Standortförderer Remo Daguati fordert im Streit um S-Bahn und wirtschaftliche Entwicklung: «St.Gallen braucht einen Marshallplan»

Ohne einen funktionierenden S-Bahn-Viertelstundentakt werde die Gallusstadt wirtschaftlich abgehängt, prognostiziert der FDP-Stadtparlamentarier. Seine Trumpfkarte ist ein neuer Stadtteil über den Gleisen in St.Fiden.

Christoph Zweili
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St.Fiden – die grosse Hoffnung: Mit einem neuen Stadtteil über den Gleisen auf bis zu 200'000 Quadratmetern liesse sich die wirtschaftliche DNA von St.Gallen verändern.

St.Fiden – die grosse Hoffnung: Mit einem neuen Stadtteil über den Gleisen auf bis zu 200'000 Quadratmetern liesse sich die wirtschaftliche DNA von St.Gallen verändern.

Bild: Michel Canonica

St.Gallen, einst die pulsierende Metropole der Ostschweiz, ist heute eine «lahme Ente»: Die Stadt verliert Steuersubstrat. Mehr noch: Sie zieht die Wirtschaftsentwicklung im Norden des Kantons herunter. Ohne Befreiungsschlag aus der Negativspirale drohe sie in die Bedeutungslosigkeit abzudriften. Remo Daguati malt schwarz. Rabenschwarz. Im schnellen Stakkato haut der ehemalige Chef-Verkäufer der Schweiz bei der damaligen Osec, heute Switzerland Global Enterprise, seine Botschaften raus.

Leeres Gerede ist das nicht. Der 44-jährige Stadtsanktgaller hat als Standortförderer über 350 Unternehmen überzeugt, in der Schweiz rund 4000 Arbeitsplätze zu schaffen. Darunter waren Grossprojekte wie Biogen Luterbach (800 Arbeitsplätze), Aldi Schweiz Schwarzenbach, Würth Rorschach, die Chipfabrik Sargans und andere mehr.

Im Kanton St.Gallen hat er von 2007 bis 2011 das Amt für Wirtschaft geleitet. Dann ging er nach Zürich. Seit 2016 betreut er als selbstständiger Berater für Standortförderung und Arealentwicklung Innovations- und Schlüsselstandorte. Das sind Areale von 50'000 bis zu 70'0000 Quadratmetern entlang der Neatachsen, in der Zentralschweiz, im Grossraum Zürich oder im Raum Basel. In der Ostschweiz berät der FDP-Stadtparlamentarier einzelne Areale, etwa in Nesslau und Rorschach. Und er führt die Geschäftsstellen des Hauseigentümerverbandes von Kanton und Stadt, das Gros seiner Beratungstätigkeit liegt aber ausserhalb der Ostschweiz.

Remo Daguati.

Remo Daguati.

Der «Bröggler» nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um den öffentlichen Verkehr geht. Der grösste Vorwurf: Kanton und Stadt haben es nicht geschafft, die Entwicklung in St.Fiden, Bahnhof Nord oder Winkeln (St.Gallen-West) – den Brachen an bester Lage entlang der im Talboden verlaufenden Gleise – mit der S-Bahn-Erschliessung in Einklang zu bringen. Das hat Folgen.

«Wir verharren in der traditionellen Industriementalität, während andere Regionen es schaffen, wissensbasierte Funktionen mit der Herstellung von Gütern und Produkten zu verknüpfen.»

St.Gallen wächst im falschen Sektor

Das ist vorerst nur eine Behauptung. Daguati kann sie aber belegen: Laut statistischen Kennzahlen boomte St.Gallen als Arbeitsort zwischen 2008 und 2016. Allerdings im falschen Sektor. Während andere Städte bei den Unternehmensdienstleistungen zugelegt haben, ist dieser Bereich in St.Gallen rückläufig – «und dies trotz HSG, die diese Kader ausbildet». Dasselbe gelte teilweise bei den hoch technologisierten Berufen. Entgegen dem schweizweiten Trend wachse St.Gallen im öffentlichen und staatsnahen Sektor. Fazit: Der Stadt geht wertvolles Steuersubstrat verloren, weil der Arbeitsmarkt bei den wertschöpfungsintensiven Jobs erodiert, die der Rest der Schweiz im dritten Sektor generiert.

Treibender Faktor bei der Ansiedlung von Unternehmen ist die Erreichbarkeit des Arbeitsplatzes vom Wohnort. Dieses Kriterium wird von Firmen bei der Standortwahl sehr hoch gewichtet: Je kürzer die Reisezeit von Tür zu Tür, desto grösser ist die Bereitschaft zu pendeln. Die Erfahrung zeigt: Städte mit hoher Erschliessungsgüte und guter Anbindung ihrer Stadtteile ziehen hochwertige Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich an und können hochqualifizierte Mitarbeiter als Einwohner halten. Umgekehrt spricht Daguati von einer «Knock-out-Schwelle» in der Standortgunst bei Bewohnern, Unternehmen und Talenten. Sie setze bei 45 Minuten ein und liege bei maximal 90 Minuten pro Fahrtweg für gut bezahlte, anspruchsvolle und herausfordernde, wissensbasierte Stellen.

«Wird diese Reisezeit überschritten, kommt es zu Wegzügen. Die Zuzüge und Ansiedlungen bleiben aus. Arbeitsplätze werden verlagert.»

Gemäss dem Modell des Standortförderers ist der Bürerstich die Grenze, wo die Fahrzeiten für wissensbasierte Jobs Richtung Osten zu lange werden. Den Raum von Niederwil bei Gossau bis zum Hirschensprung, dem Übergang vom Rheintal zum Werdenberg, bezeichnet Daguati als «nicht wettbewerbsfähig», ihn müsse man mit einem Befreiungsschlag aktivieren. Ums Linthgebiet und das Sarganserland im Süden macht er sich hingegen keine Sorgen – «in Wil stimmt es auch noch, in Uzwil auch, danach wird es böse».

S-Bahn-System wurde «verkrüppelt»

Im Vorteil sind Städte mit hohen Taktfrequenzen, geringen Umsteige- und Wartezeiten und optimierten Linien- und Haltestellen-Netzen. Doch die S-Bahn St.Gallen lahmt. Daguati weiss auch, warum. Irgendwann nach 2014 habe der damalige Volkswirtschaftsdirektor Benedikt Würth die Kantonshauptstadt geopfert. Das funktionierende S-Bahn-System mit dem Viertelstundentakt auf Stadtgebiet, minutengenau abgestimmt auf den Fernverkehr und die Region St.Gallen, sei zu Gunsten eines dritten schnellen Zuges zwischen Zürich und St.Gallen «verkrüppelt» worden.

Dies zu Gunsten eines Deals mit dem Kanton Thurgau. Dieser darf seither zuerst im Bahnhof Winterthur einfahren. Auch die Ausserrhoder erhielten ein Zückerchen, die ausgebaute Verbindung zwischen Herisau–St.Gallen–Konstanz. «Würth hätte abwägen müssen zwischen dem volkswirtschaftlichen Nutzen dieser zusätzlichen Fernverbindung und den vier Stadtbahnhöfen St.Fiden, Haggen, Bruggen und Winkeln, den Hubs zu den städtischen Entwicklungsschwerpunkten», sagt Daguati heute.

Die Folgen waren fatal: Der Tausch mit der Thurgauer Linie in Winterthur habe das System bis St.Gallen verlangsamt. «Seither gibt es Trassenkonflikte, sind Weichen am falschen Ort, einzelne Perrons zu wenig lang.» Die Fahrtfenster zwischen St.Gallen und Winterthur sind so eng geworden, dass sich Fern-, Regional- und Güterverkehr in die Quere kommen. Lachender Dritter in diesem Würth-Poker sei der Thurgau: «Die Wirtschaftsentwicklung in der nördlichen Ostschweiz geht in den nächsten 20 Jahren von Zürich über Winterthur sowohl Richtung Konstanz wie auch Richtung Romanshorn», prophezeit Daguati.

Ein Beispiel für erfolgreiche Arealentwicklung ist die «Suurstoffi». Auf dem Modellareal direkt am Bahnhof im zugerischen Rotkreuz siedelte die Immobilienunternehmung Zug Estates in den vergangenen zehn Jahren bedeutende Firmenzentralen an. Es gelang, das Erbe der Maschinenbauindustrie abzulegen und dafür Unternehmensfunktionen «aufzupfropfen», wie Daguati sagt. Heute wohnen hier 1500 Menschen, frequentieren rund 2000 Studenten das Areal, stehen 2500 Arbeitsplätze zur Verfügung. Auf dem Areal befindet sich die Brauerei Anheuser-Busch Inbev und der Firmensitz des Carsharing-Anbieters Mobility. Hier sind auch die IT- und Finance-Ausbildungen von FHS und Hochschule Luzern zu finden – und Aglaya, das erste Gartenhochhaus der Schweiz, ein vertikal begrünter, inzwischen national bekannter Wohntower.

Eine neue Stadt über den Gleisen

Daguati belässt es nicht beim Schwarzmalen. Auch St.Gallen hätte eine solche Trumpfkarte, das Bahnhofareal St.Fiden. Eine Hintertür gewissermassen, um aus der Spirale der Negativentwicklung herauszukommen. Gebaut auf einem Lärmdeckel könnte hier eine neue Stadt über den Gleisen mit wissensbasierten Jobs entstehen – mitgetragen von rund 760 Ärzten und 3000 Mitarbeitenden am Kantonsspital, der Olma sowie einem Forschungszentrum. Daguati:

«Das geht aber nicht ohne funktionierenden S-Bahn-Knoten. Zu prüfen wäre wohl auch ein Fernverkehrshalt.»

St.Gallen brauche eine mutige Entwicklungsagenda – «einen Marshallplan!»