Jagd auf schreibende Geister

Die Universität St. Gallen will verhindern, dass Studenten Arbeiten einreichen, die von Ghostwritern verfasst wurden. Sie hat bei der Staatsanwaltschaft Anzeige gegen einen kommerziellen Ghostwriting-Anbieter erstattet.

Adrian Vögele
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Studenten bei der Arbeit in der Bibliothek der Universität St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Studenten bei der Arbeit in der Bibliothek der Universität St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

ST. GALLEN. An den Universitäten geistert es schon länger herum: das Ghostwriter-Problem. Gemeint ist damit, dass Studenten andere Personen mit dem Verfassen einer wissenschaftlichen Arbeit beauftragen – in der Regel gegen Bezahlung – und diese Arbeit anschliessend unter ihrem eigenen Namen einreichen.

Die HSG hat dagegen verschiedene interne Massnahmen ergriffen. Dazu gehört die Eigenständigkeitserklärung: «Beim Einreichen von Arbeiten müssen die Studierenden eine Erklärung abgeben, dass die Arbeit selbstständig und ohne fremde Hilfe verfasst wurde», teilt die Universität auf Anfrage mit. «Die Bestätigung durch die Eigenständigkeitserklärung könnte im Fall des Ghostwritings den Straftatbestand der Urkundenfälschung erfüllen, welches als Offizialdelikt von Amtes wegen zu ahnden wäre.»

Die HSG sieht das Problem nicht nur auf Seite der Studenten, sondern auch bei den Anbietern von Ghostwriting, die zahlreich im Internet zu finden sind. Laut der SRF-Sendung «Rundschau» von gestern hat die HSG eine Strafanzeige in dieser Sache eingereicht. «Da wir der Ansicht sind, dass bereits mit dem Anbieten solcher Arbeiten die Möglichkeit besteht, dass verschiedene Offizialdelikte begangen worden sind, haben wir gegen einen kommerziellen Anbieter von Ghostwriting-Arbeiten bei der Staatsanwaltschaft St. Gallen Strafanzeige erstattet», schreibt die HSG dazu.

Rechtslage nicht geklärt

Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass eine Strafanzeige der HSG gegen einen kommerziellen Anbieter von Ghostwriting und gegen unbekannt eingegangen ist. «Der in Frage kommende Tatbestand lautet: Erschleichung einer falschen Beurkundung», sagt Mediensprecher Roman Dobler. Die Ermittlungen der Polizei seien in Gang, die Staatsanwaltschaft habe noch keine Untersuchung eröffnet. Es liege keine konkrete schriftliche Arbeit vor, die unter dem Verdacht stehe, nicht vom Studenten verfasst worden zu sein, der sie eingereicht habe. Erschwerend kommt laut Dobler hinzu, dass zu Ghostwriting an Schweizer Universitäten noch kein Gerichtsurteil vorliegt und die Rechtslage – auch was die Anbieter von Ghostwriting betrifft – somit nicht eindeutig geklärt ist.

Auch die Universität St. Gallen betont, dass es bei der Anzeige nicht um einen konkreten Fall einer verdächtigen Arbeit gehe: «Es wurden in den vergangenen Jahren an der Universität St. Gallen keine Disziplinarverfahren wegen Ghostwritings eröffnet oder durchgeführt, da uns keine Fälle von eingereichten Ghostwriting-Arbeiten bekannt sind.»

Dennoch ist Ghostwriting an der Universität ein Thema, wie beispielsweise ein Bericht des HSG-Studentenmagazins «Prisma» vom vergangenen Mai zeigt. Zwei Studenten werden anonym zitiert – sie geben an, auf Ghostwriter zurückgegriffen zu haben. Der eine liess seine Masterarbeit wegen familiärer Probleme extern verfassen. Der andere fand laut eigenen Angaben keine Zeit für seine Bachelorarbeit, da er einem Job nachging, um sein Studium zu finanzieren und zudem ehrenamtlich tätig war.

«Aufträge aus St. Gallen»

Einer der grössten Anbieter von Ghostwriting im deutschsprachigen Raum ist die Agentur Acad Write mit Sitz in Zürich. Sie beschäftigt mehrere hundert Ghostwriter. Laut CEO Thomas Nemet stammen 15 Prozent seiner Kundschaft aus der Schweiz. Einige der Auftraggeber studieren in St. Gallen. «Ich kann bestätigen, dass Acad Write pro Jahr zehn bis zwanzig akademische Arbeiten für HSG-Studenten schreibt», sagte Nemet gegenüber «Prisma».

«Schwerwiegendes Vergehen»

Acad Write schreibt auf ihrer Webseite: «Unsere wissenschaftlichen Arbeiten als eigene Prüfungsarbeiten einzureichen, widerspräche den diesbezüglichen Vorschriften der Hochschulen.» Auf der Startseite finden sich direkte Links wie «Doktorarbeit schreiben lassen» oder «Masterarbeit schreiben lassen».

Ob die Anzeige der Universität St. Gallen etwas mit Acad Write zu tun hat, ist derzeit unklar. Thomas Nemet nahm gestern auf Anfrage keine Stellung dazu.

Gemäss HSG werden die Studenten darauf hingewiesen, dass es sich bei Ghostwriting «um ein schwerwiegendes Vergehen gegen die Ordnung der Universität sowie die akademische Integrität handelt, die sowohl disziplinarische als auch strafrechtliche Folgen nach sich ziehen kann.» Bei Verdacht können Studenten aufgefordert werden, Bachelor- oder Masterarbeiten mündlich zu verteidigen. Bei Doktorarbeiten ist die mündliche Prüfung ohnehin Pflicht. Erwischt die Uni einen Studenten, der eine Arbeit eines Ghostwriters eingereicht hat, kann sie Sanktionen verhängen, die bis zu einem dreijährigen Ausschluss von der Universität reichen. Falls der fehlbaren Person der akademische Grad bereits verliehen wurde, kann der Senatsausschuss diesen wieder entziehen.