56 Fussballfelder für Masthallen

Der WWF schlägt Alarm: In der Ostschweiz geht viel Kulturland verloren, weil die Bauern immer mehr Land für Ställe benötigen. Der St. Galler Bauernverband weist die Vorwürfe zurück – in einem Punkt gibt er dem WWF aber recht.

Andri Rostetter
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Boomender Erwerbszweig der Ostschweizer Landwirtschaft: Hühner in Mastbetrieb. (Bild: fotolia)

Boomender Erwerbszweig der Ostschweizer Landwirtschaft: Hühner in Mastbetrieb. (Bild: fotolia)

Bis jetzt war die Rechnung einfach: Kulturland geht vor allem dann verloren, wenn Landwirtschaftsland in Bauland umgezont wird. Bis jetzt ist aber unklar, wie viel die Bauern selber zum Verlust von Kulturland beitragen. Laut der St. Galler Regierung ist davon auszugehen, dass insbesondere landwirtschaftliche Bauten «in erheblichem Umfang» am Verlust mitschuldig sind – also Scheunen, Ställe, Masthallen, Hofplätze und ähnliches mehr. Diese Erkenntnis hat nun die Umweltschützer auf den Plan gerufen: «Bauern sind die zweitgrössten Kulturlandvernichter», titelte gestern der WWF in einer geharnischten Medienmitteilung. «Nationale und kantonale Bauernverbände führen eine koordinierte Kampagne gegen Naturschutzmassnahmen. Dabei blenden sie aus, dass sie selbst einer der grössten Zerstörer von Kulturland sind.»

Neue Ställe wegen Tierschutz

Tatsächlich wird in der Landwirtschaft derzeit rege gebaut. Einer der Hauptgründe ist die seit Jahren steigende Nachfrage nach Pouletfleisch. Laut Andreas Widmer, Geschäftsführer des St. Galler Bauernverbands, sollen allein in den Kantonen St. Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Appenzell Innerrhoden in den kommenden fünf bis zehn Jahren bis zu 200 Poulet-Mastbetriebe entstehen. Pro Masthalle wird mit einem Flächenbedarf von bis zu 2000 Quadratmetern gerechnet. Zusammengenommen entsprechen die geplanten Hallen damit einer Fläche von 56 Fussballfeldern.

Der Vorwurf des WWF stimme dennoch nur bedingt, sagt Widmer. «Die Betriebe wachsen auch wegen der immer rigoroseren Vorschriften für die Tierhaltung. Es braucht grössere Ställe, Liegeflächen und so weiter.» Gleichzeitig fordere man von den Bauern stets, sie sollten unternehmerisch denken und neue Erwerbszweige aufbauen. Gerade dank der Pouletmast könnten viele Bauern ihren Betrieb weiterführen.

Party-Scheunen, Schreinereien

«Wir sehen die Bauern nicht als unsere Gegner», sagt Martin Zimmermann, Geschäftsführer von WWF St. Gallen-Appenzell, «aber unsere Ansichten gehen teils diametral auseinander.» Im Thurgau, im St. Galler Fürstenland und im Rheintal würden immer grössere Betriebe gebaut. «Die alten Ställe und Remisen werden aber häufig nicht abgebrochen, sondern umgenutzt: Alte Scheunen werden zu Partybetrieben, Schweineställe zu Schreinereien.» Der WWF stehe deshalb seit längerem im Dialog mit den Bauern im Thurgau und in St. Gallen. In St. Gallen seien die Probleme weniger gross als im Thurgau, sagt Zimmermann. «Dort werden mitten im Landwirtschaftsland 100 Meter lange Masthallen gebaut. Dabei ist die Landschaft das Kapital der Thurgauer.» Dass viele Bauern wegen des Preiszerfalls in der Landwirtschaft gezwungen sind, ihren Betrieb zu vergrössern, lässt WWF-Geschäftsführer Zimmermann indes nur bedingt gelten. «Wir wünschen uns kleine und mittlere Betriebe, die nicht auf Teufel komm raus, sondern qualitativ hochwertige Produkte – ohne Pestizide – produzieren», betont er.

«Vielfältige Landwirtschaft»

Für Andreas Widmer vom Bauernverband steht dagegen fest: Die Ostschweizer Bauern sind weit entfernt von einer Massenproduktion. «Wir haben eine vielfältige Landwirtschaft.» In einem Punkt gibt er den Umweltschützern allerdings recht: «Wir hätten es auch gern, wenn manches alte Gebäude abgebrochen würde.»