9 von 10 Fahrten fallen aus: Das Ostschweizer Taxigewerbe steckt tief in der Coronakrise

Die Taxibranche ist von den Massnahmen des Bundesrats im Kampf gegen das Coronavirus besonders betroffen. Die Fahrgastzahlen sind bis zu 90 Prozent rückläufig, zahlreiche Taxibetriebe haben Kurzarbeit angemeldet – einzelne haben den Betrieb sogar ganz eingestellt.

Luca Ghiselli
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Zahlreiche Taxis in der Ostschweiz stehen derzeit wegen der Coronakrise still. So auch am St.Galler Hauptbahnhof.

Zahlreiche Taxis in der Ostschweiz stehen derzeit wegen der Coronakrise still. So auch am St.Galler Hauptbahnhof. 

Bild: Nik Roth, 24. März 2020

Die Seniorin fährt vormittags nicht mehr mit dem Taxi zum Coiffeur. Der Coiffeur hat geschlossen, die Seniorin bleibt zu Hause. Der Student lässt sich nach einer durchzechten Nacht frühmorgens nicht mehr mit dem Taxi nach Hause fahren. Die Bars sind geschlossen, und auch der Student bleibt zu Hause. So will es der Bundesrat, so wird es seit dem 17. März durchgesetzt.

Wenn während der Corona-Krise in der Ostschweiz alle zu Hause bleiben, die nur irgendwie können, bricht jenen der Umsatz weg, die damit ihr Geld verdienen, Personen von A nach B zu bringen – den Taxiunternehmen.

Herold Taxi reduziert die Flotte drastisch

Zu den grössten Taxiunternehmen in der Ostschweiz gehört die Herold Taxi AG. Das Stadtsanktgaller Familienunternehmen besteht seit 1916, begann damals mit einem Pic Pic und drei Mitarbeitern. Heute fahren über 50 Herold-Taxis in Stadt und Umgebung, dazu kommen über 30 Busse zur Beförderung von täglich über 200 Schülerinnen und Schülern. Oder besser: fuhren. Denn seit das öffentliche Leben durch die Corona-Krise beinah zum erliegen gekommen ist, sind nicht nur die Schultransporte ausgefallen, wie Geschäftsführer Samuel Holenstein auf Anfrage sagt.

Samuel Holenstein, Geschäftsführer von Taxi Herold.

Samuel Holenstein, Geschäftsführer von Taxi Herold.

Bild: Ralph Ribi

«Es ist momentan gemäss unseren Zahlen von einem Rückgang um die 90 Prozent auszugehen.» Der Rückgang werde aufgrund der Absage diverser Grossanlässe wie der Offa und der Rhema in den kommenden Wochen noch erheblicher ausfallen. Herold Taxi hat auf diesen Rückgang umgehend reagiert, sagt Holenstein. So habe man Desinfektionsmittel verteilt, das Wagenwaschteam vergrössert und die Taxiflotte drastisch reduziert:

«Wegen der Krise haben wir 18 Taxis und beinahe alle Kleinbusse ausgelöst.»

An einem normalen Tag – Holenstein nennt Montag, 2. März, als Beispiel – fuhren über den ganzen Tag verteilt 53 Personen für Herold Taxi. «Am vergangen Montag waren noch 24 Chauffeure im Einsatz, alle mit einer kürzeren Arbeitszeit als normal.»

Warten auf Kundschaft: Drei Herold-Taxis am St.Galler Marktplatz.

Warten auf Kundschaft: Drei Herold-Taxis am St.Galler Marktplatz.

Bild: Nik Roth, 24. März 2020

Das Unternehmen habe Kurzarbeit beantragt, sagt Samuel Holenstein. Zwar sei die Firma diesbezüglich ein Ausnahmefall, weil die Angestellten nicht auf Stundenbasis, sondern auf Provision angestellt sind. «Doch dank der momentanen Kulanz des Bundes und des Kantons sollte dies kein Problem darstellen.» Herold Taxi habe in seiner über 100-jährigen Geschichte zahlreiche Hochs und Tiefs erlebt, sagt Holenstein. Er gibt sich kämpferisch: 

«Wir sind uns Krisenmanagement gewohnt und werden auch diese Krise überleben.»
Allein auf weiter Flur: Wegen des Coronavirus haben einzelne Taxiunternehmen den Betrieb eingestellt, andere haben ihn drastisch reduziert.

Allein auf weiter Flur: Wegen des Coronavirus haben einzelne Taxiunternehmen den Betrieb eingestellt, andere haben ihn drastisch reduziert.

Bild: Nik Roth, 24. März 2020

Kurzarbeit bei Ilg-Taxi in Frauenfeld

Auch die Frauenfelder Ilg-Taxi GmbH hat seit dem Ausbruch der Coronakrise mit drastischen Umsatzeinbussen zu kämpfen. Laut Geschäftsführerin Karin van Anraad betrage der Rückgang aktuell rund 70 Prozent. Und weiter:

«Aus Kostengründen haben wir bereits die Hälfte unserer Schilder beim Strassenverkehrsamt deponiert.»

Ilg-Taxi hat bereits vor Wochenfrist Kurzarbeit beantragt. Das Gesuch wurde inzwischen schon bewilligt. «Unsere Mitarbeiter haben Fixlöhne, die meisten arbeiten zudem in fixen Pensen. So sind unsere Mitarbeiter und deren Arbeitsplätze bestmöglich abgesichert.» In jedem Taxi sei zudem Desinfektionsmittel vorhanden, die Fahrgäste müssen neu immer hinten einsteigen. Van Anraad sagt: «In dieser Ausnahmesituation müssen wir alle sehr verantwortungsbewusst und flexibel reagieren, damit wir diese Zeit gemeinsam gut überstehen können.»

Taxi-Frosch-Chauffeure tragen Masken

Auch beim St.Galler Taxi Frosch ist der Fahrgastrückgang einschneidend. «Er beträgt rund 90 Prozent», sagt Inhaber Mostafa Nahvi. In der Stadt selbst fänden so gut wie keine Fahrten mehr statt. Es werden nur noch Bestellungen von Spitälern und bestehenden Kunden aufgrund laufender Verträge ausgeführt. Auch Taxi Frosch habe vergangene Woche Kurzarbeit angemeldet, aber noch keine Bestätigung erhalten, sagt Nahvi.

Bei den Hygienemassnahmen geht Taxi Frosch weiter als andere Taxibetriebe: «Seit drei Wochen weisen wir die Fahrer an, bei der Arbeit Masken zu tragen. Diese werden ihnen vom Unternehmen zur Verfügung gestellt». In allen Autos befinde sich zwei verschiedene Desinfektionsmittel – für die Türklinken und die Hände. Zudem werden die Fahrgäste werden gebeten, hinten einzusteigen und bargeldlos zu bezahlen.

Ähnlich klingt es auch bei Taxi Edelweiss, einem kleinen Taxiunternehmen mit Sitz in Münchwilen. Geschäftsführer und Inhaber Ulrich Rohner sagt: «Wir haben Umsatzeinbussen von rund 80 Prozent.» Vom Bahnhof Wil komme nichts mehr. Nur noch die Fahrten fürs Blutspendezentrum sowie die Spitäler Wil und Wattwil würden die fünf angestellten Chauffeure noch durchführen. Man habe Kurzarbeit beantragt, der Bescheid sei noch ausstehend. Auch Taxi Edelweiss greift auf Desinfektionsmittel sowie bargeldloses Bezahlen als Schutz gegen das Coronavirus zurück.

Ziba schliesst bis Ende März ganz

Es gibt aber auch Taxiunternehmen, die den Betrieb vorübergehend ganz eingestellt haben. Dazu zählt Ziba Taxi aus St.Gallen. Auf Facebook hat das Unternehmen bekanntgegeben, bis Ende März keine Fahrten mehr durchzuführen:

Dies, obwohl Taxiunternehmen eigentlich gemäss Taxireglement der Gemeinden und Städte weiterhin Personen befördern müssen. Im St.Galler Taxireglement heisst es dazu: «Für die Erteilung einer Betriebsbewilligung A muss der Bewerber oder die Bewerberin zusätzlich allein oder gemeinsam mit anderen Bewilligungsinhabern Gewähr für einen 24-stündigen Bestell- und Transportdienst während des ganzen Jahres bieten.» 

Stadtpolizei zeigt sich kulant

Dionys Widmer, Sprecher der St.Galler Stadtpolizei.

Dionys Widmer, Sprecher der St.Galler Stadtpolizei.

Bild: PD

Dionys Widmer, Sprecher der St.Galler Stadtpolizei, sagt auf Anfrage: «Aufgrund der aktuellen Situation haben wir den Vollzug in dieser Sache bis auf weiteres ausser Kraft gesetzt. Das heisst: Taxiunternehmen können den Betrieb einstellen, ohne mit einem Bewilligungsentzug oder eine Strafe rechnen zu müssen.» Aber: Verwirken Taxiunternehmen ihren Anspruch auf Kurzarbeit, wenn sie von sich aus schliessen?

Karin Jung, Leiterin des St.Galler Amts für Wirtschaft und Arbeit, klärt auf: «Wenn Taxibetriebe Umsatzeinbussen zu verzeichnen haben und deshalb schliessen, können sie für die ausgefallenen Stunden Kurzarbeit anmelden. Wenn sie aber nur schliessen, weil es ihnen zu gefährlich ist oder sie einfach keine Lust haben, berechtigt das nicht zur Kurzarbeit.»

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