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Ostschweizer Gletscher schmelzen rasant: 2030 ist der Pizol eisfrei

Die Wissenschaft sucht Ideen, um die grossen Gletscher zu retten. Derweil schmelzen die kleinen in der Ostschweiz stetig vor sich hin.
Regula Weik, Christoph Zweili
Der Pizolgletscher schmilzt - Aufnahme von 2006. (Bild: Schweizerisches Gletschermessnetz)

Der Pizolgletscher schmilzt - Aufnahme von 2006. (Bild: Schweizerisches Gletschermessnetz)

Gletscher beschneien, um sie zu retten – eine schräge Idee? Oder ein wirkungsvolles Vorgehen? Gibt es überhaupt die notwendigen Techniken dafür? Die Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Chur hat Anfang Juni bei der Schweizerischen Agentur für Innovationsförderung exakt dazu ein Projekt eingereicht. «Bodenunabhängiges Beschneiungssystem» heisst die Idee zur Gletscherrettung. 2,5 Millionen Franken kostet das Projekt, 30 Monate soll es dauern. Innosuisse übernimmt die Hälfte der Kosten.

Matthias Huss.

Matthias Huss.

«Bis zum Einsatz für die Gletscherrettung ist es allerdings noch ein weiter Weg», sagt der ETH-Glaziologe Matthias Huss, Leiter des Schweizer Gletschermessnetzes. Er steht den Ideen, den Gletscherschwund technisch zu verlangsamen skeptisch gegenüber. «Auch wenn ein positiver Effekt für die Gletscher erzielbar sein dürfte, sind die Kosten gewaltig.» Selbst der Glaziologe räumt ein:

«Ein Gletscher ist zwar schön, doch sein monetärer Wert ist gering.»

«Bis zum Ende des Sommers
 kann sich noch viel ändern»

Der Hitzesommer 2018 hat den fünf Ostschweizer Gletschern besonders zugesetzt. Schon heute ist klar, sie werden verschwinden. Die Frage ist nur, wann das sein wird. Huss und sein Team haben sich schon vor einem Jahr festgelegt: Demnach könnte der Pizolgletscher maximal noch rund zehn Jahre bis 2030 durchhalten; dasselbe gilt für den Sardonagletscher. Der Chligletscher soll es bis 2035 schaffen, der Glasergletscher (beide im Sarganserland) bis 2040 und der Blau Schnee am Säntis ebenfalls bis 2040 –sofern alle Werte konstant bleiben.

Die Daten zum Zustand in diesem Jahr werden erst im Oktober vorliegen. Der nordexponierte Pizolgletscher zählt zu den kleinsten im Land, gilt aber als repräsentativ für die andern Zwerggletscher in der Ostschweiz. Auf einer geringen Höhe von 2630 bis 2780 Metern über Meer gelegen, ist er besonders auf Schneefall angewiesen, um die Sommerschmelze kompensieren zu können. Dank des sehr schneereichen Winters in der Ostschweiz und dem ausserordentlich kühlen Mai, als auf den Gletschern noch weiterer Schnee dazukam, stünden die Gletscher bis jetzt trotz der Rekordtemperaturen Ende Juni relativ gut da, sagt Huss. Das könne sich bis zum Ende des Sommers «noch komplett ändern».

Der Pizolgletscher 2018 - zu sehen sind nur noch Toteisreste, begraben unter Schutt und Geröll. (Bild: Schweizerisches Gletschermessnetz)

Der Pizolgletscher 2018 - zu sehen sind nur noch Toteisreste, begraben unter Schutt und Geröll. (Bild: Schweizerisches Gletschermessnetz)

Jährlich wird am Pizolgletscher die Massenbilanz gemessen. Und die Länge: Der Pizolgletscher hat vergangenes Jahr fast 50 Meter an Länge verloren, was für die Grösse des Gletschers sehr viel ist. Rund 40 Prozent der verbleibenden Fläche (jetzt noch 0,037 Quadratkilometer) sind laut Huss zerfallen. Der Gletscher hat sich in kleine Toteisreste aufgeteilt, begraben unter Schutt und Geröll.

«Seit Beginn der Massenbilanz-Messungen im Jahr 2006 sind zwischen 80 und 90 Prozent des Eisvolumens verloren gegangen.»

Gletscher zeigen den
 Klimawandel für alle sichtbar auf

Was macht Gletscher in Zeiten des Klimawandels so interessant? «Sie sind wichtige Anzeiger, weil sie die Klimaänderung für jeden offensichtlich machen. Gletscher sind greifbar und sie sind ein Symbol für eine gesunde Bergwelt. Ihr massiver Rückgang zeigt eindrücklich auf, was passiert», sagt Huss. Allerdings reagierten Gletscher stets mit Verzögerung auf die Veränderung des Klimas: In einem einzelnen Hitzesommer schmölzen sie zwar stark, verschwänden aber natürlich nicht vollständig.

«Erst wenn sich das Klima vollständig ändert, zeigt sich die volle Wirkung auf den Gletscher.»

Die Idee, einen Gletscher lokal zu beschneien, stellt einige Herausforderungen. «Die Installation herkömmlicher Schneelanzen ist aufgrund der Bodenbeschaffenheit nicht möglich. Wir bewegen uns in Permafrost- und Gletschergebieten», sagt Dieter Müller, stellvertretender Projektleiter. So sei die Idee eines «bodenunabhängigen Beschneiungssystems» aufgekommen. Es sollen Seile mit Schneeerzeugern über den Gletscher gespannt werden. Bloss: Das System gibt es noch nicht.

«In den nächsten zehn Monaten geht es darum, die notwendige Technologie zu entwickeln», sagt Müller denn auch. Wie umweltschonend ist das Pilotprojekt überhaupt, wenn künstlich Schnee erzeugt wird? Es werde mit Schmelzwasser gearbeitet, sagt Müller. Für den Wassertransport und die Schneeerzeugung solle möglichst keine elektrische Energie notwendig sein. Mit im Boot sind denn auch das Flumser Seilbahnunternehmen Bartholet Maschinenbau AG und der Luzerner Schneebearbeitungs- und Beschneiungsspezialist Bächler Top Track AG sowie drei weitere Fachhochschulen (Buchs, Luzern, Nordwestschweiz) als Forschungspartner.

Gletschereis beschneien, um
 Skibetrieb zu gewährleisten

Der erste Feldversuch wird nächsten Sommer im Oberengadin gestartet. Ob auf dem Morteratsch-Gletscher oder im Skigebiet Corvatsch ist noch offen; letzteres hat Interesse angemeldet – aus touristischen Überlegungen. «In Skigebieten müssen vermehrt Zonen mit Permafrost und Gletschereis beschneit werden, um den Skibetrieb gewährleisten zu können», schreibt die Churer Fachhochschule. Kontakte hatten die Projektverantwortlichen bereits bis in den Himalaya; dort seien die Gletscher wichtige Trinkwasserlieferanten, daher das Interesse am bodenunabhängigen Beschneiungssystem.

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