LIECHTENSTEIN: Poker um Casinos

Die österreichischen Konzerne Novomatic und Casinos Austria wollen noch in diesem Jahr Geldspielbanken in Ruggell und Schaanwald eröffnen, und ein drittes Projekt bleibt in Planung. Die Ostschweizer Casinos müssen mit Einbussen rechnen.

Marcel Elsener
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Spieltisch im Casino St. Gallen: Mit 11 Tischen und 190 Spielautomaten ist es rund doppelt so gross wie das Liechtensteiner Casinoprojekt in Ruggell. (Bild: Urs Jaudas)

Spieltisch im Casino St. Gallen: Mit 11 Tischen und 190 Spielautomaten ist es rund doppelt so gross wie das Liechtensteiner Casinoprojekt in Ruggell. (Bild: Urs Jaudas)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Seit Jahren ist von Casino-Projekten in Liechtenstein die Rede, nun scheinen für zwei die Würfel gefallen zu sein. Ende Januar hat die Casino Admiral AG, die mehrheitlich der österreichischen Novomatic-Gruppe gehört, ihre Pläne für eine Spielbank im Kokon Corporate Campus in Ruggell veröffentlicht. In gemieteten Geschäftsräumen soll im autobahnnahen Industriegebiet ein Betrieb mit fünf Live-Spieltischen, elektronischem Roulette und 100 Spielautomaten eingerichtet werden; dabei werden laut Firmenangaben 50 Arbeitsplätze entstehen.

Noch keine Details sind vom zweiten Projekt bekannt, doch Betreiber und Lokal stehen ebenfalls fest: Im Geschäftshaus Pirandello in Schaanwald, nah an der Grenze zu Österreich, wollen die Casinos Austria ein Casino eröffnen. Laut der Eigentümerin der Liegenschaft, der ITW Ingenieurunternehmung AG, läuft derzeit das Umbaugesuchsverfahren.

Das dritte Liechtensteiner Casinovorhaben ist das älteste und heute trotzdem das fraglichste: jenes von Wolfgang Egger. Der einheimische Unternehmer hatte im Verbund mit der Schweizer Spielbank Baden AG 2012 die Konzession für ein Casino mit Hotel auf dem Areal des «Vaduzerhofs» erhalten. Doch die unterlegene Bewerberin Casino Admiral focht die Konzessionsvergabe an und erhielt am Ende vor dem Staatsgerichtshof sowie vor dem Efta-Gerichtshof in Luxemburg Recht. Statt wie verlangt die Vergabe zu wiederholen, fand die Liechtensteiner Regierung daraufhin einen anderen Ausweg aus dem Hickhack: Sie änderte die gesetzlichen Grundlagen, um nach dem Motto «Der Markt soll spielen» mehrere Konzessionen zu ermöglichen. Nun kann jeder eine polizeiliche Bewilligung beantragen, der die Auflagen erfüllt. Wolfgang Egger will trotz der Konkurrenz durch zwei weltweit tätige Casino-Konzerne an seinem Projekt in Vaduz festhalten. Doch hält er sich mittlerweile zurück, wie er im «Liechtensteiner Vaterland» sagt: Er sei «noch in Verhandlungen und möchte die weiteren Entwicklungen abwarten».

Anzahl und Frist für Bewilligungen unbegrenzt

Die Casinos in Ruggell und Schaanwald wollen noch im laufenden Jahr ihren Betrieb aufnehmen. Im ebenso kleinen wie umkämpften Markt könnte jenes Projekt im Vorteil sein, das am schnellsten realisiert werden kann. Dafür braucht es nebst baulichen Einrichtungen und Personal jedoch vor allem eine Spielbankenbewilligung. Laut dem am 1. Oktober 2016 in Kraft getretenen Spielbankengesetz ist die Zahl der Bewilligungen nicht mehr beschränkt. Das zuständige Amt für Volkswirtschaft lässt sich nicht in die Karten blicken. Man gebe keine Auskunft zum laufenden Verfahren, sagt Thomas Gstöhl, im Amt zuständig für den Bereich Geldspiel, und «somit auch nicht zu Fragen, ob und wie viele Gesuche eingegangen sind». Im Gegensatz zum Konzessionsverfahren 2011 besteht keine Abgabefrist mehr: Gesuche können auch noch in Monaten oder Jahren eingegeben werden. Die Dauer des Verfahrens hänge auch von der Vollständigkeit und der Qualität des Gesuches ab. Über Orte und Lokale mag sich der Leiter Standortförderung nicht äussern: «Der Standort ist Sache des Gesuchstellers.» Ebenfalls sehr zurückhaltend gibt sich das Amt punkto erwartete Steuereinnahmen. Im ersten Jahr eines Casinobetriebs hat die Regierung symbolisch eine Million Franken budgetiert. In ihrem Bericht bezifferte sie das Marktpotenzial des Bruttospielertrags (Einsätze minus ausbezahlte Gewinne)auf ­19 bis 21 Millionen Franken. Zum Vergleich: Das grenznahe Casino Bad Ragaz erzielt mit sieben Spieltischen und 160 Automaten einen Ertrag von gegen 25 Millionen. Unter Verweis auf den hohen Konkurrenzdruck im In- und Ausland sowie auf die veränderten Rahmenbedingungen in der Schweiz (vor allem für bedrohte Casinos wie Davos und St. Moritz) hat Liechtenstein die Steuersätze auf 17,5 bis 40 Prozent beschränkt – moderate Abgaben im Vergleich zu Österreich (30 Prozent, plus Mehrwertsteuer) und zur Schweiz (theoretisch 40 bis 80 Prozent, in der Praxis um 50 Prozent). Gstöhl verwahrt sich gegen den oft gehörten Vorwurf, Liechtenstein unterbiete steuerlich die Nachbarländer. «Wir sind nur minim günstiger als die Schweiz», vor allem wenn man die Spezialkonditionen für die Bergcasinos betrachte.

Bad Ragaz beteiligt sich, St. Gallen wartet ab

Branchenkenner zweifeln an der Rentabilität von zwei und mehr Casinos im Fürstentum. Es werde eng in einem ohnehin kleinen Markt, so der Tenor. Angesichts der seit Jahren rückläufigen Umsätze in Schweizer Spielbanken wird ein harter Verdrängungskampf befürchtet. Man habe seit dem Projekt mit Egger den Markt sondiert und vorläufig Abstand genommen, heisst es bei der Casino-Baden-Gruppe. Bei den Branchenriesen Novomatic und Casinos Austria geht es wohl auch darum, ihre vom Liechtensteiner Markteintritt am meisten betroffenen Casinos in Bad Ragaz und Bregenz zu schützen. Im Fall von Bad Ragaz wird das offen kommuniziert: Die Grand Resort Bad Ragaz AG beteiligt sich zu einem Drittel an der Casino Admiral AG, die andern zwei Drittel gehören der Ace Casino Holding AG, der Schweizer Tochter der Novomatic (die wiederum zu einem Drittel an Bad Ragaz beteiligt ist). Damit sollen Rückgänge des hauseigenen Casinos «zumindest teilweise kompensiert werden», wie Patrick Vogler, kaufmännischer Direktor des Casinos Bad Ragaz, sagt. «Wir schauen den Casinos in Liechtenstein gespannt entgegen», sagt der St. Galler Casinodirektor Massimo Schawalder. «Die gesetzlichen Grundlagen sind zwar ähnlich wie in der Schweiz, doch aufgrund der tieferen Steuern kann erwartet werden, dass die Marketinganstrengungen aggressiver sein werden.» Schawalder bleibt gelassen: Das Einzugsgebiet St. Gallens höre erfahrungsgemäss bei Altstätten auf, die Spieler rheintalaufwärts gingen eher nach Bregenz und Bad Ragaz. «Deshalb erwarten wir, dass diese Casinos stärker von der neuen Konkurrenz betroffen sein werden.»

Zum «Fürstentum Las Vegas» dürfte es im 37000-Einwohner-Land nicht kommen. Zumal jener Titel einem andern vergleichbaren Kleinstaat zusteht: Monaco nämlich, das über fünf Casinos verfügt, darunter das weltbekannte im Stadtteil Monte Carlo. Wenig Interesse an der Casino-Frage bekunden im Übrigen die Liechtensteiner selber. Gemäss Umfragen lehnt die Mehrheit jegliche Spielbanken ab oder steht diesen skeptisch bis gleichgültig gegenüber.