115 Dezibel gegen Angreifer

Im Kampf gegen Belästiger und Vergewaltiger setzt der Kanton Basel-Stadt auf einen Schrillalarm. In der Ostschweiz löst das kleine, aber laute Gerät unterschiedliche Reaktionen aus.

Gjon David
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Schauplatz Ost - Schrillalarm

Schauplatz Ost - Schrillalarm

Der Schrillalarm ist ein kleines handliches Gerät, das locker in die Hosentasche passt. Es sieht zwar harmlos aus, ist aber eine wahre Heulsirene. In dem grauen Plastikkästchen steckt ein Stift. Zieht eine Person den Auslöser-Stift heraus, erschallt ein 115 Dezibel lautes Geheule. Der Lärm ist in etwa gleich laut, wie wenn man einen Meter neben einer Kettensäge steht.

Den Angreifer ablenken

Die Basler Polizei gibt ab sofort Schrillalarme kostenlos an die Bevölkerung ab. Mit ihrer Hilfe sollen sich Baslerinnen und Basler in Zukunft vor Belästigungen und Angriffen schützen. Das Prinzip ist einfach: Fühlt sich eine Person am Abend auf dem Heimweg bedrängt oder bedroht, aktiviert sie den Alarm, wirft das kleine, graue Gerät auf den Boden und rennt weg. Der laute Ton soll den Angreifer vom Opfer ablenken, so die Überlegung.

In der Ostschweiz löst der Schrillalarm unterschiedliche Reaktionen aus. «Die Kantonspolizei Thurgau plant derzeit keine Abgabe dieser Geräte an die Bevölkerung», sagt Mediensprecher Ernst Vogelsanger. Die Ausserrhoder Kantonspolizei ist nicht grundsätzlich abgeneigt, doch der Einsatz dieser Geräte müsse im Zusammenhang mit einer Informationskampagne für die Nutzer stehen. Für Mediensprecher Ueli Frischknecht sind die elektronischen Geräte eher in dicht besiedelten Gebieten sinnvoll. Trotzdem ist er überzeugt, dass die sichtbare Präsenz der Polizei die wirksamste Methode der Prävention sei.

Finanzielle Mittel fehlen

Bei der Kantonspolizei St. Gallen ist nicht vorgesehen, solche Geräte der Bevölkerung abzugegeben. «Dafür fehlen uns die finanziellen Mittel. Die Wirkung einer flächendeckenden Verteilung würde der Kantonsrat in Frage stellen», sagt Mediensprecher Hanspeter Krüsi.

Auch in Appenzell Innerrhoden verteilen die Polizisten keine Schrillalarme. «Wenn sich aber jemand bei uns meldet, werden diese Personen persönlich beraten», sagt Mediensprecher Paul Broger. Die kleinen Geräte seien eine Möglichkeit, um sich vor Angriffen zu schützen. «Eine andere Möglichkeit ist natürlich ein Pfefferspray.»

Heinz Stricker glaubt hingegen nicht an die Wirkung solcher Schrillalarme. Der Geschäftsführer von Shooters Waffen, einem Waffenladen in St. Gallen, geht nicht davon aus, dass sich die kleinen Geräte bewähren. «Wir haben in der Stadt St. Gallen ein solches Gerät getestet. Wir waren schockiert. Kein Mensch hat sich auch nur umgedreht. Es fand keine Beachtung.» Die Passanten seien eher genervt gewesen, sagt Stricker. «In der heutigen Gesellschaft, in der Lärm aus allen Ecken zu hören ist und die Menschen hauptsächlich unter grossem Stress und Druck umherlaufen, beachtet kein Passant die laute Sirene.»

Appell an die Vernunft

Marco Liechti, Ressortchef Kriminalprävention und für das Projekt in Basel verantwortlich, stellte vergangene Woche die ungewöhnlichen Massnahmen der Öffentlichkeit vor. Als sich Kritik laut machte in Raum, sagte Liechti: «Jetzt kommen wieder die Pessimisten und sagen, bei einem Autoalarm drehe sich auch niemand um. Aber wenn eine Frau vergewaltigt wird, dann reagieren die Leute schon.» Ihm sei bewusst, dass man mit dem kleinen Heuler auch viel Unfug anstellen kann. «Wir appellieren aber an die Vernunft der Leute.»

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