Interview

33 Jahre lang führte Olivia Langer mit ihrem Mann das Gasthaus zum Trauben in Weinfelden – jetzt geht sie in Pension

«Das Feuer brannte bei uns von Anfang an und ist bis jetzt noch nicht erloschen»: Die Wirtin der Traditionsbeiz über ihr Lieblingsessen, ihre Pläne für die Pension und Barbara Streisand.

Florian Beer
Hören
Drucken
Teilen
«Ich freue mich auf einen unverplanten und spontan gestalteten Tag.» – Olivia Langer über die Pension.

«Ich freue mich auf einen unverplanten und spontan gestalteten Tag.» – Olivia Langer über die Pension.

Bild: Andrea Stalder

Was hat Sie vergangene Woche beschäftigt?

Die Stellensuche für einige unserer Mitarbeiter. Für mich sind sie mehr als bloss Angestellte. Deshalb ist es meinem Mann und mir ein grosses Anliegen, unsere treuen Leute wieder in guten Händen zu wissen.

Was macht das Gasthaus zum Trauben einzigartig?

Das Gasthaus zum Trauben ist in vielerlei Hinsicht ein Unikat. Die Geschichte und der Platz sind auf jeden Fall speziell. Bereits im Jahr 1398 stand an der gleichen Stelle ein kleines Wirtshaus. Hier wurden später über die Probleme der Thurgauer Politik debattiert. Das Wirtshaus, wie wir es heute kennen, wurde 1649 gebaut. Seit 33 Jahren sind mein Mann und ich die Pächter des «Traubens». Mein Mann absolvierte bereits seine Kochlehre hier. Und zu guter Letzt machen natürlich unsere vielen treuen Gäste unser Wirtshaus zu einem ganz besonderen Ort.

Was ist das Wichtigste in der Gastronomie?

Feuer und Flamme, in wahrstem Sinne des Wortes. Man muss in dieser Branche für den Beruf brennen, denn ohne Freude daran hält man die stressigen Zeiten nicht aus. Das Feuer brannte bei uns von Anfang an und ist bis jetzt zum Glück auch noch nicht erloschen.

Zur Person

Olivia Langer ist am 29. August 1958 zur Welt gekommen. Sie wuchs in den Kantonen Luzern und Schaffhausen auf. Sie erfüllte sich ihren Traumberuf aus der Kindheit, indem sie sich zur Damenschneiderin ausbilden liess. Als sie ihren Mann Jürg kennen lernte, der bereits seine Kochlehre im «Trauben» in Weinfelden absolvierte, zog es sie gemeinsam in die Gastronomie. Seit 1986 ist das Ehepaar Pächter des historischen Wirtshauses, das 2012 renoviert wurde. Olivia Langer ist Mutter von zwei erwachsenen Töchtern und lebt in Weinfelden.

Welches ist Ihr Lieblingsessen?

Kulinarisch habe ich es gerne unkompliziert, schätze aber selbstverständlich ein feines Essen in gemütlicher Runde. Im Alltag esse ich am liebsten Spätzli, Risotto und Pasta. Der Feinschmecker in unserem Haus ist mein Mann.

Wonach schmeckt Glück für Sie?

Den Geschmack des Glücks verbinde ich mit einem guten Glas Wein, das man gemeinsam mit Familie oder Freunden geniesst. Ich hoffe, dass in nach meiner Pensionierung mehr Zeit und Musse für solche Momente sein wird. Darauf freue ich mich.

Wenn Sie den Thurgau verlassen müssten, wohin würde es Sie ziehen?

Ich würde gerne in der Schweiz bleiben. Auf jeden Fall wäre es eine Stadt. Luzern, Schaffhausen und Bern könnte ich mir alle gut als neuen Wohnsitz vorstellen. Wenn ich so daran denke, müsste ich wohl verschiedene Wohnsitze haben. Mit den kurzen Anfahrtswegen wären wir jederzeit an einem hübschen ruhigen Plätzchen und auch schnell wieder im Thurgau.

Was ist Ihr Lieblingsort im Thurgau?

Definitiv Weinfelden. Die Stadt ist zur Heimat von meinem Mann und mir geworden. Die Menschen hier machen es aus, warum wir uns hier so wohl fühlen. Die Begegnungen geben mir sehr viel und machen Weinfelden zur Heimat.

Haben Sie ein Morgenritual?

Ich starte den Tag meistens mit einer Tasse Kaffee und einem Gipfeli bei uns im Erker. Wenn ich so dasitze, lasse ich mir in Ruhe den bevorstehenden Tag durch den Kopf gehen. Aber so gut ein Tag auch vor- und durchdacht wird, es warten doch an jeder Ecke neue Überraschungen, die jeden Tag zu einem spannenden Erlebnis machen.

Womit tanken Sie Energie?

Ich spaziere gerne mit meinem Mann Jürg in der Natur durch den schönen Thurgau. Ich brauche aber ab und zu auch Zeit für mich alleine, um bei einem Spaziergang alleine einfach etwas den Gedanken nachzugehen. Neben der Natur hilft mir die Musik, den Kopf freizubekommen und meine Batterien mit neuer Energie aufzuladen. Musik höre ich ganz bewusst und oft noch ganz altmodisch auf einer CD. Das ist in Zeiten von Streaming ja schon fast etwas Aussergewöhnliches.

Worauf freuen Sie sich am meisten an einem freien Wochenende?

Unser Alltag ist oft stressig, eine Arbeit jagt die nächste. Deshalb freue ich mich sehr auf einen mal unverplanten und spontan gestalteten Tag. Mein Mann und ich sind zwei sehr aktive Menschen, deshalb mögen wir auch ab und zu einen ausgefüllten und intensiven Sonntag, zum Beispiel mit einem Besuch oder einer Einladung von Freunden, einem kulturellen Programm, einem Wanderausflug in die Berge oder mit dem Velo den Thurgau zu erkunden.

Die freien Wochenenden werden als Rentner bald eine andere Qualität haben, auf die ich mich jetzt schon freue.

Was liegt auf Ihrem Nachttisch?

Auf meinem Nachttisch liegen zwei bis drei Bücher und das Magazin Bioterra. Ich bin eine richtige Leseratte und lese oft die Bücher parallel. Je nach Stimmung greife ich zu dem entsprechenden Buch. Nach einem anstrengenden Tag lässt die Konzentration aber abends natürlich nach. Deshalb brauche ich oft lange, bis die Bücher gelesen sind.

Was war Ihr erster Traumjob?

Schon als kleines Mädchen wollte ich immer Damenschneiderin werden. Diesen Traum habe ich mir schliesslich auch erfüllt. Ich stellte mir immer vor, eines Tages in einem Stadttheater zu nähen oder Modezeichnerin zu werden. Ich trauere diesem künstlerischen Weg aber nicht nach, sondern bin sehr glücklich im «Trauben». Hier kann ich mich ja auch künstlerisch eingeben.

In welchem Beruf wären Sie eine Fehlbesetzung und warum?

Ich wäre eine ganz schlechte Versicherungsfachfrau geworden – ich kann nämlich überhaupt nicht rechnen! Glücklicherweise haben mein Mann und ich unsere Aufgaben ganz strikt in Buchstaben und Zahlen getrennt. Das hat ganz gut funktioniert. Hätte ich den Bereich der Zahlen übernommen, wäre das sehr schnell nicht mehr aufgegangen. (lacht)

Welcher war der prägendste Moment in Ihrem Leben?

Die Geburt unserer beiden Töchter. Ein Neugeborenes verändert alles! Und das ist wunderbar.

Stellen Sie sich vor, Sie veranstalten ein Abendessen und dürfen dazu drei Personen einladen – lebendig oder tot. Wer bekommt alles eine Einladung?

Herbert Grönemeyer, Nelson Mandela, die britische Modedesignerin Vivienne Westwood. Das wäre ein sehr kurzweiliger, total kreativer und hochspannender Abend! Ich frage mich, wie die drei wohl aufeinander eingehen würden. Grönemeyer, Mandela und Westwood üben auf mich eine grosse Faszination aus. Zwar kenne ich ihre Biografien nicht im Detail. Vielleicht landet eine ihrer Biografien bald auf meinem Bücherstapel neben dem Nachttisch neben mir.

Wie lautet der Filmtitel zu Ihrem Leben und wer spielt Sie?

Die Überschrift auf dem Kinoplakat lautet: «Don’t worry, be happy!» Das finde ich ein tolles Motto und passt zu mir. Gespielt werde ich von Barbra Streisand.