30 Jahre als Hauswarte: Sie hatten alle Bücher der St.Galler Stiftsbibliothek in der Hand

Über dreissig Jahre haben Lucia, Nicolo und Giuseppe Ficarra als Hauswarte im St.Galler Stiftsbezirk gearbeitet.

Nina Rudnicki
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Ende Juli wurde die Hauswartfamilie Ficarra nach langjähriger Tätigkeit im Stiftsbezirk St.Gallen verabschiedet. (Bild: Urs Bucher, 6. August 2019)

Ende Juli wurde die Hauswartfamilie Ficarra nach langjähriger Tätigkeit im Stiftsbezirk St.Gallen verabschiedet. (Bild: Urs Bucher, 6. August 2019)

Braun gebrannt stehen Lucia, Nicolo und Giuseppe Ficarra vor dem Eingang der Stiftsbibliothek. Sie sind gerade aus den Ferien in ihrer alten Heimat Sizilien heimgekehrt. «Unser richtiges Zuhause ist aber mittlerweile St.Gallen, vor allem der Stiftsbezirk», sagt Lucia Ficarra. Zusammen mit ihrem Mann Nicolo hat sie während 30 Jahren als Hauswartin in der katholischen Kantonssekundarschule Meitli-Flade und im Stiftsbezirk gearbeitet. Ihr Schwager Giuseppe Ficarra war als Hauswart sogar 34 Jahre lang im Klosterschulhaus Buebe-Flade und in der Stiftsbibliothek angestellt. Ende Juli sind sie nun in Pension gegangen.

Im Stiftsbezirk kennen die drei jeden: Die Mitarbeitenden des Kloster-Bistros genauso wie die Ticket-Kontrolleurin am Eingang der Stiftsbibliothek. Und nach einer kurzen Rückfrage im Büro der Stiftsbibliothek dürfen sie diese, ziemlich unkompliziert, für ein Foto mit dem Fotografen betreten. Drinnen drängen sich die Touristen vor den vergitterten Regalen mit den jahrhundertealten Büchern.

«Eine ganz schöne Arbeit ist das»

«Die Bücher haben wir alle schon einmal in der Hand gehalten. Aber natürlich mit Handschuhen, um sie abzustauben», sagt Lucia Ficarra. Jedes Buch sei alle drei Jahre einmal an der Reihe, ergänzt Giuseppe Ficarra.

«Eine ganz schöne Arbeit ist das. Und den Boden haben wir auch regelmässig poliert.»

Später erzählen die Ficarras bei einem kalten Getränk im Kloster-Bistro, wie sie die Stelle als Hauswarte bekamen. Diese sei die Traumstelle schlechthin gewesen. «Es gab keinen Tag, an dem ich nicht gerne hier gearbeitet habe», sagt Nicolo Ficarra und zieht sein Smartphone hervor. Er zeigt einige der zahlreichen Fotos, die er vom Abschiedsfest anlässlich ihrer Pensionierung geschossen hat. Darauf zu sehen sind die Schülerinnen der Meitli-Flade, die einen Tanz einstudiert haben und den Ficarras Rosen überreichen. «Abschied haben wir ein ganzes Jahr lang gefeiert und zusammen mit der Lehrerschaft jeden Monat etwas unternommen wie Wandern, Essen, Velofahren oder Schneeschuhlaufen», sagt Giuseppe Ficarra.

Er kam ursprünglich als Maurer in die Schweiz und arbeitete auf verschiedenen Baustellen. Über einen befreundeten Sizilianer in St.Gallen erfuhr er von der freien Stelle als Hauswart im Stiftsbezirk und bewarb sich zusammen mit seiner Frau. «Damals war es einfach, quer in diesen Beruf einzusteigen. Ich bin handwerklich begabt, das reichte aus», erzählt Giuseppe Ficarra. Allerdings habe er nach Antritt der Stelle verschiedene Kurse wie etwa in Materialkunde besuchen müssen. Als Giuseppe Ficarra von einer weiteren freien Arbeitsstelle als Hauswart in der Sekundarschule Meitli-Flade erfuhr, informierte er seinen Bruder, der zu dieser Zeit als Gipser arbeitete und die Stelle im Stiftsbezirk ebenfalls gemeinsam mit seiner Frau bekam.

Vor 18 Jahren verstarb Giuseppe Ficarras Frau nach schwerer Krankheit. In dieser Zeit begann der mittlerweile 65-Jährige, Salsa zu tanzen. Bis heute gehört der lateinamerikanische Tanz nebst dem Velofahren, Wandern und Reisen zu seinen liebsten Hobbys. «Ich merkte damals einfach, wie gut mir diese Bewegung tat», sagt er.

Kuba, Taiwan und Thailand

Die Hobbys teilt Giuseppe Ficarra mit seinem Bruder und seiner Schwägerin. Die beiden sind 63 und 62 Jahre alt. Wegen seiner Rückenprobleme entschied sich Nicolo Ficarra, etwas früher in Pension zu gehen. Ihre freie Zeit möchten nun alle drei für Reisen in ferne Länder nutzen. Kuba, Taiwan und Thailand sind nur einige Destinationen, von denen sie träumen. Und dann sind da noch die Kinder und Enkelkinder, die alle in der Region leben.

Ihre Wohnungen im Stiftsbezirk haben die Ficarras mit ihrer Pensionierung verlassen müssen. «Nach so vielen Jahren war das schon ein schwerer Schritt für mich, obwohl ich das schon lange wusste», sagt Lucia Ficarra. «Wir haben allerdings alle etwas Passendes im Zentrum gefunden.» In ihr Ferienhaus in Sizilien zu ziehen, kommt für die Ficarras hingegen nicht in Frage. «Dabei haben wir es ursprünglich einmal genau dafür gekauft», sagt Giuseppe Ficarra und ergänzt: «Wir alle dachten, wir würden einige Jahre als Saisonniers in der Schweiz arbeiten und dann nach Hause zurückkehren. Nie hätten wir erträumt, dass wir uns einmal mit der Ostschweiz so verbunden fühlen würden.»