500 Mal am Seealpsee: Buchautor Kurt Haberstich ist süchtig nach dem Alpstein

Vor fünf Jahren ist Kurt Haberstich in seine Wahlheimat Appenzell gezogen. Diese liebt er über alles. Nun hat der 71-Jährige ein Buch über die Meglisalp geschrieben.

Claudio Weder
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Ob Regen, Wind oder Sturm: Ex-Alpinist und Buchautor Kurt Haberstich geht bei jedem Wetter nach draussen. (Bild: Claudio Weder)

Ob Regen, Wind oder Sturm: Ex-Alpinist und Buchautor Kurt Haberstich geht bei jedem Wetter nach draussen. (Bild: Claudio Weder)

Den Ruhestand auf dem Sofa geniessen? Das kommt für Kurt Haberstich nicht in Frage. Der 71-Jährige, der seit sechs Jahren pensioniert ist, verbringt seine Zeit am liebsten in jenem Gebiet, das er sich vor fünf Jahren zum Lebensmittelpunkt erkoren hat und das er mittlerweile so gut kennt wie seine linke Hosentasche: dem Alpstein. Erst kürzlich habe er einen Teil des Gebirges in nur einem Tag umrundet, erzählt er. Seit er in Appenzell wohne, sei er schon 500 Mal am Seealpsee gewesen.

Kurt Haberstich ist aktiver Berggänger – und ebenso aktiver Buchautor. Allein im vergangenen Jahr veröffentlichte er drei Bücher, darunter den Bildband «Seealpsee – magische Momente». Ende Juni folgte bereits die nächste Publikation – und auch diese widmete Haberstich seinem Lieblingsgebirge.

Bild: Benjamin Manser
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Im Unterschied zu den früheren Alpsteinpublikationen sollte «Meglisalp – Ein Sennendörflein erzählt seine Geschichte» aber kein Bildband werden. «Vielmehr wollte ich etwas Kompaktes schaffen, das auch mal in den Wanderrucksack passt.» Entstanden ist ein gut 100 Seiten umfassendes Büchlein, das in acht Kapiteln durch die Geschichte der Meglisalp führt – gegliedert nach Themen wie Gastronomie, Tourismus, Brauchtum oder Sagenhaftes. Angereichert wurden die Texte mit rund 60 Fotografien, die Haberstich während seiner unzähligen Besuche auf der Meglisalp geschossen hat.

Nicht verzagen, Haberstich fragen

«Das Alpdörflein Meglisalp ist eine Sensation.» Wenn Kurt Haberstich über seine Herzensregion spricht, kommt er aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. Selten gebe es heute noch etwas so Intaktes, das seit über 150 Jahren seinen Charakter behalten habe.

«Umso erstaunlicher ist, dass es bis dato kein Buch über diesen besonderen Ort gibt, ist die Meglisalp für den Appenzeller Tourismus wie auch das Brauchtum doch gleichermassen bedeutend.»

Wer Haberstichs Texte liest oder ihm zuhört, merkt schnell: Dieser Mann ist ein profunder Kenner der Region. Angesichts dessen, was er über die historischen, geografischen und politischen Gegebenheiten seines Wohnkantons weiss, könnte man sogar glatt meinen, er sei ein waschechter Innerrhoder. Wenn da nicht der Aargauer Dialekt wäre.

Tatsächlich wohnt Kurt Haberstich gemeinsam mit seiner Frau erst seit 2014 in Innerrhoden. Zuvor lebte er während 18 Jahren in Herlisberg im Kanton Luzern, aufgewachsen ist er im aargauischen Unterentfelden. Was ihn dazu bewogen hat, ins Appenzellerland zu ziehen? «Hier habe ich alles, was ich brauche», sagt der 71-Jährige. Vor allem die Berge seien ein Grund, warum er in Innerrhoden seinen Lebensabend verbringen möchte. Den Fählensee, die Kreuzberge und den Altmann kenne er bereits seit den 1970er-Jahren. Zum Alpstein-Experten wurde Haberstich aber erst, seit er in dessen unmittelbarer Nähe lebt.

«Im Alpstein gibt es fast keine Route, die ich noch nie begangen habe.»

Man glaubt dem 71-Jährigen, der einst Extrembergsteiger war, aufs Wort. Über 1000 Gipfel auf der ganzen Welt hat er bestiegen, unter anderem den 6190 Meter hohen Denali (Mount McKinley) in Alaska oder den Nevado Huascarán, der mit einer Höhe von 6768 Metern der höchste Gipfel Perus ist. Im Alleingang überquerte er alle Viertausender des Atlas-Gebirges und war zudem Mitglied einer Schweizer Polarexpedition.

1989 wollte Kurt Haberstich noch höher hinaus: Er wollte den knapp 7000 Meter hohen Aconcagua, den höchsten Gipfel Südamerikas, besteigen und als Erster mit dem Gleitschirm zurück ins Tal segeln. Doch daraus wurde nichts. Während des Gleitschirmtrainings im Berner Oberland geriet Haberstich in Turbulenzen und verlor die Kontrolle über seinen Schirm.

«Dann prallte ich mit 60 Stundenkilometern gegen eine Felswand.»

Glücklicherweise habe ein Fluglehrer den Vorfall beobachtet und umgehend die Flugwacht alarmiert.

Haberstich hatte Glück im Unglück. Sein Fuss war mehrfach gebrochen, Hüfte und Schulter ausgekugelt, sein Ellenbogen gequetscht. «Um ein Haar wäre ich querschnittsgelähmt gewesen.» Der Unfall bedeutete das Aus für seine Bergsteigerkarriere.

Eine neue Leidenschaft war jedoch schnell gefunden: «Noch auf dem Krankenbett bat ich die Krankenschwester, mir einen Stift und einen Block zu reichen.» Schon früher habe er viel geschrieben, vor allem Reportagen. In jener Zeit nach dem Unfall sei das Schreiben für ihn zu einer Art Therapie geworden. Und so entstanden bald Gedichtbände, Erzählungen und Sachbücher. Bis heute hat Kurt Haberstich rund 30 Bücher veröffentlicht.

Lobende Worte vom Landammann

Mit seinen Büchern – zumindest denen, die er dem Appenzellerland widmet – will Haberstich den Innerrhodern, die ihm stets viel Wertschätzung entgegengebracht hätten, etwas zurückgeben. Im Buchladen in Appenzell wurde er schon als «der berühmteste Appenzeller mit dem Aargauer Dialekt» tituliert. Und auch der Landammann höchstpersönlich fand lobende Worte – sowohl an der Buchvernissage von «Meglisalp» als auch im Vorwort zum Büchlein. «Das ist für mich eine besondere Ehre, und motiviert mich, immer weiter zu machen», so Haberstich.

Mit Klettern hat der ehemalige Extrembergsteiger heute nichts mehr am Hut. Die Liebe zu den Bergen ist aber geblieben, und trotz teilsteifem Fuss ist Haberstich immer noch viel in den Bergen unterwegs, wenn auch mit der nötigen Vorsicht. «Meine Sturm-und-Drang-Jahre habe ich hinter mir», sagt er und lacht.