7000 Personen pro Tag
Piks-Parcours statt Curling auf dem Eis: Im Kanton St.Gallen ist die grösste Impffabrik angelaufen

Ab 7. April werden die über 75-Jährigen und bald auch die über 65-Jährigen in vier kantonalen Impfzentren in St. Gallen, Wil, Buchs und Rapperswil geimpft – trotz immer noch knapper Impfdosen. 35'000 Personen haben sich online bereits angemeldet, die Hälfte davon will sich in St. Gallen impfen lassen.

Christoph Zweili
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Noch warten die «Impflinge» vor dem Curling Center: Hier müssen sie später durch. Vor einer der beiden Impfstrassen mit den Kabinen 4 bis 6.

Noch warten die «Impflinge» vor dem Curling Center: Hier müssen sie später durch. Vor einer der beiden Impfstrassen mit den Kabinen 4 bis 6.

Bild: Tobias Garcia

Die 72-jährige St. Gallerin fühlt sich gesund und hat noch nie eine Grippeimpfung gehabt. Eigentlich gehört sie gar nicht hierhin. Sie ist zu jung. Drei Jahre, um genau zu sein. Zumindest auf dem Papier. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen: «Ich bin einfach froh, wenn ich mich impfen lassen kann.» Sie habe sich im Januar beim Hausarzt angemeldet, aber nichts gehört.

«Jetzt haben mir die Kinder den Impftermin zum Geburtstag geschenkt.»

Zwei Wochen habe es nach der Anmeldung übers Internet gedauert, «dann hatte ich das Aufgebot».

Die guten Geister: Der Zivilschutz hat das Impfzentrum aufgebaut.

Die guten Geister: Der Zivilschutz hat das Impfzentrum aufgebaut.

Bild: Tobias Garcia

Mittwochnachmittag: Auch andere Seniorinnen und Senioren warten. Die Stimmung vor dem Curling Center, bald direkt angebunden an die Buslinie 151 aus Gossau und mit Parkplatz über die Strasse, ist locker. Um 14 Uhr soll der Testlauf losgehen. Bis zum Abend werden 657 Personen geimpft sein. Nach Ostern nimmt die Impffabrik dann offiziell Fahrt auf.

In einer Viertelstunde 40 Personen impfen: Blick ins grösste Impfzentrum im Kanton St. Gallen.

Video: TVO

Piks-Parcours auf dem Curling-Eis

Einen Stock tiefer frönen hier normalerweise bis zu 300 Curler aus der ganzen Region wöchentlich bei frostigen Temperaturen ihrem eigenen Virus. Statt der 1000 Quadratmeter Fläche mit den Minusgraden ist nun ein Piks-Parcours mit weit wärmeren Raumtemperaturen eingerichtet, zugänglich per Lift und mit Rollstuhl.

Die «Impflinge» mit ihrem schriftlichen Aufgebot checken unter freundlicher Anleitung ein, dann geht es bereits weiter in eine von sechs Impfkabinen – links und rechts aufgeteilt auf zwei Impfstrassen. Nach kurzer Wartezeit folgt der Stich gegen Corona. Fertig. Dann 15 Minuten auf einzeln positionierten Stühlen warten, ob Nebenwirkungen eintreten und bis das Aufgebot für die zweite Impfung in Händen ist. Das ist wichtig: Auch die zweite Spritze muss mit dem gleichen Wirkstoff von Biontech/Pfizer erfolgen. Dann heisst es aufstehen und selbstständig rausgehen. Das war’s. Es ist eine Impffabrik, getaktet im 30-Minuten-Rhythmus, die da ins Laufen kommt. Vom Zivilschutz über Nacht aus dem Boden gestampft.

St.Galler Impfchefin Karin Faisst.

St.Galler Impfchefin Karin Faisst.

Bild: Tobias Garcia

Im Zentrum ist die Kammer mit dem «flüssigen Gold» zu finden, vom Gesundheitspersonal behandelt wie ein rohes Ei. Das «Zutritt-Verboten-Schild» an der Tür wird mit dem Aufziehen der Spritzen erklärt. Jeder Milliliter Impfstoff werde gebraucht, daher sei höchste Sorgfalt geboten. «Es bleiben keine Dosen übrig», sagt Impfchefin Karin Faisst. Die Bewohner von Alters- und Pflegeheimen sind im Kanton St. Gallen bereits geimpft. Die Strategie geht auf: «Die Todesfälle sinken trotz steigender Ansteckungszahlen markant. Wer sich dennoch ansteckt, bleibt meist von schweren Verläufen verschont.»

Blick in das Allerheiligste, wo das «flüssige Gold» abgefüllt wird.

Blick in das Allerheiligste, wo das «flüssige Gold» abgefüllt wird.

Bild: Tobias Garcia

Für das Aufgebot in den Impfzentren zählt nur das Alter

Wer für das Impfzentrum aufgeboten wird, muss nur einem Kriterium genügen: Er oder sie muss in einem bestimmten Alter sein. In der ersten Charge sind es die über 75-Jährigen. Faisst sagt:

«Sie haben alle jetzt schon Termine, entweder als Risikopatienten beim Hausarzt oder in den Impfzentren. Nach einer Woche Betrieb in den Impfzentren werden wir daher alle 45'000 Personen in dieser Altersklasse geimpft haben.»

Dann sollen die 65- bis 74-Jährigen folgen.

Noch ist der Warteraum leer.

Noch ist der Warteraum leer.

Bild: Tobias Garcia

Aber noch sind die vom Bund zugeteilten Vakzine knapp. So knapp, dass das Impfzentrum in St. Gallen vorläufig nur an zwei Tagen pro Woche betrieben werden kann – obwohl über die Hälfte der 35'000 Personen, die sich bisher online angemeldet haben, in der Kantonshauptstadt geimpft werden will. Die anderen drei Impfzentren in Buchs, Rapperswil-Jona und Wil sind an nur je einem Tag in Betrieb – die verstärkte mobile Impfequipe reist daher von Standort zu Standort. «Im April stehen uns rund 80'000 Impfdosen zur Verfügung», sagt die Impfchefin.

«Damit werden wir rund zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung impfen.»

Einmal im Vollbetrieb sollen in den vier Impfzentren täglich bis zu 7000 Menschen durchgeschleust werden. Die Impfchefin brennt für ihre Sache, «das Impfen gibt uns wieder eine Perspektive». Noch aber brauche es Geduld, «bevor im Mai und Juni der grosse Schub kommt».

«Wir sind flexibel und können ohne weiteres von 6 bis 22 Uhr durcharbeiten.»
Bruno Damann, Gesundheitschef Kanton St.Gallen

Bruno Damann, Gesundheitschef Kanton St.Gallen

Bild: Tobias Garcia

Auch Gesundheitschef Bruno Damann ist zuversichtlich: Anfang Jahr sei noch von einer tiefen Impfbereitschaft von 30 Prozent die Rede gewesen. «Inzwischen ist rund ein Fünftel der 420'000 erwachsenen St. Gallerinnen und St.Galler geimpft.» Aufgrund der langen Wartelisten der Hausärzte geht Damann davon aus, «dass 40 bis 50 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sich für eine Impfung angemeldet haben oder bereits geimpft sind».

Die Impfbereitschaft sei mit geschätzten 60 Prozent also weitaus höher als bisher angenommen. Vergleichszahlen mit anderen Kantonen hat er keine, dafür eine These:

«Die Impfskepsis hat sicher abgenommen. Je mehr geimpft wird, desto mehr steigt die Impfbereitschaft.»

Das gelte es jetzt auszunutzen, «die fehlenden Impfdosen bremsen diese Wirkung aber aus». Vielleicht werde diese Dynamik aber dann kompensiert, wenn Grossveranstalter oder Fluggesellschaften künftig einen Impfausweis verlangen.

Testimpfung vor der offiziellen Eröffnung: Der Eingang des Curling Centers ist gut beschriftet.

Testimpfung vor der offiziellen Eröffnung: Der Eingang des Curling Centers ist gut beschriftet.

Bild: Tobias Garcia

Die Impfchefin denkt da schon viel weiter. Wie stellt sich der Kanton auf, wenn sich im Juli plötzlich noch Personen melden, die geimpft werden wollen? In zwei Wochen sollen verlässliche Zahlen quer über alle Altersklassen zur Verfügung stehen: Wer hat sich in den Hausarztpraxen geimpft und wer in den Impfzentren? Stehen genügend Impfdosen zur Verfügung, will der Kanton die Impffabriken für alle Altersklassen öffnen. Dann gilt: Der Schnellere ist der Geschwindere!

Onlineanmeldungen unter www.wir-impfen.ch