohlen ein grausam kalter Horrorfilm wie der Polarkreis-Vampirknüller «30 Days Of Night». Noch schöner fröstelt es einen aber im Kino, gemeinschaftlich im dunklen Saal mit hoffentlich funktionierender Klimaanlage, ein aktueller Favorit Jim Jarmuschs «The Dead Don’t Die», mit Stars wie Iggy Pop in lustigen Zombie-Rollen. Der Titel wäre ein trotziges Bekenntnis der oft tot gesagten Landkinos. Wäre – denn der Film ist in St.Gallen bereits abgelaufen und sonst nirgends in der Ostschweiz im Programm. Das ist der wahre Horror.


Im Eis

Eiswürfelmaschinen laufen heiss in diesen Tagen. Im roten Bereich bewegt sich auch der Pizolgletscher – er schmilzt und schmilzt. Wie gross seine Fläche tatsächlich noch ist, ist wegen des vielen Schutts auf dem Eis schwierig abzuschätzen. Daher: Hingehen, solange es ihn noch gibt.


Im Dorf

Das coolste Dorf ist rasch gefunden: Kaltbrunn – der Name ist Versprechen. Doch die Konkurrenz ennet des Ricken schläft nicht: Unterwasser braucht sich in Sachen Coolness nicht zu verstecken; wer sich von unter Wasser zum zweithöchstgelegenen Dorf im Toggenburg aufschwingt, ist gut im Rennen. Auch Hinterforst und Kalthäusern bewerben sich um einen Spitzenplatz. Tagessieger bleibt Kaltbrunn – dank Portal zum kühlen Rickentunnel vor der Haustür.




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