KRITIK: «Wie ein Ausbildungscamp für Manager»

Ulrich Thielemann, Ex-Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der HSG, prangert die fehlende Vielfalt der Meinungen am St.Gallen Symposium an. Auch die Universität St.Gallen selber greife die negativen Folgen von Macht und Markt zu wenig auf.

Thorsten Fischer
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Das seit Jahren an der HSG stattfindende St. Gallen Symposium sieht sich als Ort des Gedankenaustauschs. Die Ausrichtung ist zu einseitig, finden Kritiker. (Bild: Urs Bucher)

Das seit Jahren an der HSG stattfindende St. Gallen Symposium sieht sich als Ort des Gedankenaustauschs. Die Ausrichtung ist zu einseitig, finden Kritiker. (Bild: Urs Bucher)

Interview: Thorsten Fischer

thorsten.fischer@tagblatt.ch

Ulrich Thielemann, Sie kehren als Wirtschaftsethiker für ein Podiumsgespräch nach St.Gallen zurück. Den Ort, wo Sie im Jahr 2009 wegen Kritik am Schweizer Bankgeheimnis im Gegenwind standen. Welche Gefühle löst das in Ihnen aus?

Gemischte Gefühle, aber eigentlich waren meine Gefühle auch bereits in früheren Jahren eher gemischt. Ich war ja vor allem am Institut für Wirtschaftsethik bei und mit Professor Peter Ulrich tätig, der das IWE 1989 gegründet hatte und dann leitete. Mit der HSG hatte ich – abgesehen von einigen Lehraufträgen – eher wenig zu tun. Das IWE war aus meiner Sicht eher zufällig an der HSG angesiedelt. Das IWE stand stets in einer gewissen Spannung zur eher neoliberal geprägten HSG. Meinem Eindruck nach interessierte sich die Universitätsleitung aber auch nicht sonderlich für die Inhalte der Tätigkeit am IWE – jedenfalls solange man sich nicht öffentlich äusserte.

Nun sprechen Sie an einem Anlass, der sich kritisch mit dem jährlichen St.Gallen Symposium an derHSG auseinandersetzt. Welchen Eindruck haben Sie vom Symposium?

Mir scheint, da trifft sich eine selbst ernannte Elite, die vor allem daran arbeitet, die globalen Vermögensbestände weiter zu steigern, was man Erfolg nennt. Es ist schon atemberaubend und einfach anmassend, wie man sich, ohne je dazu gewählt zu sein, als «Leaders of Today» und «Leaders of Tomorrow» bezeichnen kann. Diese «Führer» treten dabei mit dem Anspruch auf, in einem exklusiven Zirkel «Lösungen für die Probleme dieser Welt» auszutüfteln. Das Symposium, so wie es sich heute darstellt, ist an der HSG angesiedelt, nicht weil diese im Wesentlichen eine Wirtschaftsfakultät ist. Das sind andere auch. Sondern wegen ihres elitären Anspruchs. Mir kam das immer vor wie ein Ausbildungscamp für angehende Manager. Nur will man das «Beste» sein. Abweichende Stimmen stören dann natürlich.

Ulrich Thielemann. (Bild: Hanspeter Schiess)

Ulrich Thielemann. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Studenten, die am St.Gallen Symposium teilnehmen, kommen aus vielen Ländern. Junge Menschen, die sich in Projekten mit der Zukunft auseinandersetzen und durchaus die Absicht haben, die Welt besser zu machen – und wohl kaum, sie zu verschlechtern.

Die entscheidende Frage ist doch, was genau unter einer «Verbesserung» zu verstehen ist.

Was gehört aus Ihrer Sicht zu einer besseren Welt?

Zunächst einmal wäre es eine Welt, in der die Polarisierung der Einkommen und Vermögen geringer ausfällt als heute. Dazu gehört auch, dass es weniger Abgehängte gäbe. In einer besseren, in einer gerechteren Welt würden die Lebensverhältnisse auch nicht dauernd weiter ökonomisiert. Es gäbe auch andere, gleichberechtigte Relevanzen als allein den Markterfolg, etwa solche der Sinnhaftigkeit und der Achtung anderer um ihrer selbst willen. Heute gilt jedoch überall das Mantra des Business-Case: Was dem eigenen finanziellen Erfolg dient – natürlich dem langfristigen, dem tatsächlichen – ist auch gut für alle anderen. Es erübrigt sich dann, grundlegende Konflikte zwischen Erfolgsstreben und Gerechtigkeit zu thematisieren.

Seit der Finanzkrise sind aber schärfere Regeln aufgestellt worden, und auch in der Lehre sieht man gewisse Abläufe kritischer. Malen Sie angesichts dieser Fortschritte nicht in zu düsteren Farben?

Ob der Neoliberalismus, der die ­Herrschaft des Marktprinzips etablieren will, durch die Finanzkrise entthront wurde, daran habe ich meine Zweifel. Einige Autoren meinen, er sei heute ­sogar stärker als je zuvor. Schliesslich dreht sich, um nur ein Beispiel zu nennen, in der Politik weiterhin alles um die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Allerdings hat sich das Gesicht des Neoliberalismus gewandelt. So sieht auch der Neoliberalismus in der nach wie vor steigenden Einkommens- und Vermögenspolarisierung ein Problem. Aber nicht, weil sie ungerecht ist, sondern nur soweit sie das Wachstum schwächt und die Gewinnaussichten verschlechtert.

Nochmals konkret zum St.Gallen Symposium: Wie müsste es denn aussehen, damit Sie persönlich gerne daran teilnähmen?

Das eitle Statusgehabe würde mich ohnehin eher abstossen. Und ich will ja den Veranstaltern auch gar nichts vorschreiben. Allerdings ist das Symposium eine eminent politische Veranstaltung, was bereits daraus ersichtlich wird, dass dort stets zahlreiche Minister – häufig übrigens aus Steueroasen – vertreten sind. Darum darf man schon fordern, dass auf dieser Veranstaltung mindestens ein Moment echter Vielfalt Einzug hält. So war es ja auch in den Anfängen in den 1970er-Jahren. Nun aber sitzt da eine Art verschworene Gemeinschaft. Allen ist klar, wohin die gesellschaftliche Reise gehen soll. Die Macht der Vermö­genden und ihrer Zudiener soll nämlich auf keinen Fall beschränkt werden. Dieses Jahr etwa feiert man das «Disruptive», also das Zerrüttende, des globalisierten Kapitalismus. Das Motto lautet: Zerrütte oder Du wirst selbst zerrüttet.

Ist das Motto der Zerrüttung aber nicht viel umfassender und nicht nur negativ gemeint? Manches im Leben kann das Individuum nur begrenzt mitbestimmen. Wenn das Symposium nun nach Wegen sucht, mit dem Wandel umzugehen, ist das doch positiv?

Der Begriff ist an sich belegt. Er meint die Zerstörung bestehender Einkommensposition. Etwa die von Taxifahrern durch Uber. Angesprochen ist damit schlicht der Wettbewerb, der bekanntlich Gewinner und Verlierer schafft. Und damit an sich auch den Wohlstand steigert. Nämlich dadurch, dass die Taxifahrer – vorausgesetzt, Uber schafft es, das jeweilige Personenbeförderungsrecht sowie das Arbeitsrecht zu umschiffen – sich eine neue Stelle suchen müssen. Ob und wo genau die Zerstörung der bisherigen Lebenssituation anderer gut oder schlecht ist, ist eine politische Frage. Sie prinzipiell zu bejahen ist blanker Ökonomismus. Das Symposium fordert die eingeladenen «Leaders of Tomorrow» ausdrücklich auf, «disruptive Ideen» auszuarbeiten. Dies dürfte die Investoren freuen. Dass es dadurch mehr Abgehängte geben wird, interessiert nicht.

Sehen Sie die HSG in einer besonderen Verantwortung?

Ich finde schon. Denn zur Wissenschaftlichkeit gehört Pluralität.

Auch wenn es in der Wirtschaft hin und wieder Exzesse gibt – in den letzten Jahren haben sich Politik und Wirtschaft mit vielen brennenden Fragen auseinandergesetzt und Anpassungen vorgenommen. Wäre es damit nicht an der Zeit, wieder stärker nach vorne zu schauen?

Der Neoliberalismus wird weniger offensiv, weniger plump vertreten als vor der Krise. Aber er ist im Kern noch genauso da. Auf der Ebene der Unternehmen zeigt sich dies daran, dass unverantwortliches Geschäftsgebaren nur als eine Frage von Geschäftsrisiken verstanden wird. Solange sich das nicht ändert, wird sich die Reputation von Firmen nicht dauerhaft verbessern. Nach vorne zu schauen bedeutet aus meiner Sicht, dass man sich vom Ökonomismus verabschiedet. Das heisst: Es ist eben nicht legitim, alles daran zu setzen, dass die Gewinne so hoch wie möglich sind. Das Leben, auch das Wirtschaftsleben, soll sich nicht nur um Rentabilität und Markterfolg drehen.

Umfassende Sicht auf die Marktwirtschaft

Der 1961 geborene Ulrich Thielemann leitet die Berliner Denkfabrik für Wirtschaftsethik MeM. Zuvor war der deutsche Wirtschaftsethiker mehrere Jahre in der Ostschweiz tätig. Staub aufgewirbelt hatte Thielemann im Frühling 2009: Vor dem Finanzausschuss des Deutschen Bundestags hielt er fest, in der Schweiz respektive bei deren Exponenten gebe es ein fehlendes Unrechtsbewusststein im Zusammenhang mit Bankgeheimnis und Steuerfragen. Zu jener Zeit war Thielemann Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der HSG in St.Gallen, das er 2010 verliess. Mit der Denkfabrik will Thielemann Perspektiven für eine menschliche Marktwirtschaft eröffnen. Morgen Freitagabend spricht er im Palace in St.Gallen über das St.Gallen Symposium, Wirtschaft und Märkte. (T.F.)