Weesen

26 Bäume illegal gefällt: Kanton rügt Gemeinde, Staatsanwaltschaft leitet Strafverfahren ein

Für eine Luxusüberbauung am Walensee wurden in der Gemeinde Weesen 26 geschützte Bäume gerodet. Die illegale Abholzung beschäftigt Monate später die St.Galler Regierung und die Staatsanwaltschaft.

Noemi Heule
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Der Blick auf den Walensee ist eines von vielen Verkaufsargumenten für die Wohnungen der Luxusüberbauung «Lake Shore».

Der Blick auf den Walensee ist eines von vielen Verkaufsargumenten für die Wohnungen der Luxusüberbauung «Lake Shore».

Bild: Imagebroker

«Inmitten einer idyllischen Parkanlage in Weesen, direkt am Walensee, liegt die Luxus-Überbauung ‹Lake Shore›.» Mit diesen Worten beginnt das Verkaufsinserat für ein «Luxusatelier». Kostenpunkt für das Zimmer mit Parkplatz: 450'000 Franken. Verkäuferin und Bauherrin ist die Immobilienfirma Palme d'Or. Sie trumpft weiter auf : «Das Parkparadies mit vielen alten und neuen Bäumen lädt ein zum Verweilen und um Kraft zu tanken.»

Sätze mit einem zynischen Beigeschmack, denn die kraftspendenden Bäume sind gefällt. Illegal.

90-jährige Blutbuchen gefällt

Im November machte der «Blick» die Abholzung publik. Er titelte: «Fast 30 Bäume illegal abgeholzt!». Und er erzählte die Geschichte von Hans Oskar Kurfürst, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs aus Österreich in die Schweiz kam, in Herisau als Arzt amtete und sich in Weesen in einer herrschaftlichen Villa mit Umschwung niederliess. Dem Kurfürstenpark.

Das Wohnhaus im Bauhausstil steht nach wie vor, ein Teil des Parks musste der 2020 fertig gestellten Überbauung Lake Shore («Wohnen, wo andere Urlaub machen») weichen. Mit dem Neubau verschwanden auch die eigentlich geschützten Bäume, darunter 90-jährige Blutbuchen. «Wir haben den Bäumen sogar Namen gegeben», lässt der «Blick» den Enkel des einstigen Erbauers sagen, der selbst die ersten Lebensjahre im Kurfürstenpark verbrachte.

Regierung zur Rede gestellt

Der Artikel blieb nicht unbeachtet. SP-Kantonsrätin Bettina Surber richtete sich mit einer einfachen Anfrage an die St.Galler Regierung. Ihr Tenor: «Wie konnte das passieren?» Und: «Was kann der Kanton dagegen unternehmen?»

Es hätte nicht passieren dürfen, antwortet die Regierung zusammengefasst, nachdem sie die Kette von Missständen nachzeichnet. Der Kurfürstenpark ist gleich mehrfach geschützt: Er ist unter anderem in der kommunalen Schutzverordnung als Kulturgut aufgeführt und im im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) erfasst. Die kantonale Denkmalpflege stuft die Villa mit Park als Baudenkmal von kantonaler Bedeutung ein. Sie muss für Eingriffe an Villa oder Park ihr Einverständnis geben. Das hat sie in drei Fällen getan. Gerodet wurden aber 26 geschützte Bäume.

Plötzlich waren die Bäume weg

Der Kanton gibt den Schwarzen Peter weiter an die Gemeinde. Sie hätten, nachdem die Bauarbeiten ohne Einwilligung der Denkmalpflege startete, einen sofortigen Baustopp erlassen oder zumindest die Baumfällung stoppen müssen. «Die Organe des Kantons sind nicht befugt, im Baubewilligungsverfahren gegenüber der Bauherrschaft baupolizeiliche Massnahmen oder Restriktionen zu erlassen», heisst es im Schreiben der Regierung.

Die Gemeinde habe zwar wiederholt mit einem Baustopp gedroht, weil die Auflagen in der Planung noch nicht berücksichtigt worden seien. Sie habe es aber versäumt, den Stopp mit allen verfügbaren Rechtsmittel durchzusetzen.

Und die 1745-Seelen-Gemeinde? Sie will vom Kahlschlag im Kurfürstenpark zwischen April und September 2019 nichts mitbekommen haben, wie die Behörde gegenüber dem «Blick» sagte. Sie sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Gleiches macht die kantonale Denkmalpflege geltend, die anschliessend wieder eingeschaltet worden sei. Beide setzten sich gemäss Regierungsschreiben im Oktober 2019 für eine «nachträgliche Schadensminderung» ein.

Neue Bäume und eine mögliche Busse

Die Konsequenzen? Per Widerherstellungsverfügung muss die Bauherrin Palme d'Or, eine Aktiengesellschaft mit Sitz in Wollerau, die gefällten Bäume bis Ende März 2021 durch neu gepflanzte ersetzen. Das dürfte eigentlich ins Konzept der Bauherrschaft passen, schreibt sie doch in der Beschreibung der Überbauung Lake Shore: «Es ist ein wahres Naherholungsgebiet mit einer 30‘000 m² grossen Gartenoase direkt vor Ihrer Haustür.»

Ganz so malerisch sind die Aussichten an der Walensee-Riviera jedoch nicht. Denn auch strafrechtliche Konsequenzen sind möglich. Mit Blick auf die Weesner Gemeindebehörde schreibt die St.Galler Regierung: «Zur Einreichung einer strafrechtlichen Anzeige ist insbesondere die politische Gemeinde aufgefordert.»

Nach der Berichterstattung im Blick wurde die St.Galler Staatsanwaltschaft allerdings selbst aktiv, bestätigt Mediensprecherin Beatrice Giger. Ein Strafverfahren ist in Gang. Die illegale Abholzung könnte die Bauherrschaft bis zu 30'000 Franken kosten.