VORMARSCH: Das Rheintal ist Biberland

Im Jahr 2000 ist der erste Biber wieder im Kanton St. Gallen aufgetaucht. Inzwischen hat er alle grossen Gewässersysteme besiedelt. Entlang von Thur, Rhein und Linth leben bis zu 150 Tiere.

Christoph Zweili
Drucken
Teilen
Ein erwachsener Biber schwimmt im Werdenberger Binnenkanal. (Bild: Peter Eggenberger)

Ein erwachsener Biber schwimmt im Werdenberger Binnenkanal. (Bild: Peter Eggenberger)

Christoph Zweili

christoph.zweili@tagblatt.ch

Am Eselsschwanz zwischen St.Margrethen und Rheineck ist die Welt ein kleines Paradies: Ein zutraulicher Zaunkönig drückt winzige Spuren in den schneebedeckten Boden. Ein Graureiher ruft sein raues «Kräick». Ein Gänsesäger-Männchen schwirrt vorbei. Scharfer Uringeruch sticht in die Nase – ein Fuchs hat in der Paarungszeit sein Revier markiert. Eiskalt pfeift die Bise durch die Weiden, die hier kreuz und quer liegen bleiben dürfen. Zugefrorene Vertiefungen erinnern an in den Sechzigerjahren entnommenen Kies für den Bau der nahen A1 zwischen St. Margrethen und St. Gallen. Längst hat sich hier die Natur zurückgeholt, was ihr gehört. Die alte Rheinschleife im Naturschutzgebiet ist ein optimaler Lebensraum für das grösste europäische Nagetier, das anfangs des 19. Jahrhunderts durch intensive Bejagung in der Schweiz ausgerottet worden war. Seit rund 60 Jahren erobert der Biber nun seine alte Heimat zurück, auch die Ostschweiz. 1968 waren im Kanton Thurgau die ersten Tiere am Nussbau­mersee neu angesiedelt worden. Erst im Jahr 2000 tauchte der erste Nager auf natürlichem Weg im Kanton St.Gallen auf: «Anders als andere Kantone wollen wir so wenig wie möglich in die Natur eingreifen», sagt Wildhüter Mirko Calderara dazu. Noch einmal sechs Jahre später wurde das erste Tier hier am Eselsschwanz gesichtet. Der Name ist nicht vom Wort «Esel» abgeleitet, sondern von der Benennung «in der Islen», einer inselähnlich ins Wasser vorspringenden Landzunge.

In der noch immer urig anmutenden Landschaft am alten Rheinlauf, am Wochenende Erholungsgebiet für Hunderte Spaziergänger, Jogger und Velofahrer, hatte es anfangs noch Konflikte zwischen Biber und Mensch gegeben – inzwischen haben sich beide aber gewöhnt. Seither wächst die Population im Kanton kontinuierlich – und mit der kürzlichen Sichtung eines Biberpaars im Linthgebiet steht fest: Der Biber hat über die Thur alle grossen Gewässersysteme im Kanton erobert – auf natürlichem Weg. Bei der letzten Zählung im Winter 2010/11 waren 81 Tiere gezählt worden, die in 26 Revieren leben. Calderara, zuständig für ein 30000 Hektar grosses Gebiet zwischen dem Fürstenland und Diepoldsau, schätzt, dass inzwischen bis zu 150 Tiere im Kanton leben.

In der Ostschweiz gehen Fachleute inzwischen davon aus, dass die Population gesichert ist, ähnlich wie im angrenzenden Ausland – auch wenn die alte Bestandesgrösse damit noch nicht erreicht ist: In Baden-Württemberg wurden 2500 und in Bayern gar 15000 Tiere gezählt (2013, Tendenz steigend), in Liechtenstein und in Vorarlberg je 20, Tendenz stagnierend (2014).

Die ersten Biber im Bündnerland

Rasch haben sich die Säugetiere im Alpenrheintal ausgebreitet, das ausgeprägte Kanalsystem für die Zuflüsse zum Rhein und die meliorierte Rheinebene erleichterten das Vorwärtskommen: 2008 wurde der Biber in Oberriet und Buchs gesehen, 2016 wurden bereits erste Tiere oberhalb dem bündnerischen Reichenau gesichtet. «Dieses Verbreitungstempo trägt uns immer wieder mal den Vorwurf ein, die Tiere würden doch ausgesetzt», sagt Calderara. «Wir lassen aber der Natur freien Lauf. Mit dem Hochwasserprojekt Rhesi wird sich der Biber wohl noch viel mehr im Rheintal verbreiten», prognostiziert der Wildhüter. Das werde unweigerlich zu mehr Interessenskonflikten mit dem Menschen führen, der das Kulturland in der Rheinebene landwirtschaftlich nutzen will.

Eine vor allem am Bauch ausgeprägte Fettschicht, 22000 Haare pro Quadratzentimeter Haut, ein wasserabweisendes Sekret aus einer speziellen Drüse, das das Fell imprägniert – Calderara spricht beim Biber von einer Art «Nanobeschichtung», an der das Wasser abperlt und die vor Kälte schützt. Hier im Auenwald schlafen die dämmerungs- und nachtaktiven Pelztiere noch: Zumindest ist so früh am Morgen keiner der Nager zu sehen. Dabei gibt es hier Nahrung in Hülle und Fülle, überall im Weichholz sind die typischen Frassspuren auszumachen.

Im Sommer Gras, im Winter Baumstücke

Sein Instinkt lässt den Biber ab September Bäume fällen. Mit meterlangen Weidenstücken legt er einen Wintervorrat an, den er schwimmend von seinem Bau aus erreichen kann. Den Rest des Jahres frisst der Vegetarier Gras, Kräuter oder Schilfspitzen. An der Böschung des Alten Rheins sind zwei Löcher zu sehen, Eingänge zur Biberwohnung – einer direkt am Wasser und einer höher gelegen in fünf Metern Entfernung. Eine reine Vorsichtsmassnahme: Steigt der Flussspiegel, steht die Wohnung des Bibers rasch unter Wasser: Vor allem Jungtiere sind dem ungeschützt ausgesetzt, sie ertrinken – daher der Notausgang zum Bau. Grosse Pegelschwankungen sind im Rheintal allerdings dank des ausgeklügelten Reguliersystems selten – wohl mit ein Grund, warum sich das Tier hier so rasch verbreitet hat. «Das bestehende Kulturland hat der Biber bereits besiedelt. Breitet er sich weiter aus, wird das Probleme geben.»

Biberspezialist Calderara spricht von einem schmalen Grat zwischen Akzeptanz und Ablehnung. Ein Beispiel ist der Moosanger auf Diepoldsauer Boden, ein neun Hektar grosses Flachmoor von nationaler Bedeutung. In dieser renaturierten Umgebung fühlt sich der Biber besonders wohl: Am See mit den drei kleinen Inseln, wo bis 1967 Lehm abgebaut worden war, lebt eine fünfköpfige Biberfamilie. Für den meterhohen Dammbau hat sie Weiden gefällt; Landwirte befürchteten, dass einzelne Bäume den Hochwasserentlastungskanal verstopfen könnten, Abfluss des sensiblen Meliorationssystems in der Rheinebene. «Das ist heikel», sagt Calderara. Im topfebenen Gelände liegt das Gefälle beim Grundwasserspiegel im Promillebereich – ein verstopfter Abfluss kann daher einen Rückstau von 2,3 Kilometern zur Folge haben und die Keller in den Wohnhäusern unter Wasser setzen. Die professionelle kantonale Wildhut könne bei Klagen aber rasch reagieren, «ein Vorteil, den andere Kantone nicht haben». Im Moosanger war die Lösung rasch gefunden: Der Damm wurde in Absprache mit den Umweltorganisationen WWF und Pro Natura entfernt. Der Biber hat’s geschluckt: «Oft braucht das aber mehrere Anläufe.» Der Biberverbiss ist nicht überall gern gesehen: Daher werden wertvolle Bäume, etwa Birken in einer Allee, mit einem Drahtgitter geschützt.

Zuerst ein Partner, dann ein Revier

Auch Wildhüter Silvan Eugster hat Erfahrung mit dem Nager. Drei bis vier Familien, rund 25 Tiere, sind in seinem Kreis 2 heimisch, der sich von Wartau im Süden bis Rebstein im Norden erstreckt. Seien diese Familienreviere stabil, sei das ein Zeichen, dass es genügend Nahrung gebe: «Junge Biber suchen zuerst einen Partner, dann ein gutes Revier, egal, wo das liegt.» Gegenüber Artgenossen werden diese Territorien, die am Fliessgewässer mehrere Kilometer lang sein können, energisch mit Drohgebärden und Bissen verteidigt. Das Gebiet am Rheintaler Binnenkanal ist kein gutes, «es ist zu wenig Winterfutter da, um eine Familie zu ernähren». Die Frassspuren an den wenigen Weidenbäumen stammen vom Herbst, vermutlich von einem einzelnen Tier. Die frische Spur, die vom Kanal aus durch den Schnee führt, ist aber ein klarer Hinweis: Der Nager ist noch da.

Sind die Lieblingsreviere in den renaturierten Ecken voll, besiedeln die Biber auch andere Gebiete. Im Schluch, dem aufgeweiteten Gebiet am Werdenberger Binnenkanal, haben sie Bäume angeknabbert. Weil diese auf die Fahrleitungen der eingleisigen Bahnlinie Buchs–St. Margrethen zu fallen drohten, schritt das Rheinunternehmen als Grundeigentümerin ein: Die Bäume wurden kontrolliert gefällt und liegen gelassen – als Gratisgabe für die Biber in der Region.