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80-Jähriger wurde mit 64 Jahren selbstständig - und denkt nicht ans Aufhören

Statt in den Ruhestand zu gehen, wurde Arthur Philipp selbstständig: Er kaufte aus der Heerbrugger Leica Geosystems AG eine Sparte heraus. Nun ist er 80 – und denkt nicht ans Aufhören.
Ursula Wegstein
Arthur Philipp vor seinem ganzen Stolz: dem neuen Reinraum für die Fertigung von Präzisionsteilen. (Bild: Thomas Hary (Heerbrugg, 20. November 2018))

Arthur Philipp vor seinem ganzen Stolz: dem neuen Reinraum für die Fertigung von Präzisionsteilen. (Bild: Thomas Hary (Heerbrugg, 20. November 2018))

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

In letzter Zeit bekommt Arthur Philipp eine Auszeichnung nach der anderen. Erst war er Finalist beim Prix SVC Ostschweiz. Dann erhielt er den Liberal Award der Jungfreisinnigen und fast zeitgleich den Preis der Rheintaler Wirtschaft 2018. Aktuell ist der 80-jährige Jungunternehmer für die Limmex-Medaille der Kategorie Wirtschaft nominiert, eine Auszeichnung für aussergewöhnliche Menschen über 65. Die Preisverleihung findet nächsten Mittwoch statt. «Ich wundere mich über die vielen Preise in meinem Alter», sagt Arthur ­Philipp. «Aber nein, alt bin ich ja nicht.»

Kauf statt Zerschlagung

Eigentlich sei er schon immer ein Streber gewesen. Wollte mitreden und mitentscheiden. Schnell kam er ins Kader, leitete bei der Leica Geosystems AG in Heerbrugg die Sparte Werkstoff- und Verfahrenstechnologie. Mit 64 stellte er sich dann die Frage: «Was mache ich jetzt?» Er vermutete, dass die Abteilung mit seiner Pensionierung umstrukturiert würde. Mit dem Management-Buy-out der Sparte wollte er nicht zuletzt seinen Mitarbeitern eine Perspektive geben (siehe Kasten).

Seit dem Schritt in die Selbstständigkeit hat Philipp aus dem Profi-Center mit Labor ein Unternehmen mit Produktion gemacht, welches das gesamte Leistungsspektrum für Klebestoffe und Oberflächen anbietet. Dazu habe er sein Netzwerk gepflegt, gelernt, wie man an neue Aufträge kommt.

Als Manager könne man gut länger arbeiten, findet Philipp.

«Mancher Bauer arbeitet auch noch mit 75. Und mein eigener Chef zu sein, macht mir einfach immer mehr Spass.»

Klar ist, Arthur Philipp arbeitet nicht, weil er muss. Seine Arbeitsstunden zählt er nicht. Manchmal ist er auf längeren Geschäftsreisen. Auf Messen geht er gerne persönlich, um selbst den Puls der Wirtschaft zu spüren, wie er sagt.

Ob er nicht das Gefühl habe, vor lauter Arbeit etwas zu verpassen? Auf Reisen gehen, Golf spielen oder einfach den Ruhestand geniessen? Als er noch jünger war, habe er schon genug Reisen unternommen. Golfen sei auch nichts für ihn. Wenn er sich Zeit für anderes nimmt, dann ist er am liebsten mit seiner Ehefrau auf dem Wasser. Sein Segelboot hat er auf ihren Wunsch inzwischen gegen ein Motorboot eingetauscht. Und eigens mit einem Arbeitsplatz ausgestattet. Falls dringende E-Mails kommen.

Die Arbeit ist sein grösstes Hobby

«Meine Tätigkeit ist mein grösstes Hobby», sagt Philipp. Und von einem Hobby müsse man nicht abschalten. Bemerkungen wie «Schaffst du immer noch?» oder «Gefällt es dir zu Hause nicht?» bekommt der Unternehmer häufig zu hören. Es nervt ihn, dass er sich immer wieder für das Arbeiten rechtfertigen muss. ­Genauso wenig möchte er nach seiner Nachfolgeregelung, also nach dem, was einmal nach ihm ­kommen soll, gefragt werden. «Nachfolgeregelung» ist gar sein ­Hasswort. Vor allem Banken und Grosskunden fragten ihn für ihre Risikoabschätzung. Schliesslich könne auch mit vierzig oder fünfzig jemand ausfallen, findet er.

«Ich bin mir sicher, dass das Unternehmen auch ohne mich läuft. Das ist dann zwar nicht mehr meine Kultur, aber das darf sie auch nicht sein.» Sein Kader sei fähig. Das habe er lange genug beobachtet. Er sei strenger ­geworden. Und verlange viel. Auch Disziplin. Was er aber nicht ­verlangt, ist, dass jeder wie er die ­Arbeit als sein Hobby betrachtet. Die Familie dürfe durchaus an erster Stelle stehen.

Mut, Risikofreude und den Glauben an sich

Welche Eigenschaften braucht ein guter Unternehmer? «Das frage ich mich schon mein ganzes Leben. Man muss viel Mut ­haben», sagt Philipp. Struktur könne man lernen. «Als ich mich selbstständig gemacht habe, waren meine drei Prinzipien: nicht mehr als 45 Mitarbeiter, keine Produktion, keine Schulden.» Das hat er mittlerweile alles über den Haufen geworfen. Unternehmer zu sein, sei für ihn letztlich eine Charakterfrage. Eine Mischung: Man müsse gut mit anderen reden können, Menschen mögen, risikofreudig sein. Und an sich glauben. «Die Jungen sollten nicht meinen, man könne mit 20 schon reich werden.» Ausserdem müsse man ständig dazulernen zu wollen.

Auf den Philippinen arbeiten nur Frauen

Viel gelernt hat er beim Aufbau der Niederlassung auf den Philip­pinen – und viel Geld investiert. «Die Philippinen sind eine an­dere Welt. Eine andere Kultur.» Man dürfe dort nicht das Schweizer Modell eins zu eins übertragen.

«Man muss die Kultur übernehmen, sonst hat man keinen Erfolg.»

Zufällig habe er inzwischen eine geeignete Führungskraft aus der Schweiz gefunden. Der Erfolg hat sich eingestellt, seit er nur noch Frauen dort beschäftigt. Fast alle sind Ingenieurinnen. «Wenn ich sehe, wie sie dort leben, wundere ich mich, dass sie so aufgestellt sind.»

Als seine Frau einen schweren Unfall hatte und der Senior von einem Tag auf den anderen zu ihrem Pfleger wurde, habe er ebenfalls vieles gelernt – musste es lernen. «Das war für mich eine grosse Herausforderung», sagt er. «Ich musste lernen, anders mit ihr umzugehen, sie anziehen, kämmen, zu kochen. Und den ganzen Haushalt.» Am Ende erhielt er dann aber von seiner Ehefrau ein Diplom: «Mein bester Pfleger».

Dass es für Philipp neben der Arbeit nichts anders gibt, wäre also übertrieben. Wenn der Unternehmer nicht arbeitet, tut er durchaus einmal nichts oder liegt faul im Liegestuhl. Obwohl er stattdessen endlich den Keller aufräumen oder mit seiner Frau zum Einkaufen gehen sollte.

«Aufhören macht keinen Sinn»

Wie lange will der Senior eigentlich noch arbeiten? «Ich will nicht aufhören», sagt er. «Das macht keinen Sinn. Ich fühle mich immer noch fit und gesund.» Kinder habe er keine. «Vielleicht wäre mein Leben mit Kindern anders verlaufen.» Und vielleicht ist es gerade die Arbeit, die ihn gesund hält. «Ich habe letztlich Glück gehabt. Dann muss es doch erlaubt sein, dieses auch auszuleben.»

Firma für Klebestoffe und Oberflächentechnologie

Arthur Philipp studierte Chemie und Metallogie. Später leitete er bei der Leica Geosystems AG 16 Jahre lang die Sparte Werkstoff- und Verfahrenstechnologie. Um zu verhindern, dass diese mit seiner Pensionierung umstrukturiert wird, kaufte er die Sparte im Alter von 64 Jahren per Management-Buy-Out.

2002 mit 19 Mitarbeitern in Heerbrugg gestartet, verfügt das Unternehmen APM Technica AG heute über 135 Mitarbeiter und weitere Niederlassungen in der Schweiz, in Deutschland und auf den Philippinen. Das Unternehmen bietet hoch spezialisierte Lösungen im Bereich Klebestoffe und Oberflächentechnologie für Kunden aus Fahrzeugbau, Optik, Elektronik, Automobil- und Medizintechnik an. Der Umsatz stieg von knapp 6 auf über 20 Millionen Franken im Jahr 2014. Aktuelle Zahlen gibt die Firma nicht bekannt. Als Vorsitzender des Verwaltungsrates steht Philipp weiterhin an der Spitze.

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