30 Prozent der St.Galler Coronafälle sind auf Rückkehrer aus dem Ausland zurückzuführen

Die Kantone St.Gallen und Thurgau sind bei Quarantänekontrollen von Rückkehrern aus Risikogebieten auf Stichproben des Bundes und die Gewissenhaftigkeit der Bevölkerung angewiesen. Daten vom Grenzwachtkorps erhalten die Kantone keine, da am Zoll keine Personalien aufgenommen werden.

Philipp Wolf
Drucken
Teilen
Am Flughafen Zürich weist ein Plakat auf die obligatorische Quarantäne bei der Einreise aus bestimmten Ländern hin.

Am Flughafen Zürich weist ein Plakat auf die obligatorische Quarantäne bei der Einreise aus bestimmten Ländern hin.

Bild: Alexandra Wey, Keystone
(21. Juli 2020)

Viele Ostschweizerinnen und Ostschweizer reisen in diesen Tagen ins Ausland in die Ferien. Trotz Coronapandemie und der damit verbundenen volatilen Risikoeinschätzung für die verschiedenen Reiseländer – derzeit gibt es deren zweiundvierzig. Und obwohl sich Rückkehrer aus diesen Gebieten in eine zehntägige Quarantäne begeben. Doch wie können Kantone kontrollieren, dass sich Heimkehrer aus Risikoländern an die Quarantänepflicht halten? Und inwiefern hilft ihnen das Grenzwachtkorps beim Erfassen von Rückkehrern aus Risikogebieten?

Wie sich herausstellt, hilft es den Kantonen gar nicht. Wie Simon Erny, Mediensprecher der Eidgenössischen Zollverwaltung, auf Anfrage mitteilt, werden die Daten der Personen an der Grenze nicht erfasst – folglich gibt es auch nichts an die Kantone weiterzuleiten. Erny sagt:

«Stellen wir im Rahmen einer Kontrolle fest, dass eine Person aus einem Land mit erhöhtem Ansteckungsrisiko einreist, weisen wir sie auf die Quarantänebestimmungen hin und dass sie sich beim Kantonsarzt melden muss.»

Noch keine Bussen gegen St.Galler Rückkehrer aus Risikoländern

Die Kantone setzen bei der Kontrolle von Rückkehrern aus Risikoländern derweil darauf, dass sich Personen, freiwillig registrieren und auf Stichproben des Bundes. Das Bundesamt für Gesundheit wird den Kantonsärztlichen Diensten zu diesem Zweck sporadisch Passagierlisten von aus Risikoländer eingereisten Personen zustellen.

Markus Wehrli, Mediensprecher der St.Galler Staatskanzlei, sagt, es werde eine Busse geprüft, falls sich diese Personen nicht aktiv innert 48 Stunden beim Kanton gemeldet hätten. Für die Überprüfung ist das Team Contact-Tracing zuständig. Und Wehrli fügt an:

«Grundsätzlich gilt: Falls sich eine Person nicht an die bestehenden Auflagen hält, wird eine Busse ausgestellt.»

Vermehrt positive Fälle in Zusammenhang mit Rückreisen aus dem Ausland

Bisher habe der Kanton St.Gallen noch keine Bussen aussprechen müssen und die meisten Personen, die kontaktiert worden sind, seien sehr kooperativ, so Wehrli weiter. Derweil steigen die Coronafällen bei St.Galler Rückkehrern. Wehrli sagt:

«Wir stellen fest, dass wir vermehrt positive Fälle haben, die in direktem Zusammenhang mit Rückreisen aus dem Ausland stehen.»

Aktuell handle es sich dabei um rund 30% aller neuen positiven Fälle im Kantons, sagt Wehrli weiter.

Fallzahlen steigen weiter

Mal sind es 7, mal 11, mal 6, mal 0, mal 4, mal 9: Seit Anfang Juli steigen die Neuinfektionen im Kanton St.Gallen kontinuierlich an. Gestern Freitag waren es fünf mehr als am Vortrag. Damit stiegen die bestätigten Covid-19-Infektionen im Kanton auf insgesamt 974 an. Ist der stete Anstieg beängstigend? Werden St.Gallerinnen und St.Galler nachlässig? Der Kanton mag sich auf keine derartigen Interpretationen einlassen. Er spricht von einer «konstanten Spannweite» der neuen Fälle. Weitere Massnahmen hat die Bevölkerung derzeit nicht zu befürchten. Diese beschliesst die Regierung flächendeckend für den ganzen Kanton erst dann, wenn über mehrere Tage 30 bis 40 Neuansteckungen hinzukommen. Auf die Frage, ob sich die neuen Fälle aufs ganze Kantonsgebiet verteilen oder sich regionale Hotspots ausmachen lassen, heisst es: «Die Ansteckungen verteilen sich aufs ganze Kantonsgebiet. In den Ballungszentren sind die Fallzahlen etwas höher als auf dem Land, was sich mit der höheren Bevölkerungsdichte gut erklären lässt. Es gibt zurzeit aber keine Hotspots in Clubs, Bars oder Läden.» (rw)

Quarantänekontrollen sind wie Verkehrskontrollen

Miriam Hetzel vom Informationsdienst des Kantons Thurgau nennt keine konkreten Zahlen zu Coronaansteckungen im Zusammenhang mit Rückkehrern nennt. Stattdessen vergleicht sie die Situation der Quarantänekontrollen mit Verkehrskontrollen. Auf einer 80er-Strecke dürfen alle höchstens 80 Kilometer pro Stunde schnell fahren, aber kontrollieren, ob das wirklich eingehalten werde, könne man nur stichprobenartig mit Verkehrskontrollen. Hetzel sagt:

«Ähnlich ist es bei der aktuellen Ausgangslage beim Kontrollieren der zehntägigen Quarantäne für Rückkehrer aus Risikoländern.»

Kürzlich erhielt der Kanton Thurgau zwei Passagierlisten vom Bund, und alle darauf aufgeführten Thurgauerinnen und Thurgauern seien ordnungsgemäss registriert gewesen, schreibt FM1Today.

Die Kantonspolizei Thurgau wird nur auf Anzeige des Gesundheitsamts tätig

Entstünde durch die zur Verfügung stehenden Daten hingegen der Verdacht, dass Personen ihrer Meldepflicht gegenüber der kantonalen Behörde nicht nachgekommen sind, so werde man aktiv, sagt Hetzel. Wie in St.Gallen werden diese Personen im Thurgau dem Contact Tracing des Kantons gemeldet und zeitnah kontaktiert. Dabei werden sie auf ihr Versäumnis und die rechtlichen Rahmenbedingungen mit möglichen Bussen bis 10'000 Franken hingewiesen. Hetzel sagt:

«Dabei behält sich der Kantonsärztliche Dienst vor, die Massnahmen polizeilich durchsetzen zu lassen und allenfalls die Verletzung der Meldepflicht schriftlich bei der Polizei zur Anzeige zu bringen.»

Die Kantonspolizei Thurgau wird derweil nur aktiv, wenn eine Anzeige des Gesundheitsamts eingeht. Hinweise aus der Bevölkerung würden ans Thurgauer Contact-Tracing weitergeleitet, sagt Mediensprecher Daniel Meili auf Anfrage. Anzeigen seitens des Gesundheitsamts sind ihm keine bekannt. So ist davon auszugehen, dass im Kanton Thurgau noch keine Bussen gegen Rückkehrer aus Risikoländern verfügt worden sind.

Aktuelle Nachrichten