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55 Minuten, die lange nachwirken: Thurgauer dreht Film über 13-Jährigen ohne Beine

Der Frauenfelder Jonas Vetsch hält mit der Kamera fest, was ihn bewegt. Als Maturaarbeit hat er einen Dokumentarfilm über den damals 13-jährigen Jan gedreht, der durch eine Blutvergiftung die Beine und Teile seiner Arme verloren hatte.
Ursula Ammann
Trotz Handicap am Ball: «Am Ball bleiben» heisst auch der Film, der als Maturaarbeit über Jan gedreht worden ist. (Bild: PD)

Trotz Handicap am Ball: «Am Ball bleiben» heisst auch der Film, der als Maturaarbeit über Jan gedreht worden ist. (Bild: PD)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Ausgerechnet auf einer Skipiste kam Jonas Vetsch die Idee für seine Maturaarbeit. Dort begegnet er dem 13-jährigen Jan, der mit Geschicklichkeit und Ausdauer seine Bahnen fuhr. Das Besondere daran: Jan hat keine Beine und nur noch einen Teil seiner Arme. «Er sass seitwärts in einer Art Schale auf seinem spezial angefertigten Snowboard», erinnert sich Jonas Vetsch. Dass sich der Jugendliche trotz seiner körperlichen Beeinträchtigung nicht vom Schneesport abhalten liess, imponierte dem Frauenfelder. «Dieser Mensch hat bestimmt eine eindrückliche Geschichte», dachte er sich, und nur wenige Wochen später setzte er sich intensiv mit dieser auseinander. Denn Jonas Vetsch war nach kurzer Absprache mit Jan im Restaurant entschlossen, als Maturaarbeit einen Dokumentarfilm über den Jugendlichen zu drehen. Der Umgang mit der Kamera war ihm nicht fremd. So hatte er damals bereits einige grössere und kleinere Filmprojekte umgesetzt.

Mit der Kamera überall begleitet

Jonas Vetsch, Student. (Bild: PD)

Jonas Vetsch, Student. (Bild: PD)

Fast ein Jahr lang war Jonas Vetsch mit der Maturaarbeit beschäftigt. Er hat dabei viel Zeit mit Jan verbracht und ihn mit der Kamera in seinem Alltag begleitet – ob beim Einkaufen, beim Trampolinhüpfen, im Schulunterricht, beim Hockeytraining oder zu Hause am Familientisch.

«Ich sehe es als grosses Geschenk, dass ich sein Vertrauen bekommen habe», sagt Jonas Vetsch.

Der ehemalige Gymnasialschüler der Kanti Frauenfeld hat für den Film auch Interviews mit den Menschen im Umfeld des körperlich beeinträchtigten Jugendlichen geführt. Unter anderem mit dem Chirurgen, der den damaligen Erstklässler operiert hatte und sich dabei in einer schwierigen Situation wiederfand. Denn Jan kam ins Spital, weil er eine Blutvergiftung erlitten hatte. Um sein Leben zu retten, mussten die Ärzte und deren Team ihm die Beine sowie Hände und Unterarme amputieren.

Whatsapp-Nachrichten mit dem Ellenbogen tippen

«Am meisten an Jan beeindruckt hat mich, dass er seine Situation einfach akzeptiert», sagt Jonas Vetsch, der heute an der Uni Zürich reformierte Theologie studiert.

«Aber ich war auch fasziniert, was er trotz fehlender Beine und Hände alles kann», sagt er.

So schafft es der Jugendliche, mit den Ellbogen Whatsapp-Nachrichten auf die Tastatur eines gewöhnlichen Smartphones einzutippen. Auch entwickelte er Techniken, die ihm das Essen, Trinken und Schreiben ermöglichen. Zudem kommt er teils ohne Rollstuhl aus, indem er sich hopsend über den Boden bewegt.

Was Jonas Vetsch ebenfalls positiv überrascht hat, war, dass Jan in der Schule nicht als Aussenseiter gilt. Im Sportunterricht passen sich die Mitschüler ihm sogar an. So hat die Klasse eine eigene Art von Fussball entwickelt, bei dem die Spieler am Boden sitzend dem Ball hinterherjagen. Auf diese Weise kann Jan gut mit den anderen mithalten. Eine entsprechende Szene findet sich im Dokumentarfilm wieder. Noch heute bekomme er deswegen Anfragen, erzählt Jonas Vetsch. Etwa von pädagogischen Hochschulen. Diese wollen die Szene ihren Studenten als gelungenes Beispiel für Inklusionssport zeigen.

Nach einer Blutvergiftung war Jans Leben nur mit Amputationen zu retten. (Bild: PD)

Nach einer Blutvergiftung war Jans Leben nur mit Amputationen zu retten. (Bild: PD)

Überhaupt ist der 55-minütige Dokumentarfilm über Jan mit dem Titel «Am Ball bleiben» auf Resonanz gestossen. Drei Auszeichnungen hat Jonas Vetsch dafür bekommen. So auch von der Stiftung für Jugendförderung, von der er und weitere Maturandinnen und Maturanden einen Preis bekommen haben, wie im letzten Jahresbericht erwähnt.

Jonas Vetsch filmt nach wie vor mit Leidenschaft. Er glaube an die Kraft dieses Mediums, weil es die Herzen anspreche. «Es war zwar nie das Ziel, dass mein Dokumentarfilm über Jan irgendwann Karriere macht», sagt der 20-Jährige. «Aber es freut mich trotzdem, wenn ich damit etwas zu einem guten Umgang mit körperlich Beeinträchtigten beitragen kann.»

Hinweis
Ein Trailer zum Dokumentarfilm «Am Ball bleiben» befindet sich auf Jonas Vetschs Webseite exif.ch. Dort kann man den Film auch auf DVD bestellen.

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