Trotz zahlreicher Einsprachen: So schnell legt sich der 5G-Teppich über die Ostschweiz

Die Zahl der 5G-Antennen ist innert kürzester Zeit regelrecht explodiert. Obwohl Gegner zahlreiche Einsprachen erhoben haben, schreitet der Ausbau weiter voran.

Noemi Heule
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Die erste 5G-Antenne im Kanton St.Gallen steht am Ortsrand von Gossau.

Die erste 5G-Antenne im Kanton St.Gallen steht am Ortsrand von Gossau.

Bild: Ralph Ribi

Schnell, schneller, 5G. Die neuste Mobilfunk-Generation wirbt nicht nur mit bisher unerreichten Geschwindigkeiten im Austausch von Daten, auch der Ausbau des Netzes geht plötzlich im Schnellzugstempo vonstatten. Dabei hatte die Aufrüstung gemächlich begonnen: Im Frühling letzten Jahres ging in Gossau die erste 5G-Antenne auf St.Galler Kantonsgebiet auf Sendung. Im Juli waren mit Flums und zwei weitere in Betrieb. Im Herbst ploppten auf der Übersichtskarte des Bundesamtes für Kommunikation einzelne weitere Punkte auf.

Dann aber, kurz vor Jahreswechsel, schienen die Antennen nur so aus dem Ostschweizer Boden zu spriessen. Rund 100 5G-Antennen zählt der Kanton St.Gallen heute. Im Thurgau sind es rund 60 und in beiden Appenzell zusammen neun.

Der schlaue Schachzug der Swisscom

«Das Wunder zur Weihnachtszeit», wie einzelne Zeitungen schrieben ist kein Ostschweizer Phänomen, sondern hat das ganze Land erfasst. Anfang Dezember zählte die Schweiz 660 Antennen, zu Jahresbeginn hat sich die Zahl mit 2300 Stück mehr als verdreifacht.

Das vermeintliche Wunder ist allerdings vielmehr ein Winkelzug der Swisscom. Der grösste Schweizer Telekomkonzern versprach seinen Kunden bis Ende Jahr eine 90 prozentige Abdeckung mit 5G. Um das Versprechen einzulösen war ein Schlussspurt nötig.

Und die Swisscom spurtete – und stolperte knapp ins Ziel. Schummeln nennen dagegen Kritiker den Kunstgriff des Konzerns.

Das 5G, das Swisscom nun 90 Prozent seiner Kunden anbietet, ist nicht das viel gepriesene 5G, mit dem man ganze Spielfilme in Sekundenschnelle herunterladen kann, sondern eine Lightversion. Von einem «abgespeckten 5G» spricht Marco Paganoni vom kantonalen Bauamt, die Gegner spitzen es auf «Fake-5G» zu.

Die Swisscom selbst nennt es «5G-wide». Im Gegensatz zum «5G-fast» zielt es nicht auf eine schnelle Datenübertragung, sondern darauf, schnell eine grossflächiges Netz zu erreichen. In punkto Geschwindigkeit sind die Unterschiede zum gängigen Mobilfunk dagegen gering.

Für «5G-wide» wurden denn auch keine neuen Antennen aus dem Boden gestampft, sondern die bestehenden aufgerüstet – mit einem einfachen Software-Update. Die Antennen strahlen denn auch nicht auf der 5G-typischen Frequenz von 3500 Megahertz, sondern beschränken sich, wie das bisherige Netz, auf 2100 Megahertz.

Keine Angriffsfläche für Einsprecher

Der Grund: Für diese Schnellbleiche braucht es keine Bewilligung. «Es handelt sich um eine Umstellung ohne Baugesuch oder Bagatelländerung», sagt Marco Paganoni. Damit konnten die Betreiber bürokratische Hürden umgehen. Gleichzeitig und viel wichtiger: Sie boten damit den 5G-Gegnern keinerlei Angriffsfläche. Denn während die Mobilfunkbetreiber ihre Anlagen aufrüsten, regt sich rundum Widerstand gegen die neue Technologie. Und die grösste Waffe der Gegnerschaft ist die Einsprache.

Die Swisscom spricht von 40 Prozent aller Bauvorhaben, die durch Einsprachen verzögert werden. Die Sunrise nennt 50 Prozent als Richtwert. Die Firma Salt will keine Statistiken bekannt geben «aus Wettbewerbsgründen», wie es heisst.

Überhaupt geben sich die Telekomanbieter bedeckt. Welche Projekte durch Einsprachen blockiert sind, wollen sie nicht bekannt geben, genauso wenig die genauen Standorte bestehender Antennen. Sunrise gibt die Furcht vor Vandalismus als Grund an. Andere verweisen wiederum auf den Wettbewerb. Die Bewohner nicht noch mehr aufzuscheuchen, dürfte mit ein Grund sein, weshalb sich die Betreiber in Verschwiegenheit üben.

Der Widerstand formiert sich lokal

Ad-hoc-Bewegungen gegen bestehende oder geplante Antennen sind schnell formiert, wie einige Beispiele aus der Ostschweiz zeigen: In Kirchberg wandte sich die Gruppierung «Besorgte Bürger» mit einer Petition an die Gemeinde, um den «Antennen-Wildwuchs» zu verhindern. Andere nennen sich «Stop-Elektrosmog Neunforn», ««5G-freies Bussnang» oder «IG Wil stoppt 5G».

In St.Gallen setzt sich die «IG Mobilfunk mit Mass» gegen neue Antennen ein. Gegen drei Antennen hat sie beim kantonalen Baudepartement Rekurs erhoben. In Steckborn blockierten Anwohner eine Antenne direkt neben einem Kindergarten, in Wil neben einem Primarschulhaus. In Wigoltingen sammelten die Schüler gleich selbst Unterschriften gegen eine Swisscom-Antenne gegenüber der Schulanlage. In Matzingen stellte sich der Gemeinderat hinter die Bevölkerung und verhinderte eine Antenne neben einem Spielplatz. Auch die Gemeinde Sennwald schlug sich auf die Seite der Einsprecher und passte kurzerhand Zonenplan und Baureglement an.

Die Argumente der Gegner sind divers: Skeptiker fürchten sich vor möglichen Gesundheitsrisiken, Verschwörungstheoretiker vergleichen 5G mit neu entwickelten Mikrowellenwaffen, die Verbrennungssymptome auslösen.

Die Betreiber lassen sich nicht bremsen

Während die Gegner punktuell Erfolge feiern, breitet sich der 5G-Teppich weiter aus. Die Swisscom hat einen neuen Vorsatz gefasst: Bis Ende 2020 will sie Ihre Kundschaft mit «5G-fast» versorgen, also jenem Netz, dass über Frequenzen von 3500 Megahertz tatsächlich ultraschnelles Surfen erlaubt. 210 Orte sind bereits mit entsprechenden Antennen ausgestattet. Sunrise wirbt auf der Webseite mit 426 Standorten. Salt will seine Fortschritte nicht kommunizieren.

Das dürfte erst der Anfang sein. Ende November veröffentlichte der Bund einen lang erwarteten und viel beachteten Bericht zu Mobilfunk und Strahlung. Er enthält nebst einer Auslegeordnung zur Gesundheitsforschung einen Ausblick zum Mobilfunk der Zukunft. Die Szenarien reichen von 6500 bis 46500 zusätzlichen Antennen in den nächsten fünf bis 35 Jahren.

Bericht lässt Fragen offen

Der Bericht aus Bern zum Thema Mobilfunk und Strahlung verweist darauf, dass es unter den geltenden Grenzwerten keine wissenschaftlichen Anzeichen auf gesundheitliche Auswirkungen von Mobilfunk auf den Menschen gebe. Er räumt diese aber nicht mit absoluter Sicherheit aus. Längerfristig soll 5G auch in höheren Frequenzen, sogenannten «Millimeterwellen» zur Anwendung kommen. Entgegen der Hoffnungen von Gemeinden und Kantonen lässt der Bericht überdies offen, wie sie mit Baugesuchen für neue Mobilfunkantennen umgehen sollen. (nh)

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