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«Oben wird getrickst und beschissen»: Ostschweizer Chauffeure verärgert über den Postauto-Skandal

Millionen-Betrügereien, mangelnde Kontrollen, Abgänge in der Chefetage: Postauto Schweiz kommt nicht aus den Negativschlagzeilen. Was sagen Chauffeure und Passagiere zum Skandal? Eine Fahrt durch die Ostschweiz.
Daniel Walt
Trügerische Idylle: Postauto Schweiz kämpft nach dem Subventionsskandal um sein Image. (Bild: Andrea Stalder)

Trügerische Idylle: Postauto Schweiz kämpft nach dem Subventionsskandal um sein Image. (Bild: Andrea Stalder)

«Früher war ich stolz, Postauto-Chauffeur zu sein. Das ist nicht mehr so.»

Das sagt ein Mann, der seit weit über 20 Jahren im Dienst von Postauto Schweiz steht. Er hat am St.Galler Hauptbahnhof gerade Pause. Mittlerweile bereut er es, einen Grossteil seines beruflichen Lebens im öffentlichen Dienst verbracht zu haben. Auslöser: Der Postauto-Skandal, der das Unternehmen seit Wochen in den Grundfesten erschüttert.

Über Jahre hinweg hat Postauto mehr als 100 Millionen Franken an Subventionsgeldern ertrogen. Dies, indem sie ihre Gewinne im Regionalverkehr kleinrechnete. Nie habe er geglaubt, dass so etwas in diesem Land möglich sei, sagt der Chauffeur. «Das ist ja wie in einer Bananenrepublik! Dabei war ich wirklich überzeugt, dass die Schweiz ein sauberer Staat ist.»

Der Mann ist auch überzeugt, dass sich im Skandal, anders als von Postauto Schweiz behauptet, gewisse Leute persönlich bereichert haben. Und er glaubt nicht, dass er noch lange für das Unternehmen arbeiten wird:

«Man wird ausgepresst wie eine Zitrone, es gibt Leute, die an einem Burnout erkranken. Und oben wird getrickst und beschissen.»

Der Mann beschreibt die Stimmung unter den Chauffeuren als miserabel.

Enttäuschung in der Idylle

Unsere Postauto-Fahrt durch die Ostschweiz beginnt am Morgen in Weinfelden. Mit der Linie 924 geht es via Birwinken und Lengwil an Rebbergen, Maisfeldern und Riegelhäusern vorbei in Richtung Kreuzlingen. Der Chauffeur steuert sein Fahrzeug durch Dörfer, in denen es weder einen Bahnhof noch einen Ortsbus gibt – das Postauto als Klammer, welche auch abgelegene Regionen mit den Zentren verbindet.

«Adie, schöne Tag no!» erwidert der Chauffeur freundlich den Gruss eines Passagiers, der aussteigt. Man kennt sich vielleicht nicht persönlich, aber die Wertschätzung ist spürbar: Der Chauffeur freut sich über jeden der Handvoll Passagiere, für die er durch Ortschaften wie Donzhausen oder Heimenhofen fährt (ist das allenfalls eine der Linien, die wirklich keinen Gewinn macht?). Und die Fahrgäste ihrerseits sind dankbar dafür, dass das Postauto pünktlich verkehrt – zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk.

Opfershofen, Leimbach, Donzhausen - durch diese Gemeinden fährt das Postauto von Weinfelden in Richtung Kreuzlingen. (Bild: Daniel Walt)

Opfershofen, Leimbach, Donzhausen - durch diese Gemeinden fährt das Postauto von Weinfelden in Richtung Kreuzlingen. (Bild: Daniel Walt)

Eine 63-jährige Frau aus Leimbach sagt: «Ich habe kein Auto und bin froh, dass es Postautos gibt.» Als Kind sei sie mit den Eltern manchmal per Postauto ins Glarnerland gefahren, das sei jeweils ein Ereignis gewesen. Von der Affäre zeigt sie sich enttäuscht – «aber heutzutage ist alles möglich». Dass Post-Chefin Susanne Ruoff ihr Amt wegen der Affäre mittlerweile los ist, findet sie folgerichtig.

«Dass sie aber noch ein halbes Jahr den Lohn bekommt, ist unfair. Sie hat ihren Job nicht richtig gemacht.»

Der Filz in der Schweiz

Am Bahnhof Kreuzlingen treffen wir einen 81-jährigen Mann, dem der Postauto-Skandal nach eigener Aussage «komplett wurscht» ist. «Ich zahle für mein SBB-Generalabo und habe nachher meine Ruhe. Und die Steuern muss ich ja sowieso zahlen, oder nicht?», sagt er und steigt ins Postauto nach Güttingen.

Eine differenziertere Meinung zum Postauto-Skandal hat Eugen Schläpfer. Der 60-Jährige aus Wolfhalden sagt:

«Solche Tricksereien sind doch gang und gäbe und passieren überall, wo Menschen arbeiten.»

Über die Affäre wird in seiner Familie und im Freundeskreis immer mal wieder diskutiert – sie zeige, dass es auch in der Schweiz einen gewissen Filz gebe, sagt Schläpfer. Langfristig Schaden nehmen wird das Image von Postauto Schweiz seiner Wahrnehmung nach nicht, denn: «Die Bevölkerung kommt ja vor allem mit jenen Postauto-Angestellten in Kontakt, die nichts für den Skandal können.»

«Eine Sauerei»

Hauptbahnhof St.Gallen, um die Mittagszeit – Hochbetrieb an der Postauto-Front. Ein gelber Wagen nach dem anderen fährt an den Perrons vor und nach wenigen Minuten wieder weiter – nach Engelburg und Eggersriet, nach Arbon und Heiden.

«Ich habe wegen dieser Affäre kein schlechteres Bild von Postauto Schweiz», sagt eine Passagierin, welche die Postautos als ein Stück Heimat bezeichnet. Es gebe viele gute Leute in diesem Unternehmen. Ex-Post-Chefin Susanne Ruoff tue ihr etwas leid. Denn es könne nicht sein, dass nur sie nun die Verantwortung für den Schlamassel übernehmen müsse.

Ganz anders sieht das eine Seniorin aus Wil, die gleich ins Postauto nach Stein steigen wird: «Frau Ruoff hat uns Frauen mit ihrem Wegschauen einen Bärendienst erwiesen», echauffiert sie sich. Und die Subventions-Betrügereien seien eine Sauerei:

«Die wollten uns doch alle für dumm verkaufen. Aber das erstaunt mich nicht bei dem ganzen Filz.»

«Als Bürger finde ich das eine traurige Geschichte», sagt ein Postauto-Chauffeur zu den Negativschlagzeilen über seinen Arbeitgeber. Die Leute in der Postauto-Konzernzentrale sassen seiner Wahrnehmung nach viel zu lange auf dem hohen Ross – «jetzt wurden sie runtergeholt.»

Ihn schockiert die «kriminelle Energie», die hinter dem Subventionsbetrug stecke und die er in dieser Form bei einem Schweizer Staatsbetrieb nicht für möglich gehalten habe. Der Mann stört sich vor allem auch daran, dass die Chauffeure für ihre Nacht- und Sonntagszulagen kämpfen müssen, während in der Teppichetage jahrelang mit Tricksereien gute Gewinne realisiert wurden. Dankbar ist er hingegen, dass die Bevölkerung sehr gut unterscheide zwischen den Leuten an der Front und den Chefs:

«Ich bin wegen des Subventionsbetrugs noch nie angezündet worden.»

Das bestätigt auch Postauto Schweiz: «Die Fahrerinnen und Fahrer hören während der Arbeit sehr wenige bis keine dummen Sprüche», erklärt Mediensprecher Urs Bloch. Den Chauffeuren bescheinigt er eine «professionelle und positive Einstellung zur Arbeit», an der auch die gegenwärtige spezielle Situation bei Postauto nichts geändert habe. Natürlich stelle sich das Personal Fragen zur Zukunft des Unternehmens sowie zur Zusammenarbeit mit den Kantonen, sagt der Postauto-Sprecher weiter. Postauto versuche das Personal offen und ehrlich zu informieren. Auch die Regionenleiter stehen den Angestellten bei Fragen zur Verfügung.

«... und dann betrügen sie sogar noch»

Von Herisau geht es weiter in Richtung Brunnadern. (Bild: Daniel Walt)

Von Herisau geht es weiter in Richtung Brunnadern. (Bild: Daniel Walt)

Weiter geht es im Postauto von St.Gallen in Richtung Stein und dann nach Herisau. Eine Klasse mit Kindern im Primarschulalter steigt zu – ihr Ziel: die Herisauer Badi. Die Betreuerin erkundigt sich beim Chauffeur, wo sie wegen einer Strassensperrung im Dorfzentrum mit den Kindern aussteigen muss. Der Chauffeur gibt ihr Auskunft – und informiert kurze Zeit später via Durchsage, dass die Gruppe nun doch noch etwas weiterfahren kann, weil die Strassensperrung mittlerweile aufgehoben worden ist.

Kundenfreundliche, zuvorkommende Leute wie er werden im Sturm des Postauto-Skandals von den Passagieren mehr denn je geschätzt. Für die Chefetage hingegen gibt es auch auf dieser Fahrt harte Worte: «Die kassieren einen riesigen Lohn und leisten nicht viel. Und wenn, dann betrügen sie sogar noch», sagt eine Frau aus Lustmühle.

Unternehmen wegen wenigen in Verruf

Mittlerweile sind wir mit Postauto-Linie 182 in Brunnadern angekommen. «Das Image von Postauto Schweiz hat sicher Schaden genommen», erklärt der Chauffeur. Man wisse halt nie, ob nicht auch die Buchprüfer geschmiert worden seien, damit über Jahre hinweg ungestört habe betrogen werden können. An der Endstation in Brunnadern setzt er sich ins Restaurant an den Schatten. Derweil wartet die 26-jährige Patrizia Ledergerber aus Gonten auf die Abfahrt. Sie sagt:

«Wenn man jetzt irgendwo ein Postauto sieht, kommt einem der Skandal in den Sinn.»

Ganz wenige Leute seien schuld daran, dass ein ganzes Unternehmen dermassen in Verruf geraten sei.

Waren auf der Hinfahrt nur vereinzelte Passagiere im Postauto, ändert sich das auf dem Rückweg: In St.Peterzell steigen gegen 30 Erst- und Zweitklässler zu – sie verwandeln das zuvor praktisch leere Postauto in ein Tollhaus. «Tütato, Postauto!» rufen sie immer wieder. Von den Millionen-Betrügereien, welche das Unternehmen seit Wochen erschüttern, wissen sie nichts. Zuverlässig und pünktlich geht es in Richtung Herisau. Ein Stück Postauto-Alltag in unruhigen Zeiten. Oder wie es ein Chauffeur am St.Galler Hauptbahnhof ausdrückt: «Wegen des Skandals ist kein einziger Kurs ausgefallen. Wir rollen weiter.»

Postautos - zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. (Bild: Daniel Walt)

Postautos - zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. (Bild: Daniel Walt)

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